Original des Reiseführers von 1826
Adrian Ludwig Richter: „Der Bielergrund bei den Oberhütten zwischen Hermsdorf und Rosenthal“. Radierung um 1820
Die „Oberhütt’ner oder „Grundmühle“, ab 1824 „Schweizermühle“ – hier schrieb Carl Merkel an seinem Reiseführer
Der Nachdruck von 2010
von Hans-Georg Hering
Im Jahre 1826 druckte der Verlag von J. G. Lehmann in Bautzen das im Selbstverlag in Bischofswerda erstellte Werkchen: „Biela oder Beschreibung der westlichen sächsisch-böhmischen Schweiz – Ein Taschenbuch für Freunde der schönen Natur.“
Autor war der Privatgelehrte und Entdeckungs-Reisende Carl Merkel, welchem unsere „Schweizermühle“ im Jahre 1824 ihre Namensgebung verdankt.
In einem Vorwort schreibt C.Merkel 1825 (Zitat Beginn): „Und daher begann ich die genaueste Untersuchung dieser herrlichen Gebürgslandschaft zu einer Zeit, wo man lieber am warmen Ofen sitzt, als solch grauenvolle Abgründe und Schlüchte durchkriecht und solch rauhe Berge und Felsenhöhen besteigt.
Mit Lebensgefahr habe ich fast alle diese Wanderungen alleine gemacht und mich nicht selten so verstiegen, daß mir um ein Zurückkommen bange wurde.
Ich habe auf meinen früheren Reisen durch das südliche Deutschland, die Schweiz, Salzburg, Oesterreich und Schlesien sehr viel Schönes der Art gesehen; doch solch herrliche Felsengruppen, wie ich besonders im Bielagrunde und den Thyßner Wänden fand, sind mir dort nirgends aufgestoßen“ (Zitat Ende)
Am Schluss seines Vorwortes vermerkt Merkel: „Geschrieben im Bielgrunde zu Ende Herbstes 1825“. Im Vorfeld des 100ten Erscheinungstermines von Merkels „Bielatalführer“ 1926 schreib der Lehrer, Autor und bekennende Heimatfreund Siegfried Störzner aus Dresden 1925 mehrere Artikel in hießigen regionalen Publikationen, z.B. „Ein Bielatalführer vor 100 Jahren“ und „Ein Bischofswerdaer als Schweizführer vor 100 Jahren“.
Aus diesem Artikel möchte ich hier einige Passagen vorstellen. (Teilzitat Beginn):
Es sei heute im Jubeljahre vergönnt, etwas von diesem berühmten aber seltsamen Geographen und der Entstehungsgeschichte seines Schweizführers zu berichten.
Im Winter des Jahres 1825 hatte sich in einer einfachen Mühle des oberen Bielatals, drei Wegstunden von Königstein, ein gar wunderlicher Gelehrter eingenistet, der erste Fremde, den Rosenthal seit langer Zeit gesehen. Ein Kandidat mit Namen Carl Merkel war es, der drunten im Bielagrunde hauste, wie der Müller Gottlob Geißler den neugierigen Rosenthalern erzählt hatte, die den jungen Mann bei Sturm und Regen, bei Schnee und Eis draußen im Wald und auf der Heide, in den Schluchten und auf den Felszinnen beobachtet hatten. Was es in dem abgelegenen Gebirgswinkel wohl zu erforschen und zu entdecken gäbe, was der sonderbare Heilige, der nun seit Monden drunten in der Mühle hause, hier wolle – das waren Fragen, über die sich die biederen Dörfler in der Schenke, beim Schmied und Krämer fast die Köpfe zerbrachen. Der Herr Kandidat aber lag draußen im Walde, kroch zwischen den Felswänden umher, meist allein, aber auch in Gesellschaft des Unterförsters Puttrich, mit dem ihn sein Wirt bekannt gemacht hat und an den sich Merkel angeschlossen hatte, da ihm der Forstmann als der beste Kenner der Gegend bezeichnet worden war.
Puttrich war gleich Merkel ein „Waldläufer“, dem es am wohlsten war, wenn er draußen in seiner Heide streifen konnte. Er stammte aus einem seit Jahrhunderten in diesem Waldgebirge angesessenen Geschlechte, bei dem sich der Försterberuf immer vom Vater auf den Sohn vererbt hatte. Mit Stolz erzählte er dem jungen Bischofswerdaer von seinem Ahn, dem Königlichen Förster Gottfried Puttrich zu Hinterhermsdorf, wie dieser Anno 1743 nach langem Spüren den letzten Luchs des Grenzwaldes durch einen Selbstschuß erlegt und wie dies große Weidmannsheil im Ziegengrunde nahe der Kirnicht durch eine Skulptur an einem Felsblocke verewigt worden sei.
Wenn die beiden Männer nicht im Walde umherstreiften, dann saß Carl Merkel in seiner Mühlstube zu Oberhütten, schmauchte die lange Studentenpfeife und brachte fein säuberlich zu Papier, was ihm draußen im Forste der Waldhüter gezeigt: eine ganz unbekannte Felsspalte, in der einst ein Doninchen Burggraf bei der großen Fehde gegen die Körbitze und den Landesherren eine Zuflucht gefunden, die Schwedenhöhle, in der zu Kriegszeiten die Bewohner geflüchtet, wo sie auch ihre Habseligkeiten versteckt, das Eisloch, dessen Grund selbst im heißesten Sommer Schnee und Eis barg, einen prächtigen Aussichtspunkt, eine schlanke Felsgestalt, aus einer durch der Mutter Fluch verzauberten Jungfrau entstanden, ein riesiger Wackelstein, den man ohne große Mühe in schaukelnde Bewegung versetzen konnte und was es sonst hier Seltsames zu schauen gab. (Zitat Ende)
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war C.Merkels „Bielatalführer“, meist nur kurz „die Bila“ genannt, der wohl am häufigsten genutzte Reiseführer für die linkselbische sächsisch böhmische Schweiz und ihrer Randgebiete – trotz seiner oft kritisierten Fehler und Mängel.
Später geriet das Werkchen allmählig in Vergessenheit, kaum noch Originalexemplare waren aufzutreiben, da die Auflagenhöhe wohl schon 1826 nicht sehr hoch war.
Nur in einigen Museen und Privatsammlungen schlummerten noch seltene Originale.
Ich konnte bei meinen Nachforschungen ein Solches im Bestand der „Sächsischen Landes – und Universitätsbibliothek“ (SLUB) in Dresden orten – freundlicherweise, aber kostenintensiv, wurde mir von diesem Exemplar schon vor 40 Jahren eine Kopie angefertigt.
2010 ließ das „Nationalparkamt Sächsische Schweiz“ von Vorlagen aus der „Hasse-Stiftung“ einige nichtkommerzielle Nachdrucke von Merkels Reiseführer in geringer Stückzahl anfertigen – ich hatte das große Glück, einen dieser raren Nachdrucke erwerben zu können! (Quellen im Text erwähnt)