von Hans-Georg Hering
…so könnte man vornehm umschreiben, was mir einmal während meiner Lehrzeit bei einem Bauern in der Sächsischen Schweiz widerfuhr.
Es war Anfang der 1940er Jahre, als eines Tages meine Bäuerin mich beauftragte: „Unser Schaf ist „warm“ und „ramdösig“, deshalb gehst du nach dem Frühstück mit ihm zum Schafbock ins übernächste Dorf. Ein kleines Stückchen hinter dem Dorfe (es war aber mehr als nur ein Stückchen, wie ich später leidvoll erleben musste) ist links die Koppel mit einem Stall, dort findest du den Bock. Du kannst es von der Straße aus gar nicht übersehen. Und trödele nicht herum, sondern beeile dich, damit du zu Mittag wieder zurück bist!“
Das waren ihre mahnenden Worte, also nahm ich das „warme“ Schaf am Strick und trabte mit ihm noch frohen Mutes los. Als wir auf die Landstraße kamen, noch ohne Zwischenfall, blieb das Tier das erste Mal stehen. Mit gutem Zureden und schon leichtem Zwang meinerseits kamen wir wenigstens noch bis hinter den Ortsrand, aber dann ging das nervende Dilemma erst richtig los!
Das Vieh wollte einfach nicht vorwärts – stückweise musste ich das sture blöckende Luder von Schaf schieben, dann von vorn zerren und ziehen, dass sein Hals immer länger wurde sogar in meiner Verzweiflung getragen habe ich das dumme Vieh! Aber das konnte ich nicht lange durchhalten – damals war ich noch ein dürres Kerlchen ohne Mumm. Als mich der Autobus in die Kreisstadt überholte, haben die Fahrgäste sich köstlich über meine vergeblichen Bemühungen mit dem störrischen Schaf amüsiert. Mir war aber allmählich zum Heulen!
Bei der Durchquerung unseres Nachbardorfes musste ich mir zahlreiche Ratschläge anhören – teils ehrlich gemeint, teils voller Schadenfreude. Wirklich geholfen hat mir niemand.
Inzwischen war schon soviel Zeit vergangen, dass der Bus wieder zurückkam und der Fahrer mich auslachte ob meiner vergeblichen Mühe mit dem sturen Schaf. Ich wünschte ihm voller Grimm, sein Bus möge auch einmal streiken und nicht wieder anspringen!
Erst nach dem Mittag waren wir endlich an Ort und Stelle beim Bock, und es hat mit ihm und meinem störrischen Schaf auch gleich geklappt, so dass wir wieder den Rückweg antreten wollten. Aber das war leichter gesagt als getan – ich hätte damals das Mistvieh von Schaf vergiften können!
Immer wieder blieb das Tier stehen, ich hatte wieder meine liebe Not, es vorwärts zu bewegen, mir standen vor Anstrengung und Wut die Tränen in den Augen.
Spöttische Bemerkungen von Passanten und den Busfahrern und Fahrgästen, welche sich über den unglücklichen „Tierbändiger“ und sein störrisches Vieh amüsierten, begleiteten meine Odyssee. Endlich waren wir kurz vor unserem Bauernhof und siehe da – plötzlich fing das Schaf an zu rennen und mit freudigem Blöcken rannte es von selbst in seinen Stall hinein!
Ich musste mir nun von meiner Bäuerin schlimme Vorwürfe anhören – von wegen herumtrödeln, sich einen schönen Tag machen, während hier die Arbeit wartete, sogar „Faulpelz“ nannte sie mich.
All die ungerechten Vorwürfe, die auf mich herunterprasselten, gingen im wahrsten Sinne des Wortes „auf keine Kuhhaut“. Meine Erklärungs-, Entschuldigungs- und Verteidigungsversuche wurden gar nicht angehört – ich war wie meistens der allein Schuldige!
Einige Tage später sagten andere Bauersfrauen aus unserem Dorfe zu meiner Bäuerin: „Vor ein paar Tagen haben wir deinen Lehrjungen sehr bedauert“! Und sie erzählten ihr, was ich mit dem sturen Luder von Schaf durchmachen musste und so erfuhr meine „Chefin“, wie es sich wirklich zugetragen hatte und dass ich unschuldig an der Sache war!
Eine Entschuldigung der Bäuerin für ihre ungerechtfertigten Vorwürfe gab es aber nicht – ich war nun mal der Lehrjunge, dem man so umspringen konnte, getreu dem alten Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“
(Nach einer wahren Begebenheit) Erinnerungen von G. Lang in die „Botenfrau“, Heft Nr. 1/2012)