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Amtsblatt der Stadt Raguhn-Jeßnitz
Ausgabe 6/2026
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Heimatverein Jeßnitz (Anh.) e. V.

Ein Dachbodenfund der besonderen Art

Als ich 15 Jahre alt war, gehörte ich dem Literaturzirkel der Jeßnitzer Schule an, der unter der Leitung des Deutschlehrers Wolfgang Schüßler stand. Wir begeisterten uns für Gedichte aller Art, erarbeiteten Programme, mit denen wir auch vor Schülerinnen und Schülern in den Nachbarorten auftraten, und nahmen an Rezitationswettbewerben des Bezirks Halle teil.

Besonders erinnere ich mich an ein Wettbewerbsprogramm mit dem Titel „Des Menschen Hände“. Nachdem wir passende Gedichte ausgewählt hatten, übergab mir Herr Schüßler ein Gedicht, das er selbst geschrieben hatte. Ich war von diesem Text tief beeindruckt und zugleich stolz darauf, für dessen Vortrag ausgewählt worden zu sein.

Später verschwanden die Materialien auf unserem Dachboden und gerieten nach und nach in Vergessenheit. Lediglich die ersten Zeilen des Gedichts blieben mir stets im Gedächtnis. Umso größer war meine Freude, als bei einer Aufräumaktion eine alte Mappe wieder zum Vorschein kam. Darin befand sich das Gedicht „Vermächtnis“, das bislang noch nie veröffentlicht worden war.

Da sein Inhalt auch heute nichts von seiner Aktualität und Bedeutung verloren hat, möchte ich dieses besondere Fundstück nun der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Ursula Folta

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Wolfgang Schüßler

Vermächtnis

Bedenke, Mensch, du hütest ein Vermächtnis,

das die Natur dir sorglich anvertraut:

Zwei Menschenhände, Diener deines Willens

und Zeugen deines Wesens, offenbaren

Geschick und Anmut, Kraft und Zärtlichkeit.

Welch schönes Bildnis hohen Menschentums:

zwei Hände, die ein junges Bäumlein pflanzen -

zwei Hände, denen der Maschinenriese

auf einen Druck des Hebels stumm gehorcht -

zwei Künstlerhände auf des Flügels Tasten -

zwei Hände, die dem Schwachen tragen helfen -

die Hand des Arztes, heilend, lebenspendend -

zwei Hände, die im liebendem Vertraun

und stiller Eintracht zueinander fanden -

der Mutter Hände auf dem Haupt des Kindes ...

Wär‘ es doch nie das Los von Menschenhänden,

missbraucht zu werden; frevelhaft entehrt,

im würdelosen Solde der Gewalt

des Todes Saat zu streun, den Keim des Unheils

und der Vernichtung in die Welt zu senken!

O Mensch, verwalte treulich das Vermächtnis,

das die Natur dir sorgend anvertraut:

Bewähre deine Hände in dem Dienste

des friedevollen Glückes dieser Erde;

bewähre sie zu edler Tat bereit!

Der Menschenhand Beruf ist Menschlichkeit