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Amtsblatt der Stadt Raguhn-Jeßnitz
Ausgabe 8/2026
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Heimat- und Kulturverein Raguhn e. V.

Pabst & Kilian – Wie ein kleines Unternehmen Technikgeschichte schrieb

(Dr. Günter Matter)

Die Firma „Pabst & Kilian Drahtweberei und Metalltuchfabrik GmbH“ aus Raguhn stellte seit Anfang des 20. Jahrhunderts Metallgewebe verschiedenster Art her. Besonders bedeutend waren Maschinensiebe für Papierfabriken, die in der industriellen Papierproduktion eingesetzt wurden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Raguhn mehrere Betriebe der Metallverarbeitung und Drahtweberei. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Ort zu einem der wichtigsten deutschen Standorte für Drahtgewebe, Metalltücher, Papiermaschinensiebe und Lochbleche.

1899 gründeten der Werkmeister Kilian und der Kaufmann Pabst die „Pabst & Kilian Drahtweberei und Metalltuchfabrik GmbH“. Sie übernahmen das insolvente Emaillierwerk hinter der damaligen Hauptstraße 21/22 in Raguhn, der heutigen Rathausstraße. Schritt für Schritt entstand daraus ein Fachbetrieb für feinmaschige Drahtgewebe. Neben einfachen Drahtgeflechten fertigte das Unternehmen zunehmend anspruchsvolle Metalltücher und Siebgewebe aus Messing-, Kupfer-, Phosphorbronze- und Nickeldraht. Diese Produkte wurden unter anderem in der Papierindustrie als Entwässerungssiebe sowie für spezielle Filter- und Trennverfahren eingesetzt. Damit wurde Pabst & Kilian für ganze Produktionszweige unverzichtbar.

 

 

Bild1: Luftaufnahme von Raguhn um 1930.1

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1 Ausschnitt aus einer Postkarte.

Wie viele Unternehmen in Mitteldeutschland musste auch Pabst & Kilian nach dem Zweiten Weltkrieg mit Rohstoffmangel, wirtschaftlicher Neuordnung und staatlicher Kontrolle umgehen. Zugleich blieb der Bedarf an Papiermaschinensieben hoch, da Papier dringend gebraucht wurde. Diese schwierigen Bedingungen führten dazu, dass in Raguhn nach neuen Lösungen für Maschinensiebe gesucht wurde.

Papier und Pappe entstehen in einem kontinuierlichen Verfahren. Pflanzliche Fasern oder recyceltes Altpapier werden zunächst mit viel Wasser zu einem dünnflüssigen Faserbrei vermischt. Dieser Brei wird gleichmäßig über die gesamte Breite der Papiermaschine auf das Maschinensieb aufgetragen. Auf dem endlos umlaufenden Gewebeband wird die spätere Papierbahn geformt. In dieser Siebpartie läuft ein großer Teil des Wassers durch das Gewebe ab, während sich die Fasern verbinden und eine zusammenhängende Bahn bilden.

 

 

Bild 2: Werbung von Pabst & Kilian aus den 1930er Jahren.

Die damals üblichen Papiermaschinensiebe erforderten große Mengen feinster Phosphorbronzedrähte. Wegen Rohstoffknappheit und Reparationsleistungen an die UdSSR waren diese jedoch kaum verfügbar. Vor diesem Hintergrund begann Hans-Joachim Thomas (1922–1997) 1948 bei Pabst & Kilian mit der Entwicklung eines Ersatzmaterials für metallische Papiermaschinensiebe. Ziel war es, die bewährten Bronzesiebe durch ein Kunststoffgewebe zu ersetzen.

Ein Entwicklungskollektiv aus Mitarbeitern der Filmfabrik Wolfen, der Papierfabrik Groitzsch und der Abteilung Papiertechnik der Ingenieurschule Köthen entwickelte unter der Leitung von Hans-Joachim Thomas innerhalb von drei Jahren ein Maschinensieb aus Perlon-Fäden. Die größte technische Herausforderung bestand dabei nicht darin, Perlon-Fäden herzustellen, sondern so zu verweben, dass sie den extremen Belastungen einer Papiermaschine standhielten.

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg wurden im „Wissenschaftlichen Labor Kunstseide“ der Filmfabrik Wolfen synthetische Fasern entwickelt. Perlon, ein Polyamid PA 6, geht auf Arbeiten von Paul Schlack (1897–1987) von der Firma Aceta GmbH in Berlin aus dem Jahr 1938 zurück. Die Aceta GmbH, Mitglied der Sparte III des I.G. Farbenkonzerns, war der Filmfabrik Wolfen unterstellt.

1951 konnte Hans-Joachim Thomas das erste vollständig aus Perlon gefertigte Papiermaschinensieb in eine Papiermaschine des VEB Rohpappenfabrik Groitzsch einbauen. Dieser Einsatz gilt als Meilenstein der Papiertechnik: Erstmals arbeitete eine Papiermaschine mit einem vollsynthetischen Maschinensieb. Gegenüber herkömmlichen Bronzesieben bot das neue Sieb deutliche Vorteile. Es hatte eine wesentlich längere Standzeit, war korrosionsbeständig, wog weniger, ließ sich leichter warten und konnte kostengünstiger hergestellt werden.

Die Entwicklung moderner synthetischer Maschinensiebe aus Polyamid (Perlon) und später aus Polyester war ein bedeutender Fortschritt. Pabst & Kilian in Raguhn leitete den Übergang von metallischen zu synthetischen Papiermaschinensieben ein. Diese Leistung zählt zu den wichtigen Innovationen der Papierherstellung im 20. Jahrhundert. Während die Erfindung des Werkstoffs Perlon auf chemische Forschung zurückging, bestand die ingenieurtechnische Leistung darin, erstmals ein funktionsfähiges endloses Kunststoffmaschinensieb herzustellen und erfolgreich im industriellen Maßstab einzusetzen.

 

 

Bild 3: Die Reste von Pabst & Kilian hinter dem Haus Rathausstraße 21 in Raguhn im Jahr 2009.2

Die Entwicklung bei Pabst & Kilian in Raguhn leitete den Übergang von metallischen zu synthetischen Papiermaschinensieben ein. In den folgenden Jahren setzte sich diese Technologie weltweit durch.

2 Fotos: Günter Matter

Nach 1990 wurde Pabst & Kilian von Haver & Boecker aus Oelde übernommen. Einige Jahre später wurde der Standort Raguhn aufgegeben. Auch wenn der Name Pabst & Kilian heute weitgehend vergessen ist, sollte daran erinnert werden, dass das Unternehmen den technologischen Wandel in der Papierindustrie eingeleitet hat.

Nachweise

Thomas, Hans-Joachim: Geschichte der Raguhner Familien Thomas, Naumann und Paschasius, in: Raguhner Geschichte(n) – Persönlichkeiten der Stadt Raguhn - Zweiter Teil, Raguhn, 2024, S.92 f, 150, 164.

Thomas, Hans-Joachim: Tot ist, wer vergessen ist – Eine Familiengeschichte, Manuskript, Raguhn, 1989.

Persönliche Mitteilungen von Reinhard Nedlitz (Raguhn), Helmut Hille (Raguhn), Bernd Brückner (Raguhn), Jürgen Gärtner (Jüdenberg), Amadeus Thomas (Zwickau) im Juni 2026.