Titel Logo
Saale-Elster-Luppe-Auen-Kurier
Ausgabe 5/2021
Ortsteil Luppenau
Zurück zur vorigeren Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Ostern 21 in Luppenau

Hand aufs Herz, meine verehrten Luppenauer, wie halten Sie es mit dem Osterspaziergang? Nein, ich meine nicht, ob Sie durch die Aue von Lössen oder Tragarth nach Löpitz laufen, was wegen pandemiebedingter Einschränkungen in diesem Jahr ohnehin nicht gefordert worden wäre. Ich denke an den immer wieder abgefragten Klassiker aus Faust, erster Teil. Ich kann ihn, saisonal grundsätzlich vollständig richtig um ihn dann wieder zu vergessen – bis auf die Passagen die mit dem Wetter oder der Freude am dörflichen Leben zusammenhängen. Auch wenn alles, was sich hinsichtlich der Auferstehung aus mittelalterlich urbanen Verhältnissen wegen doch recht schwierigen Versmaßes so schwer einprägen lässt, immer wieder zu Stockungen und Ausfällen führt, lieben wir diese Zeilen. Wir versuchen es immer wieder und straucheln, noch bevor die Stadtbevölkerung das hohle finstre Tor verlässt. Dabei, gestatten Sie mir das Wortspiel, besteht durchaus die Gefahr, den Halt auf den Beinen zu verlieren, denn Goethe beschreibt ja einen äußerst unangenehmen Niederschlag, der üblicherweise mit Matsch und Glätte einhergeht, wenngleich das Folgende bei schönstem Sonnenschein passiert. Das ist zeitlos und unverbindlich – genial eben.

Und was macht Heike Gilluck? Begeistert über den pfiffigen Plan, den Ricarda Zimmermann dem Ortschaftsrat offeriert hatte, den österlichen Kontaktbeschränkungen ein Schnippchen zu schlagen, fasst sie ihre Frühlingsgefühle in Reime voller Wärme und Schönheit, mit Blüten, Tieren und hoppelnden Hasen. Dem Ortsbürgermeister gefällt das auch, zumal es sich um die erste Aktivität des Dorfes nach langer Zeit handelt, und veröffentlicht das Gedicht im Voraus! Dann passiert das, was mit solchen sich oft selbst negierenden Prophezeiungen eben passiert: Im konkreten Fall regnet und schneit und hagelt es. Es kommt noch schlimmer. Die Eier dürfen aus bekannten Gründen nicht gesucht, sondern sollen – so der Plan und so steht es gereimt – mittels eines Wagens hygienisch korrekt verteilt werden. Der Begriff Wagen ist recht weit gefasst und umschließt alles zwischen Bollerwagen und Staatskarosse. Auch ein Cabriolet könnte gemeint sein aber auf keinen Fall das, was Marlies Horrmann besorgt hat:

Auf das Grundstück der alten Mosterei in Tragarth fuhr am Ostermontagmorgen mit dem wohlklingenden sonoren Tuckern seines Diesels ein FENDT Farmer 3S schwungvoll ein. Dieser Schlepper mit dem historischen Baujahr 1967 sollte die eigentliche Attraktion des Tages sein. Auf seine Ackerschiene (Montagevorrichtung für landwirtschaftliche Geräte) hatte der Fahrer einen großen Wäschekorb gestellt, welcher die bereits in Tüten gepackten Geschenke für 44 Kinder unter 11 Jahren enthielt. Allein die von den Hasen selbst angefertigten Tüten! Vorne Hasengesicht, oben Ohren, dazwischen Schnurhenkel, damit niemand Meister Lampe bei den Löffeln packen müsse, hinten aber, kein Schwänzchen (In der Fachsprache der Jäger zeigt der Hase bei der Flucht durch das Aufrichten desselben seine weiße Lampe. Ihr intermittierendes Aufleuchten beim Hoppeln irritiert den Verfolger.), sondern das Gedicht!

Auf dem Kotflügel nahm die Häsin Platz und wurde fortan zum Opfer ihrer antiprophetischen Lyrik. Sicherlich wärmten die Fellkappe mit Ohren und eine aus gleichem Material gefertigte kurze Hose ein wenig, die roten Kniestrümpfe und das karierte Hemd fröstelten zweifellos. Auf dem Rücken trug sie nach Hasenart die Kiepe mit buntgefärbten Eiern, auf dem Schoß ein kleineres Körbchen. So gingen auch unverhofft am Straßenrand auftauchende Enkel nicht leer aus. Marlies Horrmann dirigierte den Zug persönlich durch ihren Ort. Die Althäsin Uhlmann erhielt eine knackige, frisch geputzte Möhre zum alsbaldigen Verzehr. Weiter ging es die Luppe überquerend nach Löpitz und kaum angekommen präsentierte die Treckerbesatzung stolz eine Flasche Eierlikör. Sandberg, Kastanienallee, Am Schloss: Vorausgehend trug der gleichfalls durch Ohren, Lederhose und Wanderschuhe einschlägig charakterisierte Ortsbürgermeister, mit seiner zunehmend aufweichenden Liste, schwer an der Verantwortung, wurde aber von seiner angetrauten Häsin mit aufmerksam aufgestellten Ohren eifrig und klug assistiert. Die Anwohner erfreuten sich nicht nur am Fahrzeug, den Hasen, und Tüten, nein überhaupt an der positiv und optimistisch stimmenden Idee und brachten das auch immer wieder zum Ausdruck. Löpitz verlassend gewann der Regen an Kraft, vermischte sich mit den ersten Flocken. In Lössen warteten einige Familien schon am schützenden Bushäuschen, was die Prozedur durchaus beschleunigte, noch eine Adresse am Ortsausgang und die Hasen waren fertig. So durfte ich noch für einige Meter auf den Kotflügel und weiß jetzt, was die Hasenknochen so aushalten mussten, aber der Spaß war es zweifellos wert. Wenn wir heutzutage weder aus dumpfen Gemächern noch aus dem Druck von Giebeln und Dächern auferstehen müssen, so haben wir uns doch für einen liebenswerten Moment aus der Tristesse der Pandemieregeln befreit.

Nach einem abschließenden Gespräch im Bushäuschen - über die aufstrebende Traktorenszene, Ersatzteile und Treckertreffen an fast jedem Sommerwochenende - stieg Marcus Schneidereit auf seinen grünen, von gewünschter Alterspatina überzogenen Schlepper, legte den einzigen nicht untersetzten Vorwärtsgang ein und brauste mit 30 km/h Höchstgeschwindigkeit nach Leuna Ockendorf.

Dennoch möchte ich im nächsten Jahr wieder das Osterfeuer, die Osterwiese und sollte es sein, dass die Luppe bis dahin wieder Wasser führt und aufgeräumt ist – wie der Fluss in Breit und Länge so manchen lustigen Nachen bewegt – kommen wir vielleicht auch mit dem Boot. Viel Spaß mit den Fotos (www.luppenau.de)!

Bleiben Sie vorsichtig und gesund, den Erkrankten gute Besserung!

Ilja Bakkal

Bildunterschrift: Lupp.Ostern: Der Osterhase in Luppenau