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Amts- und Mitteilungsblatt
Ausgabe 14/2019
Aus vergangenen Zeiten
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Aus vergangenen Zeiten

Bild: „Bergleute in Parade“

Bild: „Goldener Bock“

„Alles Kommt vom Bergwerk her“ (Schluss)

Die Gründung der Knappschaften – die größte soziale Errungenschaft im Mittelalter

Die Bergleute verlangten die Abrechnung des Büchsenpfennigs alle Quartale oder wenigstens alle Jahre. Die Knappen wollten nur einen Pfaffen haben, der ihnen Gottes Wort predigte. Die übrigen sollte der Bergmeister, weil er sie ja auch entlohnte, im Auftrag der Knappschaft entlassen. In Annaberg dagegen, wo Herzog Georg der Gegenspieler war, erreichte die Knappschaft so gut wie nichts. Wahrscheinlich ist alles beim alten geblieben. In den anderen Bergrevieren scheint es nicht anders gewesen zu sein. Der Rückzug des Büchsenpfennigs zur Knappschaft hin, hatte auch die Folge, dass die Bergmetten aus den Kirchen verschwanden und am Heiligabend auf den Gruben abgehalten wurden.

Die Bergleute setzten sich Dank ihrer geschlossenen Kraft durch und verwendeten den Büchsenpfennig für ihr sozialen Ziele. Es war die größte soziale Errungenschaft im Mittelalter: „Es entstand die erste Krankenkasse in Deutschland“, die unter genossenschaftlicher Obhut stand. Das konnte nur geschehen, weil die Bergleute sich immer einig waren und unter ihnen eine Zusammengehörigkeit entwickelt hat, die seine Gleichen sucht. Das lag aber in der Natur der Dinge, denn im täglichen Arbeitsprozess musste immer Einer für den Anderen da sein. Die Bergleute halfen sich solidarisch untereinander, insbesondere bei Verletzungen und Unfällen.

Das Glück, was sich die Bergleute erkämpft und erstritten haben, sollte jedoch nicht lange halten. Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts wurde der sächsische Kurfürst Mitglied der Knappschaft. Damit geriet das Knappschaftswesen immer unter staatliche Kontrolle. Knappschaftliche Selbstverwaltung ging somit verloren. Andererseits haben die Knappschaften unter der Verwaltung der Bergämter eine qualitative Entwicklung genommen, die sie zu einer modernen Versicherungseinrichtung werden ließ. Trotzdem haben sich die Bergleute dagegen gewehrt, denn mit dieser Entwicklung verlor die Knappschaft ihre traditionelle Doppelnatur als Fürsorge und Standesorganisation. Und es zeigte sich sofort, dass die gewachsenen und erkämpften sozialen Rechte der Knappen bedroht waren. Als Sozialeinrichtung hatte sich die Knappschaft allerdings in den Jahren zuvor so bewährt, dass sie in den Augen der besten deutschen Unternehmer und der Reichsregierung ein ideales Vorbild für die Bismarksche Arbeiterversicherung wurde, auch wenn diese nicht auf dem Berufsprinzip und der Zusammenfassung der verschiedenen Versicherungsrisiken beruhte.

In Schlettau wurde am 25. November 1894 die Begräbniskasse der Bergknappschaft zu Schlettau gegründet. 61 Bürger unterschrieben das Statut der Begräbniskasse. Nur männliche Einwohner und Auswärtige konnten bei Vollendung des 21. Lebensjahres Mitglied werden, auch Frauen der Mitglieder.

Die Steuer wurde aller 14 Tage vom Einsammler abgeholt Das waren 60 Pfennige, aber nur so lange, bis ein Guthaben von 30 Mark erreicht war. Die Steuer war mit 3% verzinst. Im Sterbefall erhielten die Angehörigen das angesparte Vermögen. Die jüngsten Mitglieder hatten im Ornat den Sarg zu tragen, die Älteren hatten als Begleitung zu laufen. Wer sich dem ohne triftigen Grund verweigert hat erhielt ein finanzielle Strafe, die von Guthaben der Ansparung in die Kasse wanderte. Mit dem Statut war das Mitgliederleben klar geregelt. Es gab eindeutige Verantwortlichkeiten. Jährlich am Aschermittwoch feierte die Begräbniskasse der Bergknappschaft zu Schlettau am Vormittag einen Berggottesdienst in der Kirche und am Abend klang der Tag mit einem Knappschaftsball im Konzert- und Ballhaus „Gasthof zum goldenen Bock“ aus. Letztmalig wurde solch ein Ball 1939 abgehalten. Bei der Königlichen Amtshauptmannschaft zu Annaberg wurde dafür jährlich die Genehmigung eingeholt. Im Mai 1945 wurde zum letzten mal die Steuer von den Mitgliedern einkassiert. Erst 1999 mit der Wiedergründung der Bergknappschaft Schlettau e.V. zog wieder bergmännisches Leben und Brauchtum in die Bergstadt Schlettau ein.

Jürgen Ziller