„In Deutschland ist Radfahren eine brisante Mischung aus versuchtem Totschlag, Lust am Suizid und einer inbrünstig ausgelebten Weltanschauung.“ So die Einschätzung von Maxim Gorski in seiner „Gebrauchsanweisung für Deutschland“. Dieser Einschätzung stimmt wohl auch heute noch eine Mehrheit zu.
In Gemeinden des Amtes Unterspreewald hatte das Fahrrad schon vor 1900 seinen Siegeszug angetreten. In Golßen wurden um 1890 die ersten Drahtesel bestaunt. Wie alles Neue stießen sie gleichzeitig auf Begeisterung und Ablehnung. Im „Golßener Stadtblatt“ spottete ein anonymer Leser damals über die gebeugte Haltung der Radler und meinte: „wie Paviane“.
1896 gründeten die Golßener Fleischermeister Tasche und Knoch den ersten Radfahrverein. Dessen Ziele waren die „Pflege des gesundheitsfördernden Fahrens“ und „gesellschaftliche Touren zur Hebung der Fahrfreude“. Der Verein organisierte auch erste Wettkämpfe. 1897 benötigte der Sieger eines 20 km-Rennens genau 48 Minuten, was einer Durchschnittsge-schwindigkeit von 25 km/h entspricht. In Anbetracht der damals noch recht einfachen Räder ohne Gangschaltung und der schlechten Straßenverhältnisse, eine beachtliche Leistung.
Ein anderer, heute nahezu vergessener Wettbewerb, war das „Langsam-Fahren“. 1897 brauchte der Sieger eines solchen „Rennens“ über 200 Meter 4 Minuten und 50 Sekunden.
In den Anfangsjahren konnten sich nur Besserverdienende ein Fahrrad leisten und so waren bis1897 lediglich 41 Fahrradbesitzer in Golßen registriert – fast ausnahmslos Gewerbetreibende. Da im Wilhelminischen Preußen alles geregelt sein musste, veröffentlichte das Stadtblatt auch „10 Gebote für das Fahrradfahren“ – für deren Gegner eine willkommene Handhabe „wilde Radfahrer“ auf Verstöße hinzuweisen oder sogar anzuzeigen.
Der Siegeszug des Rades war aber nicht mehr zu stoppen. Die Nachfrage stieg kontinuierlich. Dementsprechend versprach der Verkauf einigen Gewinn. Und so warben um 1910 allein in Golßen fünf Fahrradverkäufer um Kundschaft. Neben Ludwig Müller („Klempner Müller“) und Ludwig Linke in der Mühlenstraße, waren das Alfred Stuck und Emil Bulicke in der heutigen Hauptstraße, sowie Carl Kupplich in der Berliner Straße. Bei Bulicke waren Räder der Marke „Exelsior“ ab 90 Reichsmark zu haben. Stuck verkaufte „Diamant“-Räder ab 150 RM und Müller bot Räder der Marke „Brennabor“ an.
Ein Grund für die wachsende Beliebtheit der Zweiräder waren, die schon vor dem Ersten Weltkrieg zahlreich veranstalteten großen Straßenrennen. Einige wie die Tour Berlin – Wien berührten auch Golßen und Dörfer an der B 96. Und da die Rennfahrer z. B. bei Berlin-Wien eine Zwangspause am damaligen „Hotel zur goldenen Krone“ (heute Hauptstraße 26) einlegen mussten, konnten Radsportfans ihre Idole hautnah erleben. In der Folge schossen Radfahrvereine hierzulande wie Pilze aus dem Boden.
Beispiele:
1905: in Golßen ein zweiter Radfahrverein „Stern“ und einer in Landwehr
1906: in Zützen der Verein „Frühlingslust und in Drahnsdorf „Frohes Ziel“;
1908: in Sellendorf „Frisch auf“
1909: ein Radfahrverein in Prierow
Mit dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) erlitt das Radfahren als Sport- und Freizeitvergnügen einen schweren Rückschlag. Vereine lösten sich auf, da viele Radfahrer eingezogen wurden und oft verletzt oder gar nicht mehr zurückkehrten. Einige Jahre litt die Bevölkerung Hunger und für Freizeitaktivitäten war keine Zeit.