Titel Logo
Unterspreewald-Journal
Ausgabe 2/2026
Nichtamtlicher Teil
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Fahrradgeschichte(n) in Golßen und Umgebung (Teil 2)

Nach Ende des Ersten Weltkrieges durchlebte Radfahren als Sport- und Freizeitvergnügen eine Durststrecke. Fast alle in Golßen und umliegenden Dörfern nach 1900 gegründeten Vereine hatten sich aufgelöst. Einen Neubeginn in Golßen gab es 1923. Hier gründeten Radsportfreunde ihren Verein „Voran“. Anders als beim Vorgänger „Stern“ widmeten sich deren Mitglieder in erster Linie dem Kunst-Radfahren. Meist traten sie in Gaststättensälen auf. Daneben organisierte „Voran“ auch gemeinsame Fahrradausflüge in die Umgebung.

Für „Pedaleure“ waren Touren auch noch in den 1920er Jahren oft problematisch; meist wegen der schlechten Straßenverhältnisse. In Golßen konnten lediglich die Haupt- und die Berliner Straße relativ gefahrlos benutzt werden. Alle anderen waren entweder unbefestigte Löcherpisten oder mit Feldsteinen gepflastert. Häufig gab es deshalb im Rathaus Beschwerden.

Einen ersten Erfolg konnten die Radfahrer 1931 in Golßen feiern. Da hatte die Stadtverordnetenversammlung im Zusammenhang mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschlossen, an der Bahnhofstraße einen Radweg anzulegen. Die Benutzung war Pflicht. Ein Polizist („Gendarm“) achtete auf korrekte Fahrweise und die vorschriftsmäßige Ausstattung der Räder. Apropos Gendarm, das war ab 1933 neben Rudolf Wollenschläger Heinrich Walter. Wegen seiner Strenge war Walter vor allem bei jugendlichen Radfahrern gefürchtet. Schnell hatte er einen Spitznamen: „Simmel von Denemark“. Der Grund hierfür war nicht etwa eine dänische Herkunft, sondern seine Strafen. Da das Standardbußgeld bei kleineren Vergehen eine Reichsmark betrug, und Walter das Geld mal „von den“ und mal „von den“ kassierte, hieß er bald überall „Simmel von de ne Mark“. Konnte ein Radfahrer die Strafe nicht sofort bezahlen, schraubte Walter die Ventile aus den Reifen und der Delinquent musste nach Hause laufen. Rückgabe der Ventile erst nach Bezahlung der Mark.

Der Zweite Weltkrieg brachte für Radfahrende dann erneut Einschränkungen und Härten mit sich. Schüler, die aus der Umgebung täglich nach Golßen kamen, mussten nun laufen. Auch Freizeittouren per Rad waren jetzt verboten. Zuwiderhandlungen wurden streng bestraft. Begründet wurde alles mit Einsparungen von kriegswichtigem Gummi.

Als 1945 endlich Frieden herrschte, wurde es nicht gleich besser. Unter der sowjetischen Besatzungsmacht wurden alle Fahrräder eingezogen. Nur Wenige, wie z. B. Schornsteinfeger Stephan, hatten berufsbedingt die Genehmigung, ein Fahrrad zu benutzen.

Radsport war hierzulande auch nach dem Krieg das Hobby Weniger. Ein echter Pionier war übrigens der Golßener Gastwirt Karl Bergmann (1892-1964) in der Mühlenstraße. Als junger Mann nahm er in den 1920er Jahren an Bahnrennen im Ruhrgebiet und in Berlin teil. Und auch nach dem Krieg sah man den Oldie auf seinem Rennrad noch manchmal durchs Städtchen fahren.

In Golßen tauchte um 1960 eine junge Oberschullehrerin mit Namen Gebert auf. Sie besaß ein Rennrad, trug entsprechende Kleidung und beeindruckte uns Schüler sehr. Gute Jahre für Golßener Radsportfans waren dann die 1980er Jahre. W. Kölling und A. Staindl scharten damals ein gutes Dutzend Jungen um sich und gründeten innerhalb der TSG eine Sektion Radsport. Lohn ihrer engagierten Arbeit bis 1992 waren viele Urkunden und Pokale.

Auch heute, 130 Jahre nach Gründung des ersten Radfahrvereins, wird in Golßen weiter fleißig Rad gefahren. Fahrräder, ob mit oder ohne Elektroantrieb, kann man zwar nicht mehr vor Ort kaufen, die Bedingungen sie zu nutzen haben sich aber in den letzten Jahren z. B. durch den Radwegebau von Golßen nach Landwehr, Prierow und Zützen deutlich verbessert.

Lars Rose