Wenn 70 erwachsene Ostdeutsche in den besten Jahren an einem Donnerstagabend „Kam ein kleiner Teddybär?“ inbrünstig und textsicher mitsingen, muss irgendetwas mit ihnen passiert sein, was man Außenstehenden nur schwer erklären kann. Am 26. Februar konnte man im „Alten Amtsgericht“ in Stolpen Zeuge oder besser „Zeuge Amigas“ davon werden. Aber dazu später mehr.
Jens Opitz hatte zum wiederholten Male zu seiner Veranstaltungsreihe „Kenn'se den?“ eingeladen. Der Meißner Musiker Michael Winkler war zu Gast, und wie sich herausstellte, war das eine Kombination, die passte. Das Format, bei dem sich ein neugieriger Hobbymusiker Profis einlädt, um sie auszufragen und mit ihnen Musik zu machen, funktionierte an diesem Vorfrühlingsabend auf eine besondere, unterhaltsame Weise. Und so erlebte der sehr gut gefüllte Ratssaal des „Alten Amtsgerichts“ eine Bandbreite an Gesprächen und Musik, auf die man erst mal kommen muss.
Wer dieser Michael Winkler ist, war in der Februar-Ausgabe des „Stolpner Anzeiger“ ausführlich zu lesen. Ein an klassischen Blasinstrumenten ausgebildeter Musiker, der in der Vergangenheit und bis heute mit großen Namen der ostdeutschen Musik gearbeitet hat und das noch immer tut. Und der selbst die verschiedensten Projekte angeschoben und erfunden hat, von denen hier die eingangs erwähnten „Zeugen Amigas“ (ein Ostrock-Programm mit teils unerwarteten Interpretationen „unserer“ Klassiker) und die „Jindrich Staidel-Combo“ (tschechische Jazz-Polka von gar keinen richtigen Tschechen) erwähnt werden müssen.
Opitz und Winkler spielten sich die Bälle oder besser Noten zu, mit jeder Menge Geschichten von früher und ganz früher und ebensolcher Musik. Da wurde ein herausragender Blues gespielt und von Übungsstunden in der Gartenlaube erzählt, bei denen die Nachbarn ob der Klänge ein eingesperrtes Schaf vermuteten. Da wurde Vroni Fischers „Auf der Wiese“ so abgewandelt, dass das Gras nicht gekaut, sondern geraucht wurde. Und von versteckten Schnapsflaschen in der Trommel berichtet, die teilweise die Bezahlung ersetzten. Das Publikum wärmte sich an dem Vorgetragenen, als ob es damit den langen Winter vertreiben könnte. Und freute sich auf den Frühling, ganz so,
als könnten die vielen Geschichten von Michael Winkler ihn schneller zu uns bringen.
Nach der Pause stieß mit Silke Krause, der langjährigen musikalischen Partnerin Winklers, ein Überraschungsgast zu den beiden Herren und ergänzte mit beswingtem Klavierspiel unter anderem eine Ragtime-Nummer und die heimliche sächsische Hymne, bei der man gar nicht anders konnte, als als Sachse mitzusingen. Nicht nur einmal fragte Winkler „Soll ich das noch erzählen?“, und sowohl Jens Opitz als auch das Publikum konnten gar nicht genug davon kriegen. Bis weit nach 21:00 Uhr und damit für Stolpner Verhältnisse am späten Abend ging das so und hätte, wäre es nach dem Publikum gegangen, sicher auch noch länger so weiterlaufen können.
Ein launiger und fröhlicher Abend voller Musik und Geschichten war das, in bester Tradition der vielen kulturellen Veranstaltungen, die unsere Stadt besonders seit Stolpen800 bereichern und auf die wir stolz sein können.
„Tür & Tor“, so das Jahresmotto für 2026, stehen in Stolpen all denen offen, die etwas bewegen wollen, die etwas beitragen können und denen das Gemeinsame, Verbindende am Herzen liegt. Und das kann manchmal schon der „kleine Teddybär“ sein.