Krieschow, eine kleine, ruhige Gemeinde bei Cottbus und doch herrschte dort in den Jahren um 1956 großes Treiben.
Herbert Mothes, Lehrer und leidenschaftlicher Musiker war mit seiner Frau und seinem Sohn nach Krieschow gezogen.
Er gründete 1956 mit einigen Kindern aus den umliegenden Gemeinden ein Quartett, welches sich rasant zum Pionierblasorchester Krieschow weiterentwickelte. Im Krieschower Kulturhaus fand das Orchester seine erste Wirkungsstätte. Es wurde zum Sitz, zum Probenraum, aber auch zum anfänglichen Auftrittsort der Pioniere. Von Beginn an herrschte dort reges Treiben und keine Stunde, egal ob Sonn- oder Feiertag, wurde ungenutzt gelassen.
Herbert Mothes´ Ansicht nach war das Orchester am 1. Mai 1957 offiziell „auftrittsbereit“. In diesem Jahr sollten auch tatsächlich schon die ersten großen Auftritte vollzogen werden. Mit etwa 30 Mitgliedern fand eines dieser Konzerte in Großräschen statt. Es zählt seitdem zu den bekanntesten Klangkörpern in der Spreewaldregion. Ab diesem Zeitpunkt wurde nach dem Vorbild des sowjetischen Pädagogen A.S. Makarenko aus Arbeiter- und Bauernkindern ein familiäres und freundschaftliches Kollektiv zusammengeschweißt. Jedes Mitglied und jeder folgende Musiker oder jede folgende Musikerin sollten in den nächsten Jahren fast jede freie Minute miteinander verbringen. Durch diesen in den meisten Fällen glücklichen Umstand wurden langjährige Freundschaften geschlossen. Auch die Mitgliederzahlen stiegen weiter an. Laut den Aufzeichnungen von Herbert Mothes verzeichnete das Pionierblasorchester 1958 bereits mehr als 40 Mädchen und Jungen. Das Orchester war nun noch keine zwei Jahre alt und trotzdem war es ein wichtiger Bestandteil der Pionierveranstaltungen, denn nicht nur im damaligen Heimatlandkreis, sondern auch im ganzen Bezirk hatten sie bereits Bekanntheit erlangt.
1960 verzeichnete das Pionierblasorchester ungefähr 54 Mitglieder. Diese kamen in den 60er - Jahren hauptsächlich aus Krieschow, Limberg, Eichow und Wiesendorf. Doch der Einzugsbereich breitete sich rasant auf Briesen, Tornitz, Laasow und weitere Orte aus. Ab diesem Zeitraum spielten die Zugänge aus Vetschau eine zunehmend große personelle Rolle. Die Proben im Einzelunterricht fanden zu der Zeit in Krieschow meist am Montagnachmittag bis hin zum späten Abend statt. Donnerstagnachmittag wurde dann im „kleinen Orchester“ mit den Anfängern geprobt. Am Abend kamen dann die „Großen“ hinzu und es wurde im „großen Orchester“ musiziert. Die „große Orchesterprobe“ war normalerweise für den Samstagnachmittag angesetzt. Jeder Schüler musste einmal pro Woche eine Stunde lang üben. Dies beinhaltete die musikalische Hausaufgabe und zusätzliche Stücke. Zudem war es erforderlich dem jeweiligen Musiklehrer einmal pro Woche Leistung zu erbringen und zweimal zwei Stunden in der Woche die Orchesterproben zu besuchen.
Diese harte Arbeit zeigte sich in dem erreichten hohen künstlerischen Niveau, welches das Orchester schnell erlangte.
Als problematisch wurde allerdings die Bereitstellung von Instrumenten beschrieben. Eine zwar große Unterstützung in diesem Bereich ging von der MAS (späteren MTS – ein Landwirtschaftsbetrieb) und dem Rat des Kreises Cottbus aus. Doch nicht nur fehlende Instrumente, sondern auch der nicht fachgerechte Umgang und die daraus folgenden Reparaturen stellten Herbert Mothes vor schwerwiegende Probleme.
Natürlich brauchten die jungen Musiker auch Noten zum Musizieren und Erlernen ihres Instrumentes. Herbert Mothes hatte noch aus seinen früheren Wirkungsstätten erste Notensätze behalten und diese mit den Pionieren aufgearbeitet. Zu diesen Noten zählten zum Beispiel die Sammelhefte „Lausitzer Balltänze“ oder Marschhefte von Johann Brussig. Durch die Unterstützung der kreislichen Organe wurden weitere Noten für das Pionierblasorchester herangeschafft. In der Folgezeit kam es sogar dazu, dass Kompositionen erworben wurden, welche extra für das Orchester geschrieben wurden.
Die ersten Auftritte wurden zunächst in Pionier- und FDJ-Kleidung absolviert. Allerdings hatte sich bald eine eigene Orchesterkleidung ergeben. Diese bestand aus Jacke und Hose, welche aus dickem und schwerem dunkelblauem Stoff bestand. Auffällig an dieser „Uniform“ waren die sogenannten „Schwalbennester“ an den Oberarmen beziehungsweise an den Schultern. Während es 1957 ungefähr 27 Auftritte im Jahr waren, wurden es in den Jahren danach weit mehr als 40 musikalische Einsätze pro Jahr. Dazu gehörten neben politischen Höhepunkten, wie zum Beispiel Parteitage und Delegiertenkonferenzen, auch Auftritte bei Bergarbeitern der Region. Das Orchester hatte also einen festen Platz im Kulturleben der Region und darüber hinaus.
Mitte der 60er Jahre kam es dann zu ersten intensiveren Kontakten mit den Kraftwerken Lübbenau - Vetschau. Dessen Unterstützung, auch in finanzieller Hinsicht, war besonders für die Musiklehrer wichtig. So konnten sie den Pionieren in den einzelnen Registern eine speziellere Ausbildung unterbreiten.
Nach jahrelanger erfolgreicher Arbeit in Krieschow in den Räumen der MTS und im Schloss Krieschow hatten sie einen enormen Bekanntheitsgrad erlangt. Auf Grund dieser Tatsachen übernahmen die Kraftwerke Lübbenau - Vetschau die Trägerschaft des damaligen Blasorchesters Krieschow. 1969 kam es dann zum Ortswechsel von Krieschow nach Vetschau. Geprobt wurde dort zunächst in den Baracken der Kraftwerke Lübbenau - Vetschau, später dann in den Räumen der „Hermann – Matern – Oberschule“. Durch den Umzug bekam das Orchester weitere Zugänge aus drei Schulen. So gab es viele neue Gesichter, welche eine neue Generation bildeten. Dem Blasorchester gehörten zu dieser Zeit ungefähr 60 Musiker an, welche stetig sehr gute Leistungen ablieferten.
Es kam dazu, dass der Klangkörper eine wichtige Rolle in der Pionier- und Blasmusik der DDR hatte. Außerdem wurden sie zum Vorbild für andere Pionierorchester des Bezirkes.
Zudem war der Klangkörper neben dem Blasorchester Lucka und dem Blasorchester Meißen 1963 Gründungsmitglied des Zentralen Pionierblasorchesters (ZPO) der DDR.
Die Hauptaufgabe der Pioniere war weiterhin, die kulturellen und gesellschaftlichen Höhepunkte des Bezirkes Cottbus zu gestalten. Dazu gehörten vorranging Jugendweihen, aber auch Stadt-, Feuerwehr- oder Dorfjubiläen.
Im Jahr 1968 begann eine neue Phase der Entwicklung des Orchesters, mit dem Ziel die musikalische Qualität und die Präsenz im öffentlichen Leben weiter zu stärken.
1969 wurde das Zentrale Musikkorps der FDJ und der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ (ZMK) der DDR gegründet. Auch hierbei war das Orchester eines der Gründungsmitglieder. Im August 1969 nahmen die Pioniere erstmals an einem Probenlager des ZMK teil. Dieses fand in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee statt. Das strukturierte Probenprogramm, die vielen Proben auf dem dortigen Sportplatz, sowie das gemeinsame Musizieren mit den vielen anderen Orchestern war für die jungen Musiker und Musikerinnen eine neue und spannende Erfahrung.
Die Premiere des Zentralen Musikkorps der FDJ fand im Oktober 1969 in Berlin zum 20. Jahrestag der DDR anlässlich des Treffens „junger Sozialisten“ statt. Dort gab es zum ersten Mal neben dem Konzertprogramm auch eine interessante Choreografie mit dem „Nord- und Südblock“.
Von 1956 bis heute funktioniert der Zusammenhalt zwischen Jung und Alt. So war es früher üblich, dass man beim Erlernen des Marschierens schon einmal von den „Großen“ einen Klaps auf den Hinterkopf bekam, wenn sie einen auf dem „falschen Fuß“ erwischten. Großen Anteil an diesem Zusammenhalt und an der musikalischen Qualität des Orchesters hatten unter anderem die bereits erwähnten Probenlager.
Den Umzug nach Vetschau und die damit verbundene Nutzung des Kulturhauses Vetschau war für viele der Musiker ein wahrer Meilenstein. Die Musiker beschrieben, dass das Kulturhaus Vetschau für sie immer wie ein zweites Zuhause war, denn viele von ihnen haben dort den Großteil ihrer Jugendzeit verbracht. Trotz den wöchentlichen Proben und
Einzelunterrichtsstunden erinnert sich jeder der Instrumentalisten aus der damaligen Zeit noch heute gerne an die schönen Stunden und das Erlebte. Es wurde immer viel gelacht und manche Streiche sind noch heute legendär. Die Musiker berichteten, dass die ersten Jahre eine fantastische Zeit waren, wo jeder mit Leib und Seele Mitglied des Orchesters war. Am Ende dieser Epoche war eine neue Generation herangewachsen, die bereit war, die Geschichte des Orchesters weiterzuschreiben.
Lea Fraedrich
Musikverein Vetschau e.V.