Ich hoffe, Sie sind gut in das neue Jahr gestartet und blicken mit Zuversicht auf 2026. Der Januar ist die Zeit, in der wir Pläne schmieden, Ziele setzen und neue Energie sammeln. Auch für unsere Stadt möchten wir in diesem Jahr vieles bewegen. Auch in unserer Stadt stehen wichtige Themen und Projekte an. Einige meiner Gedanken hierzu habe ich am 15. Januar 2026 beim Neujahrsempfang mitgeteilt. Das Motto der Veranstaltung lautete dieses Mal „Weißenfelser Boden sucht goldenes Handwerk“. Es war mir ein besonderes Anliegen, das Handwerk in diesem Jahr in den Mittelpunkt zu rücken. Dass Weißenfels über die Jahrhunderte eine große Stadt des Handwerks war, ist vielen sicher bekannt. Ich erlebe häufig, dass mit unserer Stadt die verkürzte Erzählung verbunden ist, die ausschließlich das Schuhmacherhandwerk betont. Doch Weißenfels hat eine Geschichte zu bieten, die weit über das hinausgeht. Darauf bin ich in meiner Neujahrsrede eingegangen, die ich im Folgenden auch mit Ihnen teilen möchte:
[Auszüge aus der Neujahrsrede von Oberbürgermeister Martin Papke]
Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, aber mir ist es im letzten Jahr abermalig so ergangen, dass ich bei vielen Reden, die mir unter anderem über Social Media angezeigt wurden, beim Lesen so mancher Zeitungsartikel und auch in direkten Gesprächen der Eindruck entstand: Es wäre – entschuldigen Sie bitte den Ausdruck – vielleicht besser, die „Klappe“ zu halten.
Wo wir beim „Klappe halten“ sind: Dass das „Klappe-halten“ einen direkten Bezug zum Handwerk hat, mag seltsam erscheinen. Ich werde später näher darauf eingehen.
Das Thema des Neujahrsempfangs lautet dieses Jahr „Weißenfelser Boden sucht goldenes Handwerk“. Sicher haben sich einige von Ihnen gefragt, was mit dieser vertraut-klingenden, aber umgestellten Redewendung gemeint sein soll. Schließlich heißt es richtig: „Handwerk hat goldenen Boden.“ Für viele von Ihnen ist dies vielleicht eine Verbindung zu längst vergangenen Jahren oder gar Jahrhunderten, zu etwas, das unsere Groß- oder Urgroßeltern uns mitgegeben haben. Doch in den vergangenen Jahren gab es einen Trend: Vor nicht allzu langer Zeit glaubten große Teile unserer Gesellschaft, meine Generation eingeschlossen, dass wir das Handwerk hinter uns gelassen haben. So schien es zumindest. Die Dynamik vermittelte den Eindruck, als wäre es nur ein Zwischenschritt einer zivilisatorischen Entwicklung. Vielleicht waren es die Früchte einer dahinvegetierten Luxuszivilisation, die von Selbstverständlichkeiten verwöhnt war und nicht mehr das Gespür dafür hatte, was es heißt, sein Leben durch harte Arbeit zu meistern.
Dies wurde insbesondere sichtbar im Trend, dass zahlreiche Schülerinnen und Schüler nach ihrem Schulabschluss den Wunsch hatten, zu studieren. Das Handwerk verlor dadurch an Wert und Ruhm, und von der Pflege der Traditionen der Zünfte war kaum noch die Rede. Ging es um eine abwertende Haltung, die vermeintlich ein Verschlechtern des gesellschaftlichen Ranges oder Ansehens vermittelte?
Schauen wir in die Gegenwart, besonders hier in Weißenfels. Sie werden alle mitbekommen haben, was wir in den vergangenen Jahren für unsere Stadt auf den Weg gebracht haben und weiterhin auf den Weg bringen. Und das in der wirtschaftlich schwersten Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Dazu gehören viele Vorhaben der öffentlichen Hand, aber vor allem durch Wohnungsgesellschaften, Investorenprojekte und Privatpersonen. Ich möchte nur eine Auswahl nennen: Sanierung Schloss Neu-Augustburg, Bildungscampus mit Goethegymnasium und Kloster St. Claren, Anbau Heinrich-Schütz-Haus, Schaffung von knapp 100 hochwertigen Wohnungen in der Innenstadt unter anderem durch die Sanierung der Ritterstuben in er Großen Burgstraße 4 und 6 durch Clemens Tönnies, durch die Herrichtung von zwei weiteren barocken Stadthäusern in der großen Großen Burgstraße durch eine ehemalige Weißenfelserin sowie durch die Sanierung des Hofmarschallhauses durch Dachdeckmeister Jens-Norbert Schmidt. Hinzu kommt die energetische Sanierung von mehr als 30 Wohnungen in der Nikolaistraße durch die Weißenfelser Wohnungsbaugenossenschaft, die Sanierung beziehungsweise der Neubau des Kinderlands auf dem Markt durch unsere WVW sowie die Sanierung der Gründerzeithäuser in der Merseburger Straße, Wielandstraße und Beuditzstraße durch RSK Immobilien Weißenfels. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch der Neubau des Nahversorgers an der Promenade durch die Schröder Holding aus Zeitz und Weimar, die 30 Einfamilienhäuser zur Miete im Heuweg durch die Wohnungsgenossenschaft Kohle-Geiseltal sowie attraktive steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten ab diesem Jahr – auch für die bürgerliche Mitte – durch die Aufstellung des Sanierungsgebietes Neustadt. Rechnen wir weitere Vorhaben wie den Neubau der JVA Sandberg durch das Land Sachsen-Anhalt an der A9 hinzu, so kommen wir auf eine beachtliche Investitionssumme von mindestens 600 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren. Darauf bin ich stolz und danke allen, die den „Karren“ mit mir gemeinsam ziehen.
Es sind zahlreiche Projekte, die unsere Stadt in den kommenden Jahren transformieren werden – Investitionen, die zum Wohl der Stadt und zum Glück der Menschen beitragen sollen und den Generationen, die hier leben und leben werden, eine gute Zukunft sichern. Doch nichts ist ohne das Handwerk, insbesondere ohne das Handwerk vor Ort. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Handwerk selbstverständlich sei. Wenn in unseren Tagen mit dem sogenannten Sondervermögen des Bundes weitere Projekte realisiert werden sollen, wird umso deutlicher, was es bedeutet, wenn alle Kommunen gleichzeitig Gelder zur Verfügung gestellt bekommen und diese Mittel gleichzeitig von Fachleuten in den unterschiedlichsten Handwerksbereichen in die Tat umgesetzt werden müssen.
Dass Handwerk heute oft bedeutet, sich mit enormen bürokratischen Hürden, Nachwuchssorgen, Nachfolgeproblemen und aufbürdenden Steuerlasten auseinanderzusetzen, ist uns allen sicher nicht unbekannt. Handwerk bedeutet Wertschöpfung, die hart erarbeitet wird. Denken wir nicht zuletzt daran, dass insbesondere für uns Beschäftigte im öffentlichen Dienst, in den Rathäusern, den Landratsämtern, den Ministerien und anderen öffentlichen Verwaltungen gilt: Unsere Gehälter fallen nicht vom Himmel, sondern sie werden durch andere und zwar von einem nicht unwesentlichen Teil von Handwerkerinnen und Handwerkern erwirtschaftet. Das müssen wir uns im Bewusstsein halten.
Gestatten Sie mir eine persönliche Bemerkung: Wenn ich eines nachholen könnte, dann wäre es eine handwerkliche Ausbildung im klassischen Sinne. Dabei rede ich nicht von einer romantisierenden Vorstellung, sondern von der konkreten Beobachtung, dass das Erleben, etwas herzustellen und das Tagwerk zu sehen, einen Menschen glücklicher machen kann. In der Umsetzung der erlernten Fähigkeiten, die oft mit Schweiß erarbeitet werden, liegt häufig der Schlüssel zu einem sinnerfüllten Leben. Das ist es, was ich unsere Gesellschaft von Herzen wieder wünsche.
Als ich zu Beginn meiner Amtszeit im Jahr 2022 das erste Mal und dann wiederholten Mal durch das Depot des Museums im Schloss ging, um die Vergangenheit der Stadt zu begreifen, war ich von einer Faszination ergriffen: Neben unserem reichen Sammlungsbestand aus der Stadtgeschichte, waren es vor allem die zahlreichen Innungsladen, die Zeugnisse der Handwerkszünfte vergangener Jahrhunderte in unserer Stadt sind. „Wenn diese Schmuckkästchen nur sprechen könnten“, habe ich des Öfteren gedacht. Sie müssen dringend restauriert werden.
Die Weißenfelser Geschichte hat eine tiefe Verbundenheit zum Handwerk. Über die Jahrhunderte war Weißenfels geprägt von den Geräuschen hämmernder Schmiede, von stinkenden Gerbern und vom reichen Lachsfang aus der Saale. Ein Bild, das vermutlich unsere Vorstellungskraft übersteigt. Die Gerüche und das alltägliche Treiben haben sich bis in unsere heutige Zeit stark verändert. Die Stadt war einst voller kleiner und großer Handwerksbetriebe und das reiche Innungsleben war geprägt von willigen Lehrlingen, tüchtigen Gesellen, strengen und respektvollen Meistern sowie führenden Oberinnungsmeistern. Viele Straßen und Gebäude erzählen uns bei näherem Hinschauen von dieser eindrucksvollen Geschichte – einem generationsübergreifenden Stolz, der sich über die Jahrhunderte entwickelt hat.
Doch was hat es mit den Innungsladen auf sich? Die Lade war, neben Innungsfahne, Willkomm-Pokal, Zepter und Humpen, der wichtigste Gegenstand einer Innung. In ihr bewahrte man das Innungssiegel, Schriftgut, Statuten, Privilegien, Meisterbücher und weitere Dokumente auf. Bei Versammlungen wurde die Lade nach festgelegten Ritualen durch den Obermeister geöffnet. Beim Anblick der geöffneten Lade musste zunächst geschwiegen werden. Es war unter Strafe verboten, zu fluchen, Lärm zu machen, gotteslästerliche Reden zu führen oder zu lügen. Klagen gegen Zunftgenossen waren stehend vor der Lade vorzutragen. Ehrfurcht gehörte zu den Prinzipien und wurde in Innungsversammlungen besonders durch symbolhaftes Handeln deutlich. Häufig besaßen die Laden mehrere Schlösser. Die Schlüssel lagen bei verschiedenen Vertrauensleuten, sodass keine Einzelperson die Lade unbemerkt öffnen konnte. Diese Überlieferungen aus vergangener Zeit bewegen mich.
Den Ladendeckel auch im weiteren Sinne als „Klappe“ zu deuten, liegt in der Tat nah. Es geht um die Momente zu wissen, wann man die „Klappe“ zu halten hat. Wir können, wenn wir uns darauf einlassen, von den zumeist verlorengegangenen Riten lernen. Dazu gehört auch die Erfahrung, welch Glück es ist, sinnstiftende Arbeit zu haben und die Familie versorgen zu können. Außerdem hin und wieder persönlich auch das „Klappe-halten“ der Zünfte mit Demut, Ehrfurcht und Regeln gegenüber jedermann für unsere kommenden Jahre in Weißenfels zu übertragen.
Seit der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten und der damit verbundenen Auflösung zahlreicher Innungen im Jahr 1933 befindet sich ein reicher Schatz an Innungsladen in unserem Schloss. Es waren die Oberinnungsmeister, die den Innungsschatz der Stadt übergaben. Es liegt an uns, nahezu 100 Jahre später, diese Zeugnisse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Zum Neujahrsempfang haben die Mitarbeiter des Museums eine Auswahl dieser Laden ins Kulturhaus gebracht, um sie zu präsentieren. Darunter sind die Lade der Bäcker- und Müllerinnung aus dem Jahr 1847, die Lade der Böttcherinnung aus dem frühen 19. Jahrhundert, die Lade der Brauereiinnung aus dem Jahr 1728, die Lade der Fischerinnung von 1600, die Lade der Fleischerinnung aus dem 18. Jahrhundert, die Lade der Maurer und Steinmetze aus der zweiten Hälfte des Jahres 1767, die Lade der Schuhmacher und Meister aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Lade der Seilerinnung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Lade der Tischlerinnung von 1796 sowie die Lade der Tuchmacherinnung aus dem Jahr 1600. Ich lade jede Innung ein, sich aktiv an der Restauration diese Innungsladen zu beteiligen.
Ich möchte zum Ende kommen:
„Weißenfelser Boden sucht goldenes Handwerk“ – unsere Stadt ist auf einem schwierigen Baugrund, dem Saaleschwemmland, aufgerichtet worden. Weißenfels war seit seiner Gründung gewissermaßen ein schwieriges Pflaster. Aus und auf dem Weißenfelser Boden ist über die Jahrhunderte das Beste gemacht worden – und das durch Kontinuität im Handwerk. Es ist kein Zufall, sondern ein glücklicher Umstand oder gar göttliche Fügung, dass wir allesamt das Los für Weißenfels gezogen haben. Es liegt an uns, dieses Erbe zu gestalten, den Boden, auf dem wir heute stehen, zu ehren und ihn zu schützen.
Die Ausgestaltung der Zukunft ist keine ausschließliche Frage des amtierenden Oberbürgermeisters, des Stadtrats oder der Stadtverwaltung. Die Zukunft liegt auch maßgeblich in den Händen der Bürgerinnen und Bürger, sowie der vorhandenen Handwerksbetriebe, die ebenso Teil der Stadt sind. Es ist von grundlegender Bedeutung, dass nachfolgende Generationen die Begeisterung und Faszination des Handwerks neu für sich entdecken. Die Suche nach dieser Begeisterung bleibt Teil des Lösungsweges.
Ich bin deshalb jeder und jedem Einzelnen dankbar, wenn sie sich für das Handwerk einsetzen und zukunftsorientiert auf der Suche sind, den Wert des goldenen Handwerks für die Gesellschaft in Weißenfels und der Region wieder zu verstehen. Möge unsere Stadt mit ihren Ortschaften in den Handwerksbetrieben im Rahmen der vielen Vorhaben verlässliche Partner finden, um gemeinsam den Weißenfelser Boden in die Zukunft zu führen. Lassen Sie uns erkennen, wann es an der Zeit ist, den Ladendeckel zu öffnen und an der richtigen Stelle im wahrsten Sinne des Wortes die „Klappe“ zu halten. Auf dass wir aufgelöste Innungen der Vergangenheit immer würdevoll im Blick behalten und die bestehenden Innungen zu würdigen wissen.
Auf ein tüchtiges, aufrichtiges und friedvolles Jahr 2026!
Ein Hoch auf das deutsche Handwerk!
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.