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Gemeindebote - Mitteilungsblatt für die Ortsteile
Ausgabe 2/2026
Ortsteil Lindenthal
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Die Historie der Gustav-Adolf-Kirche Lindenthal und ihre christliche Gemeinde Von Roland Busse

Kartenausschnitt von 1920

Taufstein der Kirche

Stifterbild in der Lindenthaler Kirche

Verfallenes Grabmal der Hauptleute Friedrich August von Brösigke (1720-1784) und Eustachius von Brösigke (1720-1789) südlich der Kirche auf dem aufgelassenen Friedhof (Foto: Max Nowak 1933)

Gustav II. Adolf Wasa, 1594 -1632 König von Schweden 1611 -1632 Links im Bild: der Entwurf für ein Gustav-Adolf-Denkmal bei Breitenfeld

Entwurf Gustav-Adolf-Denkmal

Kirche mit Kantorat (rechts) und Böttcherhaus (links) in Lindenthal um 1850 (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.-Nr. Mü.XV/28 a)

Das Böttcherhaus, Aquarell, 18. Jahrhundert

Kanzelaltar von 1745, restauriert 1996

Ausstattung der Kirche, abgeschlossen mit der 1793 eingeweihten Flemming-Orgel (10 Register) auf einer eigenem Empore auf der Kirchenwestseite. Auch der Schülerchor (Kurrente) sang auf dieser Empore.

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Postkarte Fürst Blücher, Kaiser Napoleon

Gedenkstein für die Gefallenen der Völkerschlacht

verworfener Plan von 1913

neues Pfarrhaus

Kantor Otto Hase 1946

Kantor Otto Hase an "seiner" Orgel

Die Begründung des Ortes Lindenthal und seine ersten Jahrhunderte liegen noch im Dunkel der Geschichte. Belegt ist, dass von Siedlern aus dem niederländisch-flämischen Landen um 1150 neben sorbischen Dörfern im Tal der Linden an der Rietzschke das typisch deutsche Straßendorf angelegt wurde.

Sie brachten ihre Kultur und ihre Fertigkeiten für eine einfache Bauernwirtschaft und Handwerk mit. Von einer um 1200 errichteten steinernen Wehrkirche blieb der romanische Taufstein erhalten. Zeugnisse der spätgotischen Zeit sind die Marienglocke (1460) und das lebensgroße Kruzifix.

Die Kirche bildete den Mittelpunkt des kleinen Dorfes. An den 3 Seiten um die alte Kirche waren der Friedhof, das Pfarrhaus, das Böttcherhaus, ein Halbhufen Gemeindegut und das Schullehen angeordnet.

1544 wurde die Reformation in Lindenthal eingeführt. Durch Kauf (und später Verkauf) löste 1567 der Wahrener Gutsbesitzer Georg Blancke die selbständige Pfarrei Lindenthal auf. Sie wurde zusammen mit den wenigen Bewohnern des ehemaligen Pfarrdorfes Breitenfeld künftig vom Wahrener Pfarrer mitversorgt. Eine Regelung, die bis 1927 bestand.

Nach dem Konkurs der Familie Blancke zerlegte man die Herrschaft Wahren und auf Gut Breitenfeld residierte seit 1600 der Rittergutsbesitzer Friedrich von Brösigke, der auch in Lindenthal der Kirchenpatron war.

Seit dieser Zeit hängt das Donatoren(Stifter)Bild im Kirchensaal. Es zeigt den Patron Friedrich von Brösigke, seine Ehefrau Magdalena von Zehmen und ihre neun Kinder. Im Vordergrund sind die als Kleinkinder Verstorbenen zu sehen.

1631 gerät Lindenthal in den Strudel des 30-jährigen Krieges (1618-1648). Damals erfolgte diese 1. Schlacht auf dem „Breiten Felde“ zwischen Breitenfeld und Podelwitz. Gustav Adolf erkämpfte mit dem sächsischen Kurfürsten Georg den Sieg über die kaiserlichen Truppen und sicherte so die protestantische Glaubensfreiheit für das deutsche Volk. Der 1943 gewählte Name für die Lindenthaler Kirche hält den Gedanken an diese Rettung fest.

Jedoch waren nach diesen beiden Schlachten bei Lindenthal die Kirche, die Bauerngüter und die Felder verwüstet. Die Kirchenbücher reichen bis auf das Jahr 1662 zurück. Man kann man davon ausgehen, dass erst 15 Jahre nach dem 30-jährigen Krieg wieder eine Kirchgemeinde mit eigener Kirchenbuchführung entstehen konnte.

Gegen 1700 stellte sich in der Gemeinde und im Rittergut wieder ein bescheidener Wohlstand ein, so dass 1720/21 umfangreiche Baumaßnahmen an der Kirche realisiert werden konnten. Die Kirche bekam ihre jetzige Gestalt mit barockem Turm und Laterne, mit den großen Fenstern sowie den Emporen für die Männersitze. Außerdem wurde eine Patronatsloge, die Sakristei sowie ein weiträumiger Altarplatz gebaut.

Der Friedhof an der Kirche war durch ein Tor neben dem Kantorat zu betreten.

Das Böttcherhaus wurde zuletzt von den Familien Max Haufe und Paul Fichtner bewohnt, bevor es 1952/53 abgebrochen wurde. Das Grundstück hat man damals zum Pausenhof für die anliegende Grundschule umgewandelt.

Zur Vollendung im Inneren fehlte dem Patronat offenbar das Geld, denn die Ausstattung mit Kanzel und Altar unterblieb. Gepredigt wurde an einem einfachen Tisch. Erst nach einer Visitation wurden 1744 wurden die „verfaulten Weiberstühle“ (Bänke unten im Saal) repariert und erhielt die Kirche den bis heute vorhandenen Kanzelaltar.

Der Kirchenpatron bezahlte damals ebenfalls eine Turmuhr mit 2 Zifferblättern, die nach beiden Dorfseiten hinzeigen.

Ein besondes schauriges Ereignis erlebte die kleine Dorfgemeinde in den Tagen um den 16. Oktober 1813. In Vorbereitung des Sturmes auf Möckern stellte sich das preußische, schlesische und russische Heer mit 120 000 Soldaten in einem Bogen von Wahren über Lindenthal bis südlich von Breitenfeld unter Führung von Generalfeldmarchall Fürst Blücher auf.

Blücher führte vom Befehlsstand einer Bockwindmühle auf dem heutigen Mühlengrundstück sein Heer gegen die französische Armee und siegte.

Das Dorf war zur Ernährung der riesigen Armee geplündert, die Felder waren verwüstet und die Gemeinde floh zu ihrem Schutz in die Kirche.

Am Grabstein vor der Kirche wurde Freund und Feind gemeinsam begraben und nach 100 Jahren 1913 in einem Jubiläumsgottesdienst festlich geehrt.

Im Überschwang der Ortserweiterung sollte eine Verbindungsstraße zwischen Hauptstraße und Gartenstraße über den aufgelassenen Gottesacker hinter der Kirche verlaufen. Im Gemeinderat wurde der Plan jedoch abgelehnt.

1927 wurde das Abhängigkeitsverhältnis zur Pfarre Wahren formell beendet. Lindenthal bekam einen eigenen Pfarrer (Johannes Herrmann Sachse) und dieser konnte mit Dienstantritt das neue Pfarrhaus an der Tannenwaldstraße beziehen.

Das Bauland für hatte die Pfarre Wahren an der Grenze zu Lindenthal als „Abschiedsgeschenk“ der neuen Pfarre Lindenthal zur Verfügung gestellt. Den Bau finanzierte die Baugenossenschaft der Eisenbahner zu Lindenthal.

Das Schullehn neben der Kirche, das bis heute stehende Kantorat, blieb erhalten. In den ersten 50 Jahren des vorigen Jahrhunderts erfreute sich Kantor Otto Hase in der Gemeinde großer Beliebtheit und Anerkennung.

Der Kirchenschullehrer und – von 1945 bis zum Ruhestand 1948 – Schuldirektor konnte schon einmal übermütigen Schülern mit dem Rohrstock drohen. Otto Hase war ein vielseitiger „Macher“, denn er war Organist, Ortschronist, Imker, Mitbegründer der Feuerwehr und des Flugplatzvereines. Er saß im Gemeinderat und mit den Großbauern am Stammtisch. Das war der „Gottesmann“ vor Ort; aus der 2. Reihe, aber so ganz nach dem Geschmack der gesamten Gemeinde.

Nach 1990 hatte die Lindenthaler Kirchgemeinde – seit 2014 mit Wahren, Möckern und Lützschena Teil der Ev.-Luth. Sophienkirchgemeinde – in und an der Kirche gewaltige Sanierungen zu stemmen. Fotos zeigen, wie der Innenraum, das Kirchenschiff, wieder wunderschön geworden ist. Seit zwei Jahren ist auch die Patronatsloge wiederhergestellt und im Moment gerade die Sakristei erneuert. Nun sind leider im Gebälk und am Dach unaufschiebbare Schäden erkannt worden, die die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde bei weitem übersteigen. Nur mit Förderung von verschiedenen Seiten besteht die Hoffnung, die Lindenthaler Kirche auch weiterhin als ein nicht nur für die Kirchgemeinde, sondern auch den Ort identitätsstiftendes Gebäude zu erhalten. Dazu ist eine solide „Außenhaut“ der Kirche nötig und jede Spende dafür willkommen (siehe dazu auch: www.sophien-leipzig.de)

PS: Sie möchten sich von der inneren Schönheit der Lindenthaler Kirche gern selbst überzeugen? Kein Problem: Jeden Freitag von 16 bis18 Uhr sowie vor und nach den Gottesdiensten ist die Kirche zur Besichtigung für Sie geöffnet.

Sie möchten auch noch mehr über die Kirch-/Ortshistorie und den Kantor Otto Hase lesen?

Frau Gensch in der Poststelle, Lindenthaler Hauptstraße 68 hält ein Exemplar des „Lindenthaler Bilderbogens 2.0" für Sie bereit sowie Exemplare der anlässlich "Die ganze Stadt als Bühne" erstellten Boschüre "Lindenthaler Miniaturen: zur (Kirchen-)Geschichte von Lindenthal und Breitenfeld" bereit.