Wie in Zörbig markierte auch der Hallesche Turm in Delitzsch einst die Westgrenze der Stadt. Die Delitzscher Hospitalkirche liegt ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum Halleschen Tor, wurde jedoch nicht abgebrochen, um an Baumaterial zu gelangen. Ein Hallescher Turm ist in Delitzsch erstmals für das Jahr 1394 bezeugt. Als Baumeister werden der Maurer Eberlin und der Zimmerer Nicolaus genannt. Der Bau soll bis 1396 vollendet worden sein. 1397 kamen eine Wendeltreppe und die bis 1898 bewohnte Türmerstube hinzu. Im Jahr 1673 baute der Dübener Meister Christoph Poost ein neues, bereits 1824 abgetragenes Torhaus. Heute steht wie in Zörbig nur noch der Hausmannsturm. Sein Grundriss ist annähernd quadratisch, in Ost-West-Richtung leicht oblong. Knapp unterhalb der Schaftmitte beginnen auch hier die Ecken abgekantet zu erscheinen. Auf dieser Höhe finden sich auf Ost- und Westseite eingetiefte Felder, die bis zur Unkenntlichkeit verwitterte Inschriften tragen. Das Dachgesims besteht wie in Zörbig aus einer Kehlung, ist hier aber durch eine darunterliegende Wulst erweitert. Den oberen Abschluss des Turms bilden ebenfalls zwei überkreuzte Satteldächer mit Renaissancegiebeln, die durch kleine Archivolten auf den Ecken verbunden sind. In vollkommener Analogie zum Halleschen Turm in Zörbig sind die Giebel dreifach getreppt, ihre Stufen viertel- bzw. halbkreisförmig ausgefüllt. Auch sind sie durch Gesimse und Pilaster gegliedert, wobei zwei kleine Fenster die mittleren Felder durchbrechen. Auf der Kreuzung der Satteldächer erhebt sich die achtseitige Laterne mit Welscher Haube, in der sich ebenfalls eine Schlagglocke befindet. 1606 soll ein Schlagwerk eingerichtet worden sein. Die heutige Glocke wurde ihrer Inschrift zufolge 1686 von Peter Stengel in Leipzig (um)gegossen, als man das 1647 beschädigte Schlagwerk erneuerte. Dass der gesamte Turm einst verputzt war, zeigen Spuren am unteren Teil der Ostfassade. Im Gegensatz zum Halleschen Turm in Zörbig, für den Bruchsteine der alten Hospitalkapelle benutzt worden waren, besteht der Turm in Delitzsch ganz aus rotem Backsteinmauerwerk mit Entlastungsbögen. Die kleinen Fenster am Schaft des Turms sind wie in Zörbig verschiedenartig dimensioniert. Die nach Osten und Westen weisenden Ziffernblätter der Turmuhr sind im oberen Teil der Giebel angebracht. Darüber hinaus fehlt dem Turm (heute) eine Wetterfahne.
Die Konstruktion des Dachstuhls, die Stufung, Pilaster und Gesimse der Renaissancegiebel, die Form der achtseitigen Laterne mit Welscher Haube und Schlagglocke, aber auch die Gestalt des Schaftes mit unregelmäßigen Fensterchen und einsetzender Abkantung der Ecken legen eine Verwandtschaft der beiden Halleschen Türme nahe, womit der Verdacht besteht, dass dieselben Bauleute für beide Türme verantwortlich gemacht werden könnten. Den Parallelen stehen spätere Veränderungen (Einbau der
Uhrwerke, Abbruch der Torhäuser, Verputz) nicht entgegen.
Es bleibt zu fragen, ob 1548 in Delitzsch, wie in der Stadtchronik notiert, tatsächlich nur die Laterne und Erkerkehlen des Halleschen Turms mit Kupferblech beschlagen wurden. Äußerlich lassen sich keine Bauphasen unterscheiden. Der Turm erscheint vielmehr als bauliches Ganzes und gleicht dem 1556 errichteten Pendant in Zörbig. Entstand also in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein Neubau? Zumindest produzierte die Delitzscher Ziegelscheune 1542–1545 beträchtliche Mengen an Mauer- und Dachziegeln, 1545 sogar „zu dem Baue (…) des Hallischen Tores“. Dieses neue Torhaus wurde 1554 eingeweiht. Zuvor (1550) hatte man einen neuen „Wendelstein“ (Treppenturm) am Halleschen Tor errichtet. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang auch die Erneuerung des Hausmannsturms am Halleschen Tor.