Wer durch die Unterbaustraße geht, läuft vermutlich schon einmal daran vorbei. An der alten Bäckerei Klatt mit den weißen Platten vor den Fenstern. Darauf steht schlicht: „Montag bis Samstag geöffnet von 15 bis 17 Uhr.“ Eigentlich sollte diese Verkleidung nur ein Provisorium sein. Aber wie das mit Provisorien manchmal so ist, sie bleiben eben doch länger als geplant.
Was viele nicht ahnen: Hinter dieser unscheinbaren Fassade verbirgt sich eine kleine Welt aus Ton, Glasuren und Kreativität. Dort, wo früher Brot gebacken wurde, entstehen heute Schalen, Becher, Figuren und kleine Kunstwerke. Hier hat Keramikerin Kerstin ihre Werkstatt gefunden, und vielleicht auch ein Stück Heimat. Geboren wurde sie in der Nähe von Halle, ihre Kindheit verbrachte sie am Tollensesee, bevor es später nach Falkensee ging. Eine besondere Erinnerung verbindet sie bis heute mit ihrer Grundschulzeit in Groß Nemerow. Während eines Ausflugs kam sie dort zum ersten Mal mit Ton in Berührung. Sie modellierte eine Figur, in der niemand etwas erkennen konnte. Doch für die kleine Kerstin war sofort klar: Das war eine Marktfrau. Eine schöne Vorahnung, denn mehr als 30 Jahre lang sollte sie später selbst mit ihrer Keramik auf Märkten unterwegs sein.
Nach dem Abitur gab es viele Ideen. Doch die Möglichkeiten waren in der DDR begrenzt. Also absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Zootechnikerin und arbeitete anschließend in der Viehwirtschaft. Dass sie einmal Keramikerin werden würde, hätte sie selbst am wenigsten erwartet. Durch Zufall stand sie in der Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß. Ein Blick genügte, und das Feuer war entfacht.
Der Weg führte zur Ausbildung zur Töpferin in den bekannten Töpferort Görzke im Fläming, an die sie bis heute mit einem Lächeln zurückdenkt. Viele lustige Geschichten und prägende Erinnerungen verbindet sie mit dieser Zeit. Danach führte ihr Weg 1990 zunächst an den Bodensee, wo sie in verschiedenen Werkstätten arbeitete und ihr handwerkliches Können stetig erweiterte. Selbst eine dreijährige Pause als hauptamtliche Schlossführerin im Schloss Sigmaringen, wo sie auch wohnte, änderte daran nichts: Der Ton ließ sie nicht mehr los.
Die Zeit im Schloss mit seiner Geschichte, seiner Schönheit und seinem Glanz hinterließ bei ihr bleibende Eindrücke. Doch Kerstin lernte im Laufe ihres Lebens auch viele andere Seiten kennen: Sie arbeitete in unterschiedlichen Bereichen, unter anderem in der Jugendarbeit, in der Gastronomie und im Kundenservice. Jede dieser Stationen brachte neue Erfahrungen, Begegnungen und Erkenntnisse mit sich. Gerade die Vielfalt ihrer Wege zeigte ihr, dass Erfüllung nicht im äußeren Schein oder im Besitz zu finden ist.
Aus all ihren Lebensstationen zieht Kerstin heute eine klare Essenz: Der wahre Frieden und das echte Glück liegen für sie in der Einfachheit: in den kleinen Dingen, im Handwerk, in echten Begegnungen und in einem Leben, das sich nicht über das Materielle definiert. Sie verbindet diese Erkenntnis auch mit den Worten der Bibel: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“
Beruflich und privat führten sie die nächsten Jahre nach Falkensee, in die Uckermark und schließlich nach Prenzlau. Dort wurde sie 2009 nach 40 Jahren als Atheistin durch die Evangelische Stadtmission getauft. Heute empfindet sie große Dankbarkeit gegenüber Gott, dass er sie „ins Boot geholt“ hat. Als ihr Sohn 2014 zum Studium nach Berlin ging, kehrte auch Kerstin an den Tollensesee zurück. In Neubrandenburg richtete sie ihre Werkstatt ausgerechnet im Gebäude am Pferdemarkt 1 ein, in dem sie als Kind Klavierunterricht hatte. Als sie das Haus nach vierzig Jahren wieder betrat, stand das Klavier noch immer an derselben Stelle. Ein Moment, der sich anfühlte, als hätte jemand die Zeit angehalten.
Sieben erfüllte Jahre arbeitete sie dort, war mit ihrer Keramik auf Märkten unterwegs und schloss damit auf besondere Weise den Kreis zu ihrer Kindheit. Dann öffnete sich ein neuer Weg: Die Stadtverwaltung Altentreptow fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, ihr Handwerk im Gemeinschaftsladen anzubieten. Für Kerstin fügte sich auch dieser Schritt auf besondere Weise in ihren Lebensweg. So führte sie ihr Weg nach Altentreptow. Zunächst bot sie dort vor allem Töpferkurse für kleine Gruppen an und begeisterte Menschen für das Keramikhandwerk. Anfang 2024 stand dann plötzlich die Bäckerfamilie Klatt im Gemeinschaftsladen. Sie fragte Kerstin, ob sie Interesse an dem alten Haus mit der Backstube habe. Lange überlegen musste sie nicht.
Seit 2024 wächst ihre Tollensekeramik deshalb Stück für Stück in der alten Backstube, die sie nach und nach zu ihrer heutigen Werkstatt umgebaut hat.
Heute entstehen dort vor allem Arbeiten im Stil der bäuerlichen Keramik. Eine Technik, mit der ihr handwerklicher Weg einst begann. Gleichzeitig gibt sie ihre Erfahrung gern weiter. In ihren Töpferkursen können Einzelpersonen oder Gruppen selbst kreativ werden und ihr eigenes Lieblingsstück gestalten. Wer ihr nicht in der Werkstatt begegnet, trifft sie auf regionalen Märkten, auf denen sie ihre Keramik präsentiert.
Und wie sieht eine Keramikerin eigentlich unsere Stadt? Rund oder eckig? Für Kerstin ist die Antwort eindeutig: rund. Weil Altentreptow Geschichte atmet, Gemeinschaft lebt und genau die Mischung aus Ruhe, Herzlichkeit und ländlichem Charme bietet, nach der sie so lange gesucht hat.
Vielleicht lohnt sich also beim nächsten Spaziergang durch die Unterbaustraße ein zweiter Blick auf die alte Bäckerei mit den weißen Platten. Denn hinter einem scheinbaren Provisorium verbirgt sich ein wundervoller Ort, an dem aus Erde, Feuer und viel Geduld kleine Geschichten entstehen.
Mein Herz schlägt für Altentreptow, weil…
…ich hier angekommen bin und mich von Anfang an willkommen gefühlt habe.
Engagement lohnt sich, weil…
…es für den ganzen Ort und auch für einen selbst wichtig ist. Gemeinschaft gibt uns die Wärme und den Zusammenhalt, den wir alle suchen.
Drei Dinge, die man in Altentreptow gesehen haben muss:
1. Die St.-Petri-Kirche
2. Die Wallstraße am Randkanal
3. Die wunderschöne umliegende Natur
Eine Baustelle, um die man sich kümmern muss:
Ich wünsche mir einen Treffpunkt für alle Jugendlichen. Vielleicht ein Haus, das sie jederzeit nutzen können und das Raum für Begegnung und Gemeinschaft bietet.
Meine Bitte an die Menschen der Stadt:
Bleibt weiterhin so herzlich und offen.