Autor: Friedhelm Schülke, Anklam
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Scheu und Abscheu
Eine Nachlese
Damit ist wohl am besten die Stimmung beschrieben, welche die etwa 60 gespannt Zuhörenden einer besonderen Lesung in Anklam ergriff. Sie waren zur Vorstellung des Buches "Massenmord am Ostseestrand" der Holocaust-Überlebenden Eva Nagler am 12. Mai 2026 in das ehemalige Wehrmachtgefängnis gekommen. Mit dem Herausgeber des Buches und Direktor der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" Berlin, Uwe Neumärker, und dem Initiator des Abends, Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung MV in Schwerin, war hochkarätiger Besuch erschienen.
Die Landsmannschaft Ostpreußen e.V., Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern, war mit ihrem Vorsitzenden Manfred Schukat als Kooperations-Partner vor Ort eingebunden. Als Gastgeberin eröffnete die wissenschaftliche Mitarbeiterin Sabine Görner den Abend, die Begrüßung seitens der Hansestadt Anklam oblag dem Verfasser als Stellvertreter des Bürgervorstehers. In die Vorstellung des Buches und die Lesung einzelner Passagen teilten sich abwechselnd die Schauspielstudentin Anna Menzel aus Rostock sowie Uwe Neumärker. Dieser ist ein ausgezeichneter Kenner sämtlicher Sachverhalte zum Massenmord an über 4.500 jüdischen Häftlingen der Außenkommandos des KZ Stutthof, die im "Königsberger Todesmarsch" Ende Januar 1945 an den Strand von Palmnicken getrieben und hier, an der sonst berühmten ostpreußischen Bernsteinküste, erschossen wurden. Eva Nagler aus Lódź, eine von nur 30 Überlebenden, hat 1995 ihre Erlebnisse im fernen Australien aufgeschrieben. Als Buch in deutscher Sprache wurde es unter o.g. Titel erstmals 2025 herausgegeben. Uwe Neumärker hat in seinem umfangreichen Nachwort die Ergebnisse seiner Recherchen sehr gut und nachvollziehbar dokumentiert. Ein Trost, wenn auch ein sehr kleiner, ist die posthume Ehrung des Palmnicker Güterdirektors Hans Feyerabend, der sich mit seiner ganzen Autorität dem beabsichtigten Massaker widersetzte und dies mit seinem Leben bezahlen musste: Er wurde 2015 von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in die Reihe der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen.
Aber auch das Andenken des Pfarrers Johannes Jänicke, der bis 1947 bei ihrer Gemeinde in Palmnicken blieb und später Bischof in Magdeburg wurde, sowie des Zeitzeugen und Buchautors Martin Bergau werden gewürdigt. Nach dem Vortrag herrschte betroffene Sprachlosigkeit. Was kann und soll man als Nachgeborener dazu auch beisteuern? Und was hat das alles mit Anklam zu tun? Diese Fragen waren förmlich mit Händen zu greifen und sind doch bald beantwortet: Im ehemaligen Wehrmachtsgefängnis Anklam, heute Gedenkstätte und Museum, fanden bis Kriegsende 1945 noch hunderte Erschießungen statt – Soldaten, die von der Front geflohen waren oder sich sinnlosen Befehlen verweigert hatten. Der Bezug zu Ostpreußen ist mit der aktiven Landesgruppe der Landsmannschaft in Mecklenburg-Vorpommern gegeben, die in Anklam ihren Sitz hat. Über 60 Mal sind von hier aus seit 1993 Heimatreisen nach Königsberg organisiert worden, und immer stand auch ein Besuch von Palmnicken (heute russisch Jantarnyj genannt) und der dortigen Holocaust-Gedenkstätte auf dem Programm. Unter den Mitreisenden waren in denAnfangsjahren auch oft Zeitzeugen, wie Edith Radloff aus Dersekow bei Greifswald, die in Palmnicken lebte.
Seit 2011 steht dort ein beeindruckendes Mahnmal am Strand: drei ausgestreckte, hilflos in den Himmel greifende Hände von versinkenden KZ-Häftlingen. Schließlich gab es doch noch einige Rückfragen und Ergänzungen - ansonsten muss diese "schwere Kost" erst einmal verarbeitet und nachgelesen werden.
Sämtliche angebotenen Exemplare des Buches fanden noch am selben Abend interessierte Abnehmer.
Eva Nagler "Massenmord am Ostseestrand", Bericht einer Überlebenden
Herausgegeben von Sarah Friedrich und Uwe Neumärker, Berlin 2025
Preis: 7,00 Euro
ISBN: 978-3-942240-44-4
Erhältlich:im Ort der Information (Denkmal für die ermordeten Juden Europas), Berlin und unter:buchbestellung@stiftung-denkmal.de