Stadtentwicklung bedeutet nicht nur Bauprojekte, Handel oder Veranstaltungen. Sie bedeutet vor allem Lebensqualität für die Menschen, die in einer Stadt leben.
Deshalb möchte Vicky Ortmann, Citymanagerin der Hansestadt Anklam, mit Bürgerinnen und Bürgern in den Austausch gehen, die das gesellschaftliche Leben seit vielen Jahren prägen.
Den Auftakt einer Gesprächsreihe macht Traude Brecht – eine Frau, die in Anklam kaum jemand nicht kennt. Sie war eines der ersten Mitglieder im 1997 gegründeten Seniorenbeirat und darf stolz sagen „Ich bin das älteste Mitglied.“ „Heute fällt der Chor aus“
Eigentlich hätte das Gespräch fast nicht stattgefunden. „Heute fällt der Chor aus“, sagt Traude Brecht lachend gleich zu Beginn. Sonst wäre sie bei der Probe gewesen.
Ein Satz, der viel über ihren Alltag verrät.
Denn Ruhestand bedeutet für die 84-Jährige keineswegs Stillstand. Zwischen Seniorenbeirat, Volkssolidarität, Chor und zahlreichen Veranstaltungen bleibt ihr Kalender gut gefüllt. Und manchmal wirkt es, als kenne sie in Anklam tatsächlich jeden zweiten Menschen persönlich.
Wenn sie über ihre Aufgaben spricht, lächelt sie oft – aber ohne jede Müdigkeit. „Das ist mein Revier“, sagt sie irgendwann und zeigt auf das Areal an Wohngebäuden neben uns - in der Peenstraße, Burgstraße, Klosterstraße. Ein Satz, der hängen bleibt. Zwischen zwei Heimaten
Geboren wurde Traude Brecht in Waren (Müritz). 1954 zog ihre Familie nach Anklam. Dort ist sie geblieben – und dort ist sie angekommen.
„Ich habe zwei Heimaten“, sagt sie. Eine in der Kindheit, eine in der Stadt, die sie über Jahrzehnte wachsen und sich verändern sah.
Besonders lebendig werden ihre Erinnerungen, wenn sie vom Neuen Markt spricht: Einkaufen, Kaffee trinken, Gespräche am Straßenrand – ein Ort voller Begegnungen.
Nach ihrer Ausbildung zur technischen Zeichnerin studierte Traude Brecht später in Magdeburg und wurde Diplom-Ingenieurin. Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1987 meisterte sie ihr Leben allein und zog zwei Kinder groß.
„Mein ganzes Leben, wie ich das so hingekriegt habe“, sagt sie rückblickend – und dieser Satz wirkt nicht stolz im lauten Sinn, sondern ruhig und selbstverständlich.
Ihr Engagement begann früh: Deutsches Rotes Kreuz, Gewerkschaft, Vereinsarbeit. Später kam der Seniorenbeirat hinzu, dem sie seit seiner Gründung 1997 angehört.
Dort setzt sie sich bis heute für konkrete Verbesserungen ein – mehr Sitzbänke, bessere Busverbindungen und Angebote gegen Einsamkeit.
Auch ihre Auszeichnungen – darunter die Ehrennadel der Stadt und eine Ehrung des Landkreises Vorpommern-Greifswald – erwähnt sie eher nebenbei, was sie noch autentischer wirken lässt.
Besonders deutlich wird ihre Leidenschaft zum 2008 gegründeten Chor der Volkssolidarität.
24 Sängerinnen und Sänger gehören dazu. Sie treten bei den unterschiedlichsten Anlässen auf.
„Singen, machen, aktiv bleiben“, sagt Traude Brecht. Und genau das ist es, was man in diesem Moment versteht: Der Chor ist für sie kein Hobby am Rand, sondern gelebte Gemeinschaft.
Er bringt Menschen zusammen, schafft Begegnungen und sorgt für Momente, die bleiben.
Auch im Seniorenbeirat ist ihr Blick klar: Es geht nicht nur um Organisation, sondern um Teilhabe.
Regelmäßig werden Informationsveranstaltungen zu Telefonbetrug oder Schockanrufen organisiert. Dazu kommen Besuche in Pflegeeinrichtungen und Gespräche mit Institutionen.
Für Traude Brecht sind die größten Themen im Alter klar: Gesundheit, Pflege und Mobilität.
„Gesundheit“, sagt sie ohne zu zögern, als man sie nach den wichtigsten Wünschen älterer Menschen fragt.
Ein zentraler Ort für viele Seniorinnen und Senioren ist die Begegnungsstätte in derLeipziger Allee. Dort wird gespielt, geturnt, gefrühstückt und diskutiert.
Für Traude Brecht sind solche Orte mehr als Freizeitangebote. Sie sind soziale Ankerpunkte.
„Man muss rausgehen und Kontakte pflegen“, sagt sie. Gemeinschaft entstehe nicht von allein.
Auf die Frage nach den Generationen muss sie nicht lange überlegen:
„Ruhe bewahren und erst überlegen, bevor man handelt.“ Gleichzeitig hat sie große Freude am Austausch mit Jüngeren – etwa in ihrer früheren Rolle als Lesepatin in der Kinderbibliothek. Die Neugier der Kinder habe ihr selbst oft neue Perspektiven eröffnet.
Wenn Traude Brecht über die Zukunft spricht, kommt sie immer wieder auf denselben Ort zurück: den Neuen Markt.
Früher ein lebendiger Treffpunkt, heute für sie ein Ort, der wieder mehr Leben vertragen könnte.
Ihr Wunsch ist konkret: ein ruhiges, gepflegtes Café mit ganztägigen Öffnungszeiten – ein Ort, an dem sich Menschen begegnen, reden und verweilen. Ein Stück Innenstadt als Begegnungsraum.
Wenn das Gespräch sich dem Ende neigt, wird deutlich, wie sehr Anklam für sie mehr ist als ein Wohnort.
In wenigen Tagen wird Traude Brecht 85 Jahre und vielleicht erfüllt sich ihr Wunsch eines Tages. Ein Café am Neuen Markt, in dem sich Jung und Alt treffen.
Bis dahin wird sie weitermachen, was sie seit Jahrzehnten tut: Menschen zusammenbringen. Ihre persönliche Botschaft an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt: „Bleibt optimistisch!“
„Das ist mein Revier“, sagt sie noch einmal – und diesmal klingt es nicht wie ein Spruch, sondern wie eine Haltung.