(Der Geisterpudel vom Papenhof, Zeichnung Claudia Weidenbach)
Wer sich nach Mitternacht im bleichen Mondlicht in die Nähe der Barther Marienkirche wagt, den umweht nicht nur der kalte Hauch der Ostsee, sondern auch ein kalter Atem. Die Rede ist vom legendären schwarzen Pudel. Nicht irgendein Hund, denn er ist zu groß, zu still und seine Augen gleichen rotglühenden Kohlen. Ein alter Schinder namens Peter nannte ihn einen Wodel, ein sogenannter Wolfspudel. Sein Ursprung lag in einem alten, von Hecken überwucherten Gehöft. Eine seltsame Stille lag hier schwer in der Luft und nur das alte rostige Tor klapperte ab und an. Die Jahrhunderte hatten hier eine Schneise des Verfalls hinterlassen und die Barther nannten es nur den Papenhof, ein Ort, den man besser meidet und ganz besonders bei Nacht. In mancher Geisterstunde hatte man schon beobachtet, wie der Riesenpudel durch die scheinbar verschlossene Pforte des Papenhofes trabte. Lautlos, fast schwebend und dann im Kreis um die Kirche streifend. Kein Laut, kein Knurren, nur das leise Scharren seiner Krallen auf dem alten Kopfsteinpflaster. Und dann, ebenso plötzlich wie er kam, verschwand er wieder durch das geschlossene Tor als hätte es ihn nie gegeben.
Der Landrat von Thun, dessen Eltern den Papenhof noch vor einigen Jahren bewohnten und unter mysteriösen Umständen verstarben, war zu sensibel das alte verfallene Wesen zu betreten und verkaufte es an den Kammerherrn von Usedom. Doch auch für diesen stand unwiderleglich fest, dass es dort spukte und vermietete es umgehend an die Witwe von Knuth, dessen Söhne in der alten Schule neben der Kirche unterrichtet wurden. Der dortige Rektor erzählte den beiden Knaben noch eine weitere, weitaus ältere Spukgeschichte zu ihrer neuen Heimat. „In manchen Nächten“, sprach er ehrfurchtgebietend, „wenn Nebel vom Bodden heraufzieht und die Kirchturmglocke stumm bleibt, dann öffnet sich das alte Hoftor wie von Geisterhand. Kein Knarren, kein Windstoß. Nur das unheimliche Gefühl, dass etwas längst Totes erwacht ist. Dann rollt sie hinaus: Eine Kutsche, gezogen von zwei pechschwarzen Pferden mit leeren Augenhöhlen. Der Kutscher ist nie zu erkennen, sondern nur ein dunkler Umriss mit einem hohen Zylinder. Lautlos aber in scharfem Trab fährt sie durch die Baustraße, dann in die Sundische Straße, als folge sie einem uralten Pfad. Die wenigen, die sie gesehen haben, berichten, dass kein Hufschlag zu hören sei. Und am Fuße des Sundischen Berges, wo der Weg zur Alkunquelle abzweigt, endet die Fahrt jäh. Die Kutsche verschwindet spurlos und nur das Gelächter des grauenvollen Kutschers hallt noch lange nach.“
Unnötig zu erwähnen, dass nun auch die Witwe Knuth, nachdem ihr die Kinder von der Geschichte des Rektors berichteten, nicht mehr gewillt war, noch lange in diesem unheilschwangeren Haus auszuharren. Und schon am nächsten Tag traf sie unterwegs die Nachbarin Borries, eine Frau von so viel Ehrgefühl, dass sie es für ihre Pflicht hielt, der werten Witwe Knuth von einer grausigen Begebenheit Mitteilung zu machen. Sie erzählte, dass einst vor vielen Jahrhunderten eine wohlhabende Familie auf dem Papenhof lebte als eine gewaltige Sturmflut die Stadt 1625 bedrohte. Es flohen viele Bürger auf den nahegelegenen Sundischen Berg. Auch die damaligen Bewohner des Papenhofs packten in panischer Eile ihre Habseligkeiten, stiegen in ihre prächtige Kutsche und flohen. Doch das Meer war schneller. Noch ehe sie das rettende Hoch erreichten, brach die Flut über sie herein wie eine gurgelnde, schäumende Wand aus Wasser und Tod. Niemand überlebte. Die Kutsche wurde mitsamt Pferden und Insassen fortgerissen, versank irgendwo im brackigen Wasser, begraben unter Schlick, Algen und Schuld. „Und seitdem kehren sie zurück.“ erzählte Nachbarin Borries aufgeregt. „Die Familie, verdammt, ihre letzte Flucht immer und immer wieder zu wiederholen, Nacht für Nacht, immer dieselbe Strecke, immer dasselbe Ende. Und der Pudel? Man munkelt, er sei der gefallene Wächter, einst das Haustier des Hofes und nun ein verfluchter Geist, der auf ewig um die Kirche kreisen muss, bis die Schuld der Toten vergeben ist.“
Schon bald fand Kammerherr von Usedom einen unerschrockenen Käufer für das unbewohnbare Spukwesen. Ein alter Bekannter, ein Herr Struck aus Greifswald, hielt diese Gerüchte und Geschichten für reinen Humbug und für einen Versuch des Adeligen, einen Bürgerlichen vom Kauf des Hauses abzubringen: „Gespenster, mein lieber Kammerherr, gibt es nicht und ich glaube kaum, dass man zugunsten des Aberglaubens die Naturgesetze aufheben kann.“ Während des Gespräches jedoch, gesellte sich ein schwarzer Pudel zu den beiden Bekannten. Struck bemerkte, dass der Pudel sich auffällig und ungewöhnlich aufführte. Er quittierte das Verhalten des Pudels daraufhin mit den Worten: „Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise der Pudel um uns her und immer näher jagt? Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel auf seinen Pfaden hinterdrein." (Zitat:Goethe) Doch der Kammerherr sah nichts, außer einen gewöhnlichen schwarzen Pudel. Der Kaufvertrag wurde per Handschlag besiegelt und das Spukwesen ging an den Greifswalder Theologen. Lange danach noch spazierte Struck allein um das Haus und in den wild bewachsenen Garten und bemerkte erst nach einiger Zeit, dass der schwarze Pudel immer noch bei ihm war und ihn beobachtete. Dann verwandelte dieser sich unvermittelt und ein Geist in Gestalt des alten Herzog Bogislaw stand nun vor ihm.
„Das ist also des Pudels Kern?“ fragte ihn Struck fast unberührt von dieser unnatürlichen Transformation. „Ja.“, begann der Herzog mit seiner Antwort, „Weil hier meine lieben Barther wohnen, wollte auch ich hier meine Zeit im Jenseits zubringen. Ich habe euch nichts zu Leide getan, das werdet Ihr mir Zeugnis geben, und da Ihrs ja nicht tun wollt, weiß ich gewiß, euer Herz und euer Gewissen wird euch überzeugen, dass ich auch weiterhin meinen Spuk hier treiben darf.“ Struck erkannte seine Gelegenheit und schloss einen Pakt mit dem seltsamen Herzogspudelgeist. Er würde ihm die Erlaubnis erteilen weiterhin auf dem Papenhof zu spuken, solange er ihm dabei nur jeden unwillkommenen Besucher fernhielte. Und diesen Pakt hat der Pudelherzogsgeist viele Jahrzehnte stets erfüllt: Er verjagte französische Besatzungsoffiziere, Ratsherren und Schornsteinfeger von der Feuerfahrt, die Kinder von der alten Schule, die Nachbarin Borries und auch Strucks Schwiegersohn Oom, der erst das Haus betreten konnte, als er das Amt des Bürgermeisters innehatte.