Romanischer Abendmahlskelch, um 1240, Replikat, vergoldetes Silber, Stadtmuseum Bergen, Original im Eigentum der Evangelischen Kirchengemeinde Bergen
Minnesänger: Ausschnitt aus der Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), wahrscheinlich mit Darstellung Wizlaws III. (mit Fürstenkrone im roten Gewand), UB Heidelberg
Barth. Der Raum ist gedämpft beleuchtet, das Gold des romanischen Kelchs schimmert matt im Vitrinenglas. Eine Replik, gefertigt nach dem Original von etwa 1240, das in der Kirche von Bergen auf Rügen aufbewahrt wird. Ein liturgisches Gefäß – und zugleich ein Symbol für jene Verbindung von Macht, Religion und Kunst, die das mittelalterliche Fürstentum Rügen prägte. Wer den neu eröffneten Papenhof in Barth betritt, findet sich in einer Welt wieder, die zwischen Himmel und Erde, Glauben und Herrschaft, Meer und Machtanspruch hin und her schwingt.
Vor 700 Jahren, im Jahr 1325, starb der letzte slawische Fürst von Rügen, Wizlaw III. Sein Tod beendete eine Epoche, aber nicht den Streit um das Land. Das Fürstentum, einst Vasall des dänischen Königs, wurde zum Zankapfel zwischen Pommern, Mecklenburg und Dänemark. Der pommersche Herzog erhob Anspruch auf das Lehen – ein vom König verliehener Herrschaftsbereich –, doch auch andere Nachbarn forderten ihr Recht. Es folgten zwei Erbfolgekriege, die den Ostseeraum für Jahrzehnte erschütterten.
„Das umflossene Land“, wie es in alten Urkunden heißt – die Insel Rügen samt ihren Festlandsgebieten um Barth, Tribsees und Grimmen – war mehr als ein geopolitischer Punkt auf der Karte. Es war ein Knotenpunkt des Nordens: wirtschaftlich bedeutsam, kulturell vielgestaltig, spirituell aufgeladen.
Die Sonderausstellung im Museum Papenhof widmet sich diesem vielschichtigen Erbe mit großer Anschaulichkeit. Im Mittelpunkt stehen zwei Themenfelder: die materielle Kultur – Kirchen, Klöster, Stadtgründungen – und die geistige Welt der Menschen, die sie prägten.
Der Besucher begegnet einem reichen Tableau: dem romanischen Abendmahlskelch, einer fein gearbeiteten Greifenschnalle aus der Zeit um 1300 und der sogenannten „Bergener Decke“ – einem kunstvoll bestickten Leinentuch aus der Marienkirche zu Bergen. Dieses seltene Textil, vermutlich im 13. Jahrhundert von Klosterfrauen gefertigt, diente einst als Altarschmuck und zählt zu den wichtigsten Zeugnissen mittelalterlicher Stickkunst im Ostseeraum.
Große Wandtafeln führen durch die politische und soziale Geschichte, während in Klanginstallationen Musik des Fürsten Wizlaw III. erklingt. Der letzte Regent des Fürstentums war zugleich Dichter und Komponist – seine Minnelieder, höfische Liebesgedichte des 13. Jahrhunderts, verbinden ritterliche Tradition mit nordischem Klang. Dass solche Poesie an der Ostsee entstand, zeigt, wie weit der kulturelle Horizont dieses Landes reichte.
Begleitet wurde die Ausstellungseröffnung von einer Tagung der Historischen Kommission für Pommern (HIKO), die vom 10. bis 12. Oktober in Barth stattfand.
Forscherinnen und Forscher aus Deutschland und Polen beleuchteten dort die vielfältigen Aspekte des alten Fürstentums: die geologische Entwicklung der Region, die dänisch-slawischen Auseinandersetzungen des 12. Jahrhunderts, den Landesausbau mit seinen Stadtgründungen und Kirchenbauten.
Ein zweiter Schwerpunkt galt der Kulturgeschichte: dem rügischen Landrecht, den Wappen der Fürsten und vor allem der Musik und Lyrik Wizlaws III. – jener seltenen Verbindung aus Macht und Kunst, die das Bild des Ostseeraums um 1300 so einzigartig macht.
Die Tagung machte deutlich, dass Rügen nie bloß eine Peripherie war. Es stand im Austausch mit Dänemark, mit den Hansestädten und den geistigen Strömungen Mitteleuropas – ein kulturelles Labor zwischen Nord und Süd.
Die Ausstellung ist mehr als eine historische Rückschau. Sie zeigt, wie eng Rügen und das vorpommersche Festland seit Jahrhunderten mit den kulturellen und wirtschaftlichen Netzwerken des Ostseeraums verflochten sind.
Gerade der Papenhof – das neu eröffnete Museum der Stadt Barth – verleiht diesem Rückblick eine besondere Aktualität: Die Region entdeckt ihre eigene Geschichte neu, nicht als Randnotiz, sondern als Teil eines größeren europäischen Zusammenhangs.
Wenn am Ende der Rundgang in leise Musik übergeht – eine der Melodien Wizlaws III., gespielt auf historischen Instrumenten –, spürt man für einen Moment die Verbindung zwischen der fernen Zeit und dem heutigen Ort.
Dann wird Geschichte hörbar. Und vielleicht begreift man, dass dieses „umflossene Land“ nie nur vom Meer umgeben war – sondern von Geschichten, die bis heute nachhallen.
Sonderausstellung: „Das Fürstentum Rügen – ein Zankapfel am baltischen Meer“, Museum Papenhof Barth, bis Ende April 2026.