Am frühen Vormittag: Die Pausenklingel schellt, und in der Nobertschule, der Zentralen Grundschule in Barth, beginnt ein aufgeregtes Wandern. Aus den drei dritten Klassen strömen etwa 40 Mädchen und Jungen – alle mit einer Mappe unterm Arm – in einen Klassenraum. Unterstützung erhalten sie von einigen ausgewählten Viertklässlern. Wo wollt Ihr denn hin? „Zu Otto“, sagt ein kleiner Pfiffikus mit großer runder Brille.
„Chorprobe“ heißt die nächste Unterrichtsstunde, und während die nichtsingenden Klassenkameraden sich anderen Fächern widmen, versammeln sich die jungen Sängerinnen und Sänger in einem Klassenzimmer, das schnell zum Probenraum umgeräumt wurde. Vorn steht ein Keyboard, eine Gitarre liegt bereit, und Lehrerin Mandy Schwarzlose schreibt noch schnell einen Liedtext an die Wandtafel.
„Otto find ich gut“ fällt dem Beobachter ein. Oder der friesische Blödelbarde Otto. Nicole Chibici-Revneanu, die Leiterin des Bibelzentrums in Barth, war inzwischen zu der fröhlichen Runde gestoßen und lacht: „Nein, hier geht es um Otto von Bamberg“. Das Musical, für das geprobt wird, erzählt die Geschichte des Bischofs und „Pommernapostels“, der vor 900 Jahren begonnen hat, das Land am Meer mit dem Christentum bekannt zu machen. Für dieses Stück - Nicole Chibici hat die Musik geschrieben - wird nun in verschiedenen Gesangsgruppen in Vorpommern geprobt, hier also auch in der Barther Grundschule „Friedrich-Adolf Nobert“.
„Die Wurzeln dieses Vorhabens liegen im großen Martin-Luther-King-Musical“, erzählt Nicole Chibici-Revneanu. In Vorbereitung darauf hatten etliche Lehrkräfte aus der Nobertschule beim Projektchor im Bibelzentrum mitgemacht. „Und wir hatten so viel Spaß gemeinsam, dass wir uns dieses Otto-Projekt ausgedacht haben. Mit Mandy Schwarzlose, Birgit Kraushaar und Katrin Dosdall habe ich zusammengesessen und überlegt, wie das aussehen könnte – und als die Schulleitung mit dem Vorhaben einverstanden war, konnten wir nach den Herbstferien loslegen“. Einmal in der Woche übt man seitdem an den Liedern, und während die Komponistin mit den Kindern aus der 3. und 4. Klasse singt, hört Mandy Schwarzlose ganz genau hin, wer für welche Rolle, welches Solo passen könnte. Die ersten Solisten sind bereits gefunden, und der Kleine mit der großen Brille darf den Otto spielen. „Zu einigen Liedern haben wir uns auch Bewegungen ausgedacht – und außerdem den Schweige-Otto, eine Geste für den Fall, dass es bei den Proben mal zu laut wird - was natürlich kaum je vorkommt“, erzählt Nicole Chibici, bevor sie das Probenzepter übernimmt.
Besonders schön sei es für Nicole Chibici, wenn sie von Probe zu Probe die Fortschritte merke: Manchmal werden die Lieder auch am Beginn einer Religions- oder Musikstunde gesungen, und das mache sich sehr schön bemerkbar. Die Art des Probens ist für sie ungewohnt: Kindermusicalprojekte liefen sonst immer so, dass man in wenigen Tagen alles einstudiert und dann sofort aufführt. Dass sich das Üben über eine längere Zeit zieht, sei angenehm – und habe auch noch einigen Einfluss auf den Entstehungsprozess des Stückes gehabt, der beim Probenbeginn in der Nobertschule ja noch in vollem Gange war.
Die Probe beginnt. Aufmerksam, aufgeweckt, neugierig und mit viel Spaß sind die Kinder dabei. Nach 45 Minuten ist die musikalische Unterrichtsstunde vorbei. Leider, wie einige der Mädchen und Jungen meinen. Schnell noch der Rückbau vom Probenraum zum Klassenzimmer, dann flitzen die Kinder in ihre eigenen Klassen. Und manche trällern auf dem Weg noch die gerade geprobten Musicalsongs. In einer Woche ist wieder Probe.
Was passiert aber nun, wenn Nicole Chibici-Revneanu ab 1. Februar ihre neue Stelle im Pastoralkolleg in Ratzeburg übernimmt? „Natürlich wird hier weiter geprobt“, sagt Nicole Chibici. Die drei Lehrerinnen werden das weitere Üben übernehmen, und Nicole Chibici kommt regelmäßig in die Region, um die Proben mit ihren Otto-Sängerinnen und -Sängern (unter anderem sind dabei die „Pommerschen Engelspierken“, der Kirchenchor Barth und natürlich die Barther Nobert-Schüler) zu betreuen.
Denn Otto, den finden inzwischen alle, die dabei sind, wirklich gut.