Die ehemalige Munitionsfabrik im Barther Stadtholz ist bis heute von einem Schleier des Geheimnisvollen umgeben. Vieles wurde hineininterpretiert, manches hält sich hartnäckig und man fragt sich, warum eigentlich. Was davon könnte wahr sein?
Meine Beschäftigung mit den PIW reicht bis in den Sommer 1954 zurück. Die Sprengungen lagen damals erst sieben Jahre zurück und gemeinsam mit meinem Vater durchstreifte ich die Ruinen auf der Suche nach Brauchbarem. Das war meine erste Begegnung mit dieser Trümmerlandschaft. Besonders auf Wandfliesen hatten wir es abgesehen um unser Bad und die Waschküche zu verschönern. Fündig wurden wir vor allem am Bärenweg im Labor, von dem immerhin noch die vier Wände der Abteilung „Chemische Entwicklung“ stehengeblieben waren.
Schon damals kursierten düstere Gerüchte. Man erzählte sich, in geheimen Bunkern seien Kampfstoffe hergestellt und erprobt worden. In einem dieser Bunker, so hieß es, seien deutsche Frauen bestraft worden, die sich mit ausländischen Männern eingelassen hatten. Nach ihrer Entlassung sollen ihre Haare von feuerroter Farbe gewesen sein. Eine Frau, die in der Lohnbuchhaltung des Werkes gearbeitet hatte, berichtete mir vor siebzig Jahren, sie habe eine solche Bestrafung selbst miterlebt. Solche Erzählungen bildeten den Nährboden für den Mythos, der die PIW bis heute umgibt.
Doch wurden dort tatsächlich Kampfstoffe produziert oder getestet? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.
1991 ließ die Kreisverwaltung eine „Erste Abschätzung über die vom Standort PIW möglicherweise ausgehenden Gefährdungen für Schutzgüter“ erstellen. Hinweise auf eine Kampfstoffproduktion ergaben sich daraus aber nicht. In einer 2006 vom Arbeitsamt geförderten ABM, die den Auftrag hatte, ein Konzept für das Gelände der ehemaligen PIW zu erarbeiten, wurde die Problematik umfassender untersucht. Der Abschlussbericht enthält unter anderem ein Gutachten des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Universität Greifswald zu Phytotoxizitätstests mit Bodenproben.
Da die Vermutung einer Arbeit mit Kampfstoffen im Raum stand, wurden die wenigen noch lebenden Zeitzeugen befragt. Ihre Aussagen fielen unterschiedlich aus und wurden nach entsprechender Gewichtung in den Bericht aufgenommen.
Resümee: Auch der im Barther Rathaus archivierte Abschlussbericht von 1996 kann den Mythos einer Kampfstoffproduktion nicht endgültig widerlegen, lässt aber offen, dass entsprechende Tätigkeiten möglich gewesen sein könnten. Hinweise auf konkrete Experimente mit Kampfstoffen in der Produktion sind nicht nachweisbar. Laborversuche können jedoch nicht ausgeschlossen werden, und genau das hält die geheimnisvollen Vermutungen bis heute lebendig.
Beitrag erstellt unter Bezug auf Material aus dem Stadtarchiv Barth.