Titel Logo
Barther Boddenblick
Ausgabe 6/2026
Nichtamtlicher Teil
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Die Granitz – die schwimmende Bar im Hafen von Barth

Barth – Wer durch den Hafen von Barth schlendert, dem fällt sofort die „Granitz“ ins Auge: ein charmantes, restauriertes Schiff, das seit über einem Jahrhundert Geschichten erzählt. Sie ist die älteste Lady in Barth und hat schon so manches Abenteuer erlebt. Doch kaum jemand kennt die bewegte Geschichte dieses schwimmenden Lokals, das heute für zahlreiche Einheimische und Gäste das „zweite Wohnzimmer“ geworden ist.

 

 

Vom Fahrgastschiff zum Spaßdampfer

Vor 120 Jahren, im Jahr 1906, wurde die Granitz als Doppelschraubendampfer in Stettin gebaut und trug damals noch den Namen „Lankwitz“. Dieses stolze Fahrgastschiff konnte bis zu 234 Passagiere befördern und war ein beliebtes Verkehrsmittel für Ausflüge. Doch der Zweite Weltkrieg bedeutete einen tiefen Einschnitt: Bei Kämpfen im Berliner Griebnitzsee wurde das Schiff zusammen mit anderen Booten versenkt. Zwölf Jahre lang lag es auf dem Grund des Sees – eine Zeit des Schlafens und Vergessens.

 

 

Ein neues Leben in der Genthiner Werft

1945 wurde das Schiff geborgen und in der Genthiner Werft in Sachsen-Anhalt zu einem Motorschiff umgebaut. Fortan nannte man es „Granitz“. Dieser Name steht für ihren neuen Abschnitt. Sie fuhr nun auf Ostseegewässern und brachte Passagiere nach Hiddensee und Rügen. Zuletzt lag sie im Warnemünder Hafen und sollte 1989 eigentlich verschrottet werden – ein Schicksal, das vielen alten Schiffen widerfährt.

 

 

Liebe auf den ersten Blick

Doch das fünfte Kapitel der Granitz begann, als Wolf-Dietrich Griep, ein Berliner Musiker und Kabarettist, die alte Dame im Barther Wirtschaftshafen entdeckte. In einem traurigen Zustand: voll Wasser, ohne Fenster, schimmelig und stark beschädigt. Für gerade einmal 150 Mark kaufte er das Schiff – ohne zu wissen, welche Arbeit auf ihn zukommen würde. Er investierte Zeit, Geld und Leidenschaft, arbeitete mit Freunden daran, erneuerte Fenster mit Ersatzscheiben aus Berliner S-Bahnen und gab dem Schiff mit frischer Farbe neues Leben. Trotz aller Mühen erkannte er schnell: Ein altes Schiff instand zu halten, kann ein teures Hobby sein.

Vom Tonstudio zum Spirit des Schiffs

Ursprünglich wollte Griep die Granitz als Spaßdampfer nutzen und kulturelle Veranstaltungen an Bord anbieten. Doch das Publikum am kleinen Hafen fehlte ihm. Stattdessen richtete er ein Tonstudio auf dem Schiff ein, komponierte Filmmusiken und tourte nebenbei mit seinem Ensemble durch Europa. Noch heute klingt die Erinnerung an diese kreative Zeit nach, wenn man die alten Holzbalken betritt. Doch irgendwann spürte er, dass seine Geduld am Ende war: „Mein Überdruss-Projekt wurde mir einerseits zu langweilig und andererseits wirtschaftlich nicht tragbar“, gestand er später.

 

 

Ein neues Kapitel beginnt

So tauschte Griep die Granitz gegen die alte Feuerwache in Küstrow ein – und die Granitz wechselte erneut den Besitzer. Ricardo Kunz war derjenige, der die Idee hatte, das Schiff in ein Ferienschiff umzuwandeln. Fortan konnten bis zu zwölf Gäste an Bord ihren Urlaub verbringen und das maritime Flair des Hafens kaum verlassen. Doch die wahre Verwandlung kam erst zusammen mit Sven Sand, der die Granitz gemeinsam mit Kunz ab 2012 zur gemütlichen Kneipe umbauen ließ.

Die Granitz – das schwimmende Wohnzimmer

Seit April 2012 ist die Granitz eine beliebte Kneipe, in der Einheimische und Besucher zusammenkommen, um sich wohlzufühlen. Seit Oktober 2014 wird das Schiff von Sven Sand und seiner Frau Melanie betrieben, die 365 Tage im Jahr für ihre Gäste da sind. Bekannt ist die Granitz nicht nur für ihre herzliche Atmosphäre, sondern auch für Spezialitäten wie selbstgemachte Gulaschsuppe und Soljanka.

Das schwimmende Wohnzimmer zieht Menschen aus nah und fern an. Täglich versammeln sich hier Stammgäste zwischen antiken Fotos und dem warmen Schein des Kaminofens. Es wird gespielt, gelacht und manchmal sogar getanzt – trotz der begrenzten Platzverhältnisse. Die „Granitz-Sucht“ ist kein Geheimnis mehr unter denen, die die besondere Stimmung lieben. Dass dieses behagliche Fleckchen auf dem Wasser zugleich ein 120 Jahre altes Schiff mit bewegter Geschichte ist, wissen viele Besucher erst beim genaueren Hinsehen.

Fünf Leben – ein Schiff voller Geschichten

Die Granitz hat schon fünf Lebensabschnitte hinter sich: vom stolzen Fahrgastdampfer über das Kriegswrack, das Motorschiff, das Tonstudio auf dem Wasser bis hin zum Ferienschiff und heute zur beliebten Bar. Jedes Kapitel erzählt von Wandel, Leidenschaft und dem Willen, etwas Besonderes zu bewahren.

Für viele Barther ist die Granitz längst mehr als nur ein Schiff – sie ist ein Teil ihrer Stadt und ihrer Geschichte. Die alte Lady lebt weiter, ihr Herz schlägt in jedem Glas, in jeder Unterhaltung und in jedem Lachen an Bord. Wer einmal hier war, versteht: Die Granitz ist nicht nur ein Hafenlokal – sie ist ein Zuhause auf dem Wasser.

Mario Galepp