Barth/Europa – 4.500 Kilometer in 14 Tagen durch 6 Länder.
Enrico Wernicke aus Barth ist Notfallsanitäter, 30 Jahre alt und fährt Motorrad. Seine diesjährige Tour führte ihn durch Polen, die baltischen Staaten und die Slowakei. Was ihn antrieb, war kein Fernweh im üblichen Sinne.
Wenn Enrico Wernicke über seine Motorradreisen spricht, fällt früh ein Satz, den er sich selbst zum Grundsatz gemacht hat: Reisen bildet. Aus persönliche Überzeugung, die er sich in den vergangenen Jahren auf Island, in Bosnien und zuletzt auf einer 14-tägigen Tour durch Osteuropa selbst erarbeitet hat.
In diesem Sommer legte er mit seiner Maschine, die er „Anna Lena“ nennt, mehr als 4.500 Kilometer zurück. Die Route führte durch Polen, Litauen, Lettland, Estland und zuletzt noch in die Slowakei, ein Land, das auf seiner persönlichen Europakarte noch fehlte. Sechs Länder, 14 Tage und eine Reise, bei der die üblichen Sehenswürdigkeiten nicht auf dem Programm standen.
Enrico besuchte die Wolfsschanze im heutigen Polen, ehemalige Bunker- und Raketenstandorte des Kalten Krieges im Baltikum sowie die Gedenkstätten Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau. Orte, an denen Geschichte nicht vermittelt wird, sondern erfahrbar ist.
„Wenn man an diesen Orten steht, wird Geschichte plötzlich real. Man erkennt, wie schnell Freiheit verloren gehen kann und wie wichtig es ist, demokratische Werte zu schützen."
Auf seinem Instagram-Kanal @eimer_sonst_keiner dokumentierte er die Reise nahezu täglich, sachlich, persönlich, ohne erhobenen Zeigefinger. Die Resonanz überraschte ihn. Viele Menschen schrieben ihm, dass sie historische Themen selten so zugänglich aufbereitet finden.
Mitten in der Reise erreichte ihn eine Nachricht, die ihn anders beschäftigte. Jemand schickte ihm das Foto eines Aufklebers, der an einer Laterne vor einer Grundschule klebte. Darauf zu sehen war eine von einem Kind gezeichnete Reichsflagge.
„Natürlich weiß niemand, warum ein Kind so etwas malt. Aber die Frage, wie Kinder mit solchen Symbolen überhaupt in Berührung kommen, sollte uns alle beschäftigen.“
Nach den Besuchen in Auschwitz ließ ihn dieses Bild nicht mehr los.
Besonders in den Regionen nahe der russischen Grenze veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Enrico kam mit vielen Menschen ins Gespräch und was er dort wahrnahm, war vor allem Klarheit.
„Die Menschen dort wissen aus ihrer eigenen Geschichte, was Fremdherrschaft, Besatzung und Unterdrückung bedeuten. Deshalb haben viele eine sehr klare Haltung."
Ukrainische Flaggen an Häusern, Fenstern und öffentlichen Gebäuden begleiteten ihn durch die baltischen Staaten. In der litauischen Stadt Kaunas fand er ein großflächiges Graffiti, das Solidarität mit der Ukraine zeigte. Für ihn waren das keine bloßen politischen Gesten.
„Man merkt, dass Geschichte dort noch sehr präsent ist. Die Menschen haben aus ihr gelernt und wissen, wie wertvoll Freiheit und Unabhängigkeit sind."
Irgendwo zwischen den vielen Stunden allein auf der Straße entstand eine weitere Idee. Enrico rief über seinen Kanal zu Spenden für den DOK Barth e.V. auf, einen Verein, der sich mit der regionalen Geschichte beschäftigt, insbesondere dem ehemaligen KZ-Außenlager Barth und dem Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I. Am Ende der Reise kamen mehr als 450 Euro zusammen.
Eine Spende bewegte ihn besonders. Ein Freund überwies einen Betrag und schrieb dazu, dass ihn das Thema eigentlich weniger interessiere, aber dass seine verstorbene Mutter, sie war Geschichtslehrerin, stolz auf jemanden wie Enrico gewesen wäre.
„Das hat mich wirklich bewegt. Sie hat ihr Leben lang Geschichte vermittelt. Zu hören, dass sie sich wahrscheinlich gefreut hätte, dass sich jemand freiwillig so intensiv mit diesen Themen beschäftigt, bedeutet mir viel.“
Dabei musste er auch an seine eigene Schulzeit in Barth denken. Seine frühere Geschichtslehrerin Frau Kirschstein hatte ihn schon damals für historische Themen begeistert. „Auch wenn ich eigentlich eher der Klassenclown war“. Er glaubt, dass auch sie heute stolz wäre.
Was bleibt
4.500 Kilometer Asphalt, sechs Länder, zwei Wochen. Was Enrico von dieser Reise mitnimmt, lässt sich nicht in Kilometern messen.
„Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Die Menschen vor uns haben erlebt, was passiert, wenn sie verloren geht. Deshalb müssen wir darüber sprechen, erklären und erinnern.“
Im kommenden Jahr soll die Reise mit „Anna Lena“ bis in die Türkei führen. Wieder allein und wieder auf zwei Rädern.
Wer den DOK Barth e.V. und seine Arbeit zur regionalen Erinnerungskultur unterstützen möchte, findet weitere Informationen unter dok-barth.de.