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Bützower Landkurier
Ausgabe 2/2026
Nachrichten aus der Stadt Bützow und dem Amt Bützow-Land
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Die Bützower Hugenottenkirche, Teil 1

Aussehen der Stadt Bützow im 17. Jahrhundert zur Zeit der Ansiedlung der Exulanten

Bildausschnitt aus dem Schmettauschen Kartenwerk von 1792, inklusive des markanten Flurnamens „Franzosen Wiese“.

Anwerbung, Ansiedlung und Ankommen der protestantischen Glaubensflüchtlinge

Die religiöse Intoleranz des Katholizismus gegenüber Andersgläubigen und die daraus resultierenden Verfolgungen führten ab der Mitte des 16. Jahrhunderts dazu, dass zahlreiche protestantische Glaubensflüchtlinge in vielen europäischen Ländern eine neue Heimat suchten. Zu diesen gehörten neben den Hugenotten auch die Wallonen, französischsprachige Bewohner der belgischen Region sowie die Waldenser, Mitglieder einer vorreformatorischen protestantischen Kirche. Diese Gruppen fanden sowohl in Deutschland als auch in anderen europäischen Ländern Zuflucht und gründeten dort neue Gemeinden.

Besonders die Hugenotten, die vor Religionskonflikten wie der Pariser Bluthochzeit 1573 und der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 durch Ludwig XIV. geflohen waren, nahmen eine bedeutende Stellung ein. Obwohl ihr Hauptsiedlungsgebiet in Deutschland nicht Mecklenburg war, wurde die Stadt Bützow zu einem wichtigen Aufnahmeort für eine französisch-reformierte Flüchtlingskolonie.

Im Jahr 1683 lag Bützow noch im Schatten des verheerenden Dreißigjährigen Krieges. Trotz Zerstörung, Hunger und Furcht keimte neue Hoffnung auf, als Bürgermeister Martin Burghardt und die Ratsherren der Stadt am 24. Juli 1683 einen beherzten Plan fassten: Sie wandten sich an Herzog Christian Ludwig I. von Mecklenburg mit der Bitte, die aus Frankreich vertriebenen reformierten Glaubensflüchtlinge aufzunehmen. Die Stadt, die sich noch immer in schlechtem Zustand befand und vom Verfall bedroht war, sollte so durch die Ansiedlung der Flüchtlinge neues Leben erhalten. Zugleich wollte man verhindern, dass die Exulanten nach Rostock abzogen. Viele der Neuankömmlinge waren Tuchmacher, für die die bereits vorhandene Walkmühle am Südufer des Bützower Sees eine wertvolle Unterstützung geboten hätte. Herzog Christian Ludwig reagierte wohlwollend und forderte die Stadt auf, die Flüchtlinge zu suchen, ihre Bedürfnisse zu erfassen und ihm Bericht zu erstatten. Dennoch wurde dieser Plan nicht umgesetzt.

Erst mit dem Regierungsantritt von Herzog Friedrich Wilhelm I. von Mecklenburg im Jahr 1692 wurden die ersten konkreten Maßnahmen zur Ansiedlung der Hugenotten ergriffen. Am 24. Oktober 1698 erließ er ein spezielles Edikt, das die Aufnahme der französischen Réfugiés regelte.

Dieses Edikt war nicht als allgemeine Einladung formuliert, sondern als Vertrag mit dem aus Veynes in der Provinz Dauphiné stammenden und bereits nach Deutschland geflohenen Kaufmann Salomon Jordan. Dessen Auftrag war es, zunächst etwa 30 Familien für die Ansiedlung in Mecklenburg zu gewinnen. Vertraglich verankert war auch, dass sich die Familien verpflichten sollten, dem Herzog zu Mecklenburg treu zu bleiben, das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin während der Bewilligungszeit nicht zu verlassen und sich handwerklich, vor allem in der Woll- und Leinverarbeitung, zu betätigen.

Im August 1699 erließ Herzog Friedrich Wilhelm ein zweites Edikt, das erstmals ausdrücklich religiöse Beweggründe für die Aufnahme der französischen Flüchtlinge nannte – vermutlich auch, um die lokale Bevölkerung an die gebotene Nächstenliebe zu erinnern. Dieses Privileg richtete sich an Franzosen, die bereits in deutschen Gebieten ansässig waren. Der Herzog gewährte ihnen sechs Jahre lang freie Unterkunft, Steuerbefreiungen, Unterstützung beim Hausbau sowie Mittel für Prediger und Schulmeister. Neben der uneingeschränkten Ausübung ihres reformierten Glaubens wurde ihnen ein Gottesdienstraum zugesichert, ebenso die Anstellung und der Unterhalt eines Pfarrers, Kantors und Lehrers. Außerdem beinhaltete das Edikt Wohnraumförderung, Unterstützung beim Wohnhausbau und Befreiungen von verschiedenen Abgaben, verbunden mit der Verpflichtung, bei der Ankunft einen Treueeid abzulegen. Erstmals wurde in diesem Zusammenhang ausdrücklich die günstige geografische Lage Bützows genannt, vor allem wegen ihrer Bedeutung als Handelszentrum.

Obwohl nicht alle vertraglich zugesagten Familien schließlich dauerhaft angesiedelt wurden, wuchs die französische Kolonie in Bützow rasch: Bereits am 1. Mai 1700 lebten dort 22 Familien, darunter Kinder und unverheiratete Personen. Herzog Friedrich Wilhelm setzte trotz aller Herausforderungen unerschütterlich die Förderung der Kolonie fort, da er in den Flüchtlingen ein großes Potenzial sah, das Handwerk und die Industrie in Bützow und ganz Mecklenburg neu zu beleben.

Um die Kolonie weiter auszubauen, beauftragte man drei in Hamburg ansässige französische Kaufleute, weitere 50 Familien, überwiegend Handwerker mit Erfahrung in der Wollverarbeitung, nach Bützow zu holen. Am 24. September 1703 folgte ein weiteres herzogliches Edikt, das erneut Bedingungen für die Teilnahme festlegte: finanzielle Unterstützung für den Transport, den Bau von 25 Häusern unter Leitung eines Oberhauptmanns in Bützow, steuerfreie Unterbringung im ersten Jahr bis zur Fertigstellung der eigenen Wohnungen sowie Mietfreiheit für sechs Jahre bei der Verpflichtung zur Zahlung von Verbrauchssteuern. Die Kolonisten wurden in Arbeit und gesellschaftlichen Rechten den Einheimischen gleichgestellt und die freie Ausübung ihrer Religion war garantiert. Die Kolonie stand unter landesherrlicher Leitung und die Kaufleute genossen besondere Handelsprivilegien. Das Ziel war, den Erfolg der Ansiedlung zu sichern und das Wachstum der Gemeinde zu fördern.

Trotz intensiver Anstrengungen blieben die tatsächliche Anzahl der angesiedelten Familien und das Wachstum der Kolonie hinter den Erwartungen zurück. Es fiel schwer, qualifizierte Handwerker zu finden und langfristig zu binden und der wirtschaftliche Aufschwung kam nur schleppend voran.

Die Neuankömmlinge sahen sich mit fehlender Infrastruktur, unklaren Grundstücksverhältnissen, mangelnden Absatzmärkten und fehlenden unternehmerischen Strukturen konfrontiert.

Viele Kolonisten wandten sich daher verstärkt der Landwirtschaft zu, wobei insbesondere der Anbau von Tabak und Färberwaid – aus dem später Indigo gewonnen wurde – eine bedeutende Rolle spielte. Bereits im Jahr 1703 bewirtschafteten sieben französische Familien nahezu 96 mecklenburgische Scheffel (ca. 27 Hektar) Ackerland; bis 1706 erhöhte sich diese Zahl auf zwölf Familien mit etwa 180 Scheffel. Aufgrund dieser landwirtschaftlichen Tätigkeit erhielt eine der Fluren in der Stadt den Beinamen „Franzosenwiese“.

Für die französischen Siedler begann damit nicht nur ein Kampf ums Überleben und der Versuch der Anpassung, sondern es entstand auch eine tief verwurzelte Gemeinschaft. Ihr gemeinsamer Glaube verband sie trotz aller Widrigkeiten, schenkte ihnen Kraft und Zusammenhalt und prägte sie nachhaltig. Fortsetzung folgt.

Text: Markus Göllnitz