Ölgemälde des Predigers Finmann aus dem Jahr 1771
Der Kirchenbau um 1929
Die Winzer-Orgel
Giebeltafel über dem Eingangsportal
Im Jahr 1703 gründeten die mutigen ersten Réfugiés-Familien in der kleinen Stadt Bützow die französisch-reformierte Gemeinde, die das religiöse Leben der Stadt mit neuem Schwung erfüllte. Anfangs wurde die Gemeinde von wechselnden Pastoren betreut, doch im Laufe der Zeit festigte sie sich und fand mit Persönlichkeiten wie Jean de Convenant eine nachhaltige geistliche Führung.
Ein wichtiger Wandel erfolgte 1713, als mit dem Tod Herzog Friedrich Wilhelms seine Witwe, Sophie Charlotte, eine gläubige Reformierte und Prinzessin von Hessen-Kassel, ihren Witwensitz im Schloss Bützow bezog. Sie brachte eine deutsch-reformierte Gemeinde mit sich, die fortan neben der französisch-reformierten beständig existierte. Die beiden Gemeinden feierten getrennte Gottesdienste, standen jedoch unter der Schutzherrschaft der Herzogin und pflegten ein respektvolles Nebeneinander.
Nach dem Tod von der Prinzessin Sophie Charlotte 1749 übernahm Johann Henrich Finmann die Leitung der deutsch-reformierten Gemeinde. Die Gemeinden existierten bis dahin getrennt, doch bald stellte Herzog Friedrich der Fromme im Zuge der Gründung einer Universität und eines Pädagogiums den Gottesdienst in der Schlosskapelle ein. Fortan feierten beide Gemeinden ihre Gottesdienste in Finmanns Wohnung in der Kirchenstraße 36, mit dem Versprechen des Herzogs, bald eine eigene Kirche zu errichten.
Der Landesfürst zeigte sich wiedermal großzügig: Er stellte Baumaterial, Steine aus der Stadtmauer sowie Arbeitskräfte zur Verfügung und erteilte zudem ein Kollektpatent, das ihnen erlaubte, in anderen Städten um Spenden zu bitten.
Im November 1761 vereinbarten die französisch- und deutsch-reformierten Gemeinden jeweils einen Kollektanten zu entsenden: den französischen Sprachlehrer Isaak Elie Paquin und Pastor Finmann für die Deutschen. Im Februar 1763 begaben sich beide auf eine lange Reise nach Lübeck, Hamburg, Bremen und Holland, um Unterstützung und Spenden zu sammeln. Nach einem Jahr kehrten sie erfolgreich zurück, sodass sie den Voss'schen Gartenplatz am Ellernbruch erwerben konnten.
Am 23. April 1765 wurde feierlich der Grundstein für die neue Kirche gelegt. Der Landbaumeister Anton Wilhelm Horst, selbst Mitglied der Gemeinde, entwarf ein klassizistisches Gotteshaus mit klarer Struktur, einem Mansardwalmdach und einem elegant gestalteten Rokoko-Eingang. Die Fassade war dezent verziert und fünf Stufen führten würdevoll zum Eingang.
Im Inneren erwartete die Gemeinde ein schlichtes, zugleich anmutiges Gotteshaus, das gemäß der calvinistischen Theologie ganz auf das Wesentliche ausgerichtet war. Es verfügte über eine Empore, kunstvoll geschnitzte Bänke und eine seltene Mahagonikanzel, die vom gebürtigen Bützower und erfolgreichen Amsterdamer Kaufmann Johann Christian Dippel gestiftet wurde – ein wahrscheinlich einzigartiges Exemplar in ganz Deutschland und ein eindrucksvolles Zeugnis für die weitreichenden Verbindungen der Gemeinde.
Doch die Kirche barg weit mehr als nur äußere Schönheit in sich: Tief unter dem Gotteshaus ruhte eine Krypta, in der acht besonders geehrte Gemeindemitglieder ihre letzte Ruhestätte fanden. Im Jahr 1863 kam es zu einem tragischen Wassereinbruch, der die Gruft überschwemmte. In großem Respekt vor den Verstorbenen wurden die Gebeine daraufhin auf den Bützower Friedhof umgebettet und die Krypta wurde sorgsam versiegelt.
Mit der absehbaren Fertigstellung des Kirchenbaus beauftragten die Gemeinden auf Anraten des Herzogs im Jahr 1770 den bekannten Orgelbauer Paul Arndt Schmidt aus Rostock mit dem Bau eines Instruments. Schmidt fertigte eine Orgel mit englischen Zinnpfeifen und schlichtem Prospekt, die bis 1862 zuverlässig ihre liturgische und musikalische Funktion erfüllte. Danach ersetzte Friedrich Wilhelm Winzer die Orgel durch einen Neubau, der heute als einzige erhaltene Orgel dieser Art mit den Original-Prospektpfeifen aus Winzers Werkstatt gilt.
Nach dem Bau der Kirche entbrannten rasch Streitigkeiten zwischen den beiden Gemeinden über Finanzfragen und die Nutzung des Gebäudes. Mit dem Tod des französischen Predigers de Convenant ordnete ein herzogliches Regierungsdokument vom 23. Juli 1778 die Gemeinden zur „Französisch-Deutschen Gemeinde zu Bützow“ zusammen; ab 1786 trug die Gemeinschaft den Namen „Reformierte Gemeinde zu Bützow“.
Finmann wurde zum Pastor der neu gegründeten Gemeinschaft berufen. Die französische Gemeinde zu Bützow bestand somit nur noch 80 Jahre lang eigenständig. Ohne die Privilegien, die den Franzosen bei ihrer Ansiedlung in Bützow gewährt worden waren, wäre auch die Existenz der nun vereinigten reformierten Gemeinde gefährdet gewesen. Besonders die Bezahlung des Predigers stellte ein Privileg dar, das bis heute Bestand hat.
Wie auch bei der jüdischen Gemeinde nahm auch bei den Reformierten die Zahl der Gemeindeglieder über die Jahrhunderte hinweg ab. 1988 sahen sie sich gezwungen, ihre Kirche an die Kommune zu verkaufen, da ihnen damals nicht die finanziellen Mittel reichten, den stark baufälligen Bau instand zu halten. Nach 1990 wurde die Kirche von der Stadt Bützow umfassend saniert.
Ganz im Geist der im Inneren befindlichen Kirchenuhr mit der Inschrift „Nutze die Stunden, sie fliehen schnell“ hinterließen viele Gemeindemitglieder und Pastoren bleibende Spuren in der Stadt.
Noch heute empfängt die Giebeltafel über dem Eingangsportal die Besucher mit der Widmung: „Dem Gottesdienst der Reformierten geweiht, begonnen am 23. April 1765, vollendet am 31. Oktober 1771, unter der Regierung unseres gnädigsten Herzogs Friedrich der Fromme.“ Bis heute strahlen im Innenraum die polierte Mahagoni-Holzkanzel von 1770, die hölzerne Chorempore mit der erhaltenen Orgel, der Windfang, die Presbyterbank sowie ein zwölfarmiger Messing-Kronleuchter, gestiftet von Susanna de Bellòc.
Die Anwerbung und Ansiedlung der Hugenotten in Bützow markieren den Beginn einer bewegenden und komplexen Geschichte, deren Spuren bis heute sowohl das Stadtbild als auch die regionale Kultur stark prägen. Gleichzeitig bildet das schlichte und doch würdige reformierte Gotteshaus im Ellernbruch bis heute das geistliche Zentrum der reformierten Gemeinde in Mecklenburg. Es wird als das historisch bedeutendste reformierte Kirchengebäude Mecklenburg-Vorpommerns angesehen, obwohl vielen Einwohnern Bützows kaum bewusst ist, welch einzigartiges Kleinod sich dort verbirgt.