Porträt von Gustav Ramelow um 1920
Ramelowsche Filiale in Bützow um 1895
Bauzeichnung und Ansichtskarte nach erstem Umbau zum Kaufhaus 1903 Bildercollage
Am 3. Juli 1854 wurde Gustav Friedrich Heinrich Ramelow als zweiter Sohn des Kaufmanns Christoph Johann Ramelow in Grevesmühlen geboren. Bereits ein Bürgerbrief vom 28. Oktober 1844 bestätigte die bürgerliche Anerkennung seines Vaters in jener damals noch kleinen mecklenburgischen Handelsstadt. Dieser angesehene Bürger führte nicht nur ein gut gehendes Materialwarengeschäft, sondern handelte zugleich mit Holz, Getreide und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Die Familie spiegelte den typischen Handwerks- und Kaufmannshaushalt des 19. Jahrhunderts wider. In dieser Umgebung wuchs Gustav auf, geprägt von den harten Bedingungen des regionalen Handels in Mecklenburg, wo Landwirtschaft und Kleingewerbe die Wirtschaft dominierten.
Schon in jungen Jahren unterstützte Gustav den väterlichen Betrieb, wann immer es möglich war. Seine schulische Laufbahn begann zunächst in Gadebusch, später in Wismar. Als fleißiger und gewissenhafter Schüler knüpfte er in dieser Zeit eine enge Freundschaft zu seinem zwei Jahre jüngeren Schulkameraden Rudolph Karstadt, dem späteren Gründer und Namensgeber der bekannten deutschen Warenhauskette. Die Väter betrieben nebeneinander bescheidene Geschäfte mit Manufakturwaren, sodass Gustav früh lernte: Gute Ware und ein ehrliches Wort sind des Kaufmanns beste Verbündete.
1869 wurde er in der Georgenkirche zu Wismar konfirmiert. Kurz darauf begann er seine Kaufmannslehre im renommierten Manufakturwarengeschäft der Brüder Paul und Carl Berling in Schwerin, wo er die Grundlagen des Einkaufs, der Buchführung und den Umgang mit anspruchsvollen Kunden erlernte.
Im Jahr 1872 erweiterte sein Vater sein Geschäft in Grevesmühlen um ein Manufakturwarenlager in Klütz in Mecklenburg, das im Zuge einer Liquidation veräußert wurde. Nach erfolgreichem Abschluss seiner Ausbildung wurde Gustav dorthin entsandt. Bereits in diesen frühen Jahren zeigte sich sein Unternehmergeist, sein kaufmännisches Gespür sowie sein sicherer Blick für Geschäftsgelegenheiten. Er erkannte rasch, dass sich unter fachgerechter Führung mit Manufakturwaren am Standort Geld verdienen ließ. Mit einem kleinen Darlehen seines Vaters und der Erlaubnis, das Geschäft nach eigenen Vorstellungen einzurichten, legte er den Grundstein für die spätere bedeutende Entwicklung seiner Firma.
Bereits im Alter von 18 Jahren wurde Gustav Ramelow als Geschäftsleiter und Mitinhaber der Firma Ramelow & Sohn bei der Gerichtsschreiberei auf Schloss Bothmer in Klütz eingetragen; wenige Jahre später firmierte das Unternehmen unter seinem Namen. Aus einem kleinen, unscheinbaren Haus, dessen zwei Stuben zunächst als Laden dienten, entwickelte er mit großem Engagement das Stammhaus der Firma Gustav Ramelow. Anfangs arbeitete er fast allein, später mit Unterstützung eines Lehrlings, von frühmorgens bis in die Abendstunden. Trotz bescheidener Anfänge wuchs das Geschäft stetig.
Die mecklenburgische Kundschaft war zunächst zurückhaltend gegenüber Neuem und musste erst gewonnen werden. Wer jedoch die plattdeutsche Sprache beherrschte und herzlich mit „Gauden Dag“ grüßte, konnte Vertrauen aufbauen und eine treue Stammkundschaft gewinnen. Markttage brachten regen Zulauf aus Stadt und Land. Mit Warenkisten reiste er von Markt zu Markt, kehrte abends mit gut gefüllter Kasse zurück und konnte schon bald den Kredit des Vaters zurückzahlen.
Mit wachsendem Erfolg strebte er nach weiterer Expansion. In seiner Heimatstadt Grevesmühlen eröffnete er nach einigen Jahren ein zweites Manufakturwarengeschäft, zunächst in einfachen Verhältnissen im Elternhaus. Grevesmühlen und Klütz arbeiteten nun Hand in Hand, geleitet von Gustav, einem jungen Mann, und wenigen Lehrlingen. Nächte wurden durchgearbeitet, Einkäufe in Berlin bei Öllampe geplant – oft gemeinsam mit seinem Freund Rudolph Karstadt. Die langjährige Freundschaft bestand auch in späteren Jahren; Konkurrenzdenken gab es zwischen den beiden nicht. Während Karstadt seine Zukunft in den großen Kaufhäusern der Großstädte sah, konzentrierte sich Ramelow auf die kleineren und mittelgroßen Städte Mecklenburgs. Ein dichtes Filialnetz entstand, zu dem auch das 1890 gegründete Geschäft in Bützow gehörte.
Bereits 1889 erwarb Ramelow vom Schlossermeister Schütt das Haus Nr. 105 (heute Nr. 8) in der Schlossstraße. Am 24. Januar 1890 stellte er einen Bauantrag beim Magistrat der Stadt Bützow. Das Schlosserhaus wurde umgebaut: Im Erdgeschoss entstand ein Manufakturwarengeschäft mit Schaufenstern, im Obergeschoss eine Wohnung für den Geschäftsführer Wilhelm Paetrow. Als im Sommer 1890 die Türen der neuen Ramelow-Filiale in der Schlossstraße geöffnet wurden, ahnte kaum jemand, dass hier ein Kapitel der regionalen Handelsgeschichte beginnen sollte, das die Stadt über Generationen prägen würde.
In einer Zeit, in der die meisten Bützower Geschäfte Stoffe zum Selbstnähen anboten, setzte Gustav Ramelow auf eine leise, aber folgenreiche Innovation: In seinen Schaufenstern hingen nicht nur Stoffe, sondern bereits fertig konfektionierte, tragbare Kleidung. Diese wurden – gegen die damalige Gewohnheit – nur gegen sofortige Barzahlung ausgegeben. Das Prinzip war nüchtern und modern zugleich: Was am Tag verkauft wurde, floss noch am Abend in neue Einkäufe. Ramelow reiste mit frischem Geld nach Berlin, suchte in den großen Lagern die Ware aus, die er für die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen in den kleinen Städten Mecklenburgs für geeignet hielt.
Die Nachricht von den Angeboten im neuen Warenhaus verbreitete sich rasch in Bützow: Hier gab es Dinge, die man sonst nur von Erzählungen oder gelegentlichen Städtereisen kannte. Die konfektionierte Ware – Mäntel, Kleider, Anzüge, Blusen – fand großen Zuspruch. Schnell wurde klar, dass diese Filiale nicht nur „funktionieren“, sondern aufblühen würde. 1903 wagte Gustav Ramelow den nächsten Schritt: Das bisherige Manufakturwarengeschäft wurde in ein prächtiges Kaufhaus umgebaut – das erste und einzige seiner Art in der Stadt.
Der Neubau dominierte die Straßenansicht der Schlossstraße mit seiner dreigeschossigen Fassade. Große Schaufenster auf drei Etagen machten deutlich, dass hier nicht irgendein Laden residierte, sondern das erste Haus am Platz. Im hinteren Teil des Daches ließ Ramelow ein Oberlicht einbauen, das den Verkaufsraum mit natürlichem Licht durchflutete. Die Öffnung erstreckte sich bis ins erste Obergeschoss, sodass die Verkaufsräume in ein helles, freundliches Licht getaucht wurden. Was sonst nur in den Metropolen zu sehen war, fand nun Einzug in die mecklenburgische Kleinstadt und veränderte das Einkaufserlebnis nachhaltig.
Fortsetzung folgt.