Fassade aus dem Jahr 1920, die noch heute erhalten ist.
Konsum-Kaufhaus „Kontakt“ um 1970.
Die verlorene historische Häuserfront in der Rühner Straße.
Doch Bützow war nur einer von vielen Mosaiksteinen in einem größeren Bild. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Gustav Ramelow bereits eine Reihe weiterer Kaufhäuser errichten lassen: in Boizenburg, Demmin, Gnoien, Goldberg, Jarmen, Lübtheen, Parchim, Rehna, Ribnitz, Stargard, Stendal, Teterow, Ülzen, Wittenburg und an noch zahlreichen weiteren Orten. Diese standen wie Perlen an einer Handelslinie, die sich durch Mecklenburg und darüber hinaus zog. Sein Erfolgsrezept war so schlicht wie wirkungsvoll: Vielfalt und bezahlbare Preise.
In Mecklenburg ließ er Konfektionen für seine Filialen selbst fertigen; zentrale Großeinkäufe sorgten für die Versorgung aller Standorte. Hinzu kam ein kluger Schachzug, der den Charakter seiner Häuser maßgeblich prägte: Die Geschäftsführer wurden am Gewinn beteiligt. Damit verknüpfte Ramelow den Namen seines Unternehmens nicht nur mit Menschen, sondern auch mit deren Lebenswegen. Kaufmännisches Können, Beständigkeit und Verantwortungsbewusstsein erfuhren ihre Anerkennung durch die Aussicht, nicht allein für andere, sondern auch für das eigene Weiterkommen tätig zu sein.
In Mecklenburg ließ er Konfektionen für seine Filialen selbst fertigen; zentrale Großeinkäufe sorgten für die Versorgung aller Standorte. Hinzu kam ein kluger Schachzug, der den Charakter seiner Häuser maßgeblich prägte: Die Geschäftsführer erhielten einen Anteil am Gewinn. Damit verband Ramelow nicht nur den Namen mit seiner Firma, sondern auch ganze Lebensentwürfe. Kaufmännische Tüchtigkeit, Ausdauer und Verantwortungsgefühl wurden durch die Aussicht belohnt, nicht nur „für einen Chef“ zu arbeiten, sondern auch das eigene Fortkommen sichtbar zu gestalten.
Gustav Ramelow war nicht nur Kaufmann, sondern besaß auch einen ausgeprägten Sinn für Architektur und Stadtbild. Seine Häuser sollten keine Fremdkörper sein, sondern sich harmonisch in die Straßen und Plätze einfügen und diese aufwerten. Es entstanden prachtvolle Bauten: mit weitläufigen Auslagen in überdachten Vorhallen, großen Lichthöfen und übersichtlichen Grundrissen. Orte, in denen der Alltag für einen Augenblick innehielt, wenn Licht durch die Oberlichter fiel und Stoffe, Hüte sowie Mäntel in stiller Ordnung auf ihre Käufer warteten.
In Bützow fand diese Verbindung von Zweckmäßigkeit und Schönheit ihren Höhepunkt in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. 1919 entwarf der Architekt Fritz Ebhardt, Schwiegersohn Ramelows und Sohn des berühmten Burgenforschers Bodo Ebhardt, eine neue Fassade für das Kaufhaus. Die Umsetzung erfolgte 1920. Das Gebäude erhielt einen markanten Dreiecksgiebel, der die kleinere Bekrönung mit der eingemeißelten Jahreszahl 1903 ablöste. Die früheren Segmentbögen der Schaufenster wichen klaren Öffnungen; kleinere Schaufenster mit weiten, geschützten Auslagen in der Vorhalle verliehen dem Haus ein modernes, zugleich fast feierliches Erscheinungsbild.
Die zentrale Treppe, die bisher mitten durch den Verkaufsraum führte, wurde verlegt. Ein größerer Lichthof öffnete den Raum nach oben, ließ Licht und Luft eintreten und verwandelte das Gebäude in mehr als nur eine Warenhalle: Es wurde zu einem bürgerlichen Treffpunkt, einem Stück urbaner Kultur im Herzen Bützows.
Die großen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts hinterließen auch bei der Firma ihre Spuren. Dennoch überstand die Gustav-Ramelow-GmbH den Ersten Weltkrieg und dessen verheerende wirtschaftliche Folgen. 1920 wurde das Unternehmen in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt – ein Schritt, der die Nachfolge regelte und den Fortbestand sichern sollte. Am 17. November 1925 verstarb Gustav Ramelow im Alter von 72 Jahren in Berlin. Er hinterließ nicht nur ein beeindruckendes Netz von Kaufhäusern, sondern auch ein unternehmerisches Vermächtnis. Seine Söhne Kurt, Wilhelm und Hans traten in seine Fußstapfen. Bis 1945 erweiterten sie die Gesellschaft auf 34 Filialen in Nordostdeutschland – von der Nordseeküste bei Bremerhaven bis hinüber nach Neustettin, heute Szczecinek in Polen.
Doch dann kam der nächste Bruch. Der Zweite Weltkrieg und die anschließende sowjetische Besatzungszeit veränderten das Gesicht des Handels radikal. Zunächst traf es die großen Unternehmen: Ab 1946 wurden sie durch Befehle der sowjetischen Militäradministration unter Zwangsverwaltung gestellt, später formell enteignet. Schritt für Schritt entstand eine sozialistische Planwirtschaft, in der privatwirtschaftliche Strukturen keinen Platz mehr hatten. Auch kleinere Betriebe wurden in Volkseigene Betriebe umgewandelt, teils durch offene Beteiligung, teils durch schikanöse Auflagen. Was einst von unternehmerischer Freiheit und persönlicher Verantwortung getragen war, geriet zunehmend in staatliche Regie.
Der Ramelow-Konzern verlor in diesen Jahren nahezu sämtliche seiner Filialen im Osten; lediglich drei Niederlassungen in der westlichen Besatzungszone blieben der Familie erhalten. Das traditionsreiche Bützower Kaufhaus erhielt ein neues Schild: Um 1950 wurde aus dem ehrwürdigen „Kaufhaus Gustav Ramelow“ das „Mecklenburgische Kaufhaus“. Hinter den neuen Bezeichnungen lebten jedoch die Geschichten weiter: von Verkäuferinnen, die in schlichten Kitteln geduldig berieten, von Kindern, die sich an den festlich geschmückten Schaufenstern die Nasen plattdrückten.
Die Jahrzehnte der DDR waren geprägt von Mangelwirtschaft. Vieles war knapp, manches nur auf Zuteilung erhältlich. Dennoch blieb das Kaufhaus ein wichtiger Ort im Alltag der Menschen: Hier wurden Gardinen ausgesucht, Stoffe abgemessen, Jugendweihekleider gekauft, wenn es sie gab. Mit der politischen Wende von 1989/90 änderte sich das Bild erneut. Der Sozialismus endete, ebenso die Welt der staatlichen Kaufhäuser. Der Kapitalismus, den viele nur aus dem Unterricht kannten, hielt Einzug – auch in Bützow.
Das alte Haus in der Schlossstraße stand zum Verkauf. In dieser Zeit erwarb die schleswig-holsteinische Stolz GmbH das Gebäude sowie die dahinterliegende historische Häuserzeile in der Rühner Straße 3, 5, 7 und 9. Mit dem Kauf übernahm das Unternehmen nicht nur Mauern und Dachstühle, sondern auch eine Verpflichtung: Jene, die sich im schlichten Satz „Eigentum verpflichtet“ wiederfinden.
Später, als über Abriss und Erhalt gestritten wurde, stellte Dr. Wolfgang Schmidtbauer jene Fragen, die viele längst bewegten: Darf man Geschichte einfach abreißen? Diente der Abbruch der historisch und baulich bedeutsamen Gebäude wirklich dem Gemeinwohl? Hätte sich der Eigentümer enger mit der Stadt verbunden gefühlt, hätte er vielleicht nicht den Bagger bestellt, sondern die Fördermittel beantragt – hätte er eher auf Sanierung als auf Rückbau gesetzt. Denn in diesen Häusern lebten seit Jahrhunderten Geschichten, die mehr waren als Ziegel und Balken.
In einem von ihnen wohnte zwischen 1761 und 1767 Professor Ernst Johann Friedrich Mantzel, Herausgeber der „Bützowschen Ruhestunden“ und Namensgeber der heutigen Mantzelstraße.