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Bützower Landkurier
Ausgabe 6/2026
Nachrichten aus der Stadt Bützow und dem Amt Bützow-Land
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Amerikaner ehrt seine Ahnen und einen alten Freund

Am Karfreitag, den 3. April 2026, um 12:28 Uhr stiegen der amerikanische Pensionär Richard Kramer, sein Sohn Matt und dessen Frau Kaz am Bahnsteig 1 des Bützower Bahnhofs aus dem Regionalexpress. Für den älteren Herren war dieser Ort kein Unbekannter: Bereits kurz nach der Wende, im Jahr 1993, hatte er die kleine Stadt zum ersten Mal besucht.

Mehr als drei Jahrzehnte später kehrte er erneut an diesen vertrauten Bahnhof zurück – diesmal aus einem ganz besonderen Anlass. Bei seiner Ankunft wurde er bereits von seinem Bützower Reiseführer erwartet und herzlich begrüßt. Kramer hatte diesen Besuch mit großer Sorgfalt vorbereitet.

Seine Reise war geprägt von einer tiefen Verbundenheit zu Bützow, die nicht nur auf der Geschichte seiner Vorfahren beruhte, sondern auch auf einer langjährigen Freundschaft mit Fritz Hoßmann, einem bekannten Heimatforscher, der inzwischen verstorben ist. Die beiden hatten sich sowohl in Phoenix, Arizona, als auch in Bützow mehrfach getroffen. An diesem Tag war Kramers Anliegen vor allem, seinem alten Freund die letzte Ehre zu erweisen.

Der Heimatforscher Hoßmann hatte mehrere Artikel über die Familie Kramer und über Richard Kramer selbst verfasst – einen Mann mit calvinistisch-niederländischen Wurzeln, dessen Familiengeschichte in Bützow bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Väterlicherseits taucht der Name Kramer erstmals 1763 in der mecklenburgischen Kleinstadt auf: Der Kaufmann Heinrich Guisbert Kramer, ursprünglich Hendrik Gijsbert Cramer, wurde in Amsterdam geboren, ließ sich als reformierter Glaubensflüchtling zunächst in Hamburg nieder, absolvierte dort seine Ausbildung im Handel mit Waren und ließ sich schließlich in Bützow nieder. Dort heiratete er Marie Dorothea Bourmeister, deren Familie mütterlicherseits zu den ersten Hugenotten in Bützow zählte.

Diese Verbindung hinterließ vielfältige Spuren in der Stadtgeschichte: Das bereits von Heinrich Guisbert Kramer selbst im 18. Jahrhundert errichtete Kramersche-Handelshaus (später Klemm) in der Langen Straße 60/62 sowie der spätere Standort in der Schlossstraße 3. Auch Isaak Kramer, der erste Pächter der herzoglichen Papiermühle in Bützow, gehörte zur Familie. Das heutige Gasthaus „Bützower Hof“ gehört ebenfalls zu diesem Familienerbe; sein Ursprung geht auf „Kramers Hotel“ zurück, das Heinrich Christian Wilhelm Kramer (1840–1914), der Enkel Isaaks, gründete.

 

Die eingravierte Spur des jungen Isaak Kramer aus dem Jahr 1783

Nach mehr als acht Generationen war es kaum verwunderlich, dass der „Bützower Hof“ an diesem Tag ihre erste Anlaufstelle war. Der Inhaber empfing sie persönlich, und besonders erfreut waren die Gäste über ihre Zimmer in den sanierten historischen Pferdeställen des Hauses.

 

 

Der anschließende Rundgang führte die Familie entlang der Jungfernstraße durch die Horwitz-Gasse und die Wollenweberstraße bis zum Ellernbruch. Dort befindet sich die Reformierte Kirche, in der kürzlich alte Namensschnitzereien der Familie Kramer aus dem Jahr 1783 entdeckt wurden. Diese Funde weckten besonderes Interesse, da sie vermutlich auf den damals 13-jährigen Isaak Kramer hinweisen – den Ur-Ur-Ur-Großvater von Richard Kramer, der sich als Blasebalgbediener an der Orgel im Emporengestühl verewigt hatte.

 

Familie Kramer vor Bützows Reformierter Kirche

Zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert war die Kirche das geistliche Zuhause der Familie, in dem alle Lebensstationen – Taufe, Heirat und Tod – ihren festen Platz fanden. Richard Kramer, von Freunden „Rick“ genannt, stellte zahlreiche Fragen. Unterstützt wurde er durch englischsprachige Informationsbroschüren seines Bützower Begleiters, die über Baugeschichte, Giebeltafeln, Kanzel, Winzer-Orgel, Grablege und die Bedeutung des Gotteshauses als eine der wichtigsten reformierten Kirchen Mecklenburg-Vorpommerns Auskunft gaben. Nach den Erläuterungen entstanden Erinnerungsfotos vom Innenraum und der Fassade.

 

 

Auf dem Rückweg erzählte Rick mit leuchtenden Augen von seinen früheren Bützow-Besuchen. Immer wieder standen dabei Erinnerungen an Erlebnisse mit seinem Freund Fritz im Mittelpunkt. Besonders in Erinnerung geblieben waren ihm aber auch der freundliche Empfang im Rathaus durch den damaligen Bürgermeister Lothar Stroppe sowie der Besuch bei Fischer Walter Pietzak – ein Erlebnis voller Heiterkeit und geselliger Stunden.

Nächste Station war der Schlossplatz, wo das eindrucksvoll restaurierte Schloss und die neuen Informationstafeln mit QR-Codes großes Lob fanden. Der letzte Weg führte zur zentralen Begräbnisstätte auf dem Klüschenberg, wo die Familie Kramer noch heute Spuren hinterlässt. Das älteste erhaltene Grab der reformierten Gemeinde ist das von Mariana Johanna Elisabeth Klemm, geborene Kramer, Ricks Ur-Ur-Ur-Großtante, deren Grabmal sowie vier weitere Gräber der Familie von einer mächtigen Blutbuche überschattet werden – ein stiller Ort mit würdevoller Atmosphäre.

 

Familie Kramer an den Gräbern ihrer Ahnen

Nach weiteren Fotos folgte der wohl bewegendste Moment des Tages: die Verabschiedung von Fritz Hoßmann. In stiller Trauer und dankbarer Erinnerung schloss sich der Kreis, als das schmiedeeiserne Friedhofstor leise hinter den Besuchern zufiel. Der Abend endete im „Bützower Hof“, während die Eindrücke des Tages im Herzen lebendig blieben.

 

 

Am folgenden Morgen nutzte die Familie Kramer die Gelegenheit, den Weg zum Bahnhof zu Fuß zurückzulegen, bevor die Weiterreise nach Hamburg und anschließend in die Vereinigten Staaten begann. Solche Besuche zeigen, wie lebendig Familiengeschichte über Generationen, Kontinente und die Arbeit engagierter Heimatforscher hinweg bleibt.

Text und Bilder: Markus Göllnitz