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Bützower Landkurier
Ausgabe 9/2026
Nachrichten aus der Stadt Bützow und dem Amt Bützow-Land
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Der Bützow-Güstrow-Kanal – Teil 2: Bau, Nutzung und Wandel

Karte mit dem ursprünglichen Verlauf der Nebel zwischen Bützow und Wolken sowie dem später angelegten Nebelarm.

Arbeiterkolonnen beim Kanalbau kurz vor Güstrow, 1895

Inbetriebnahme des Dampfschiffes „Güstrow I“ im Oktober 1896.

Wolkener Schleuse mit Wärterhaus und einem Schlepper.

Nach Jahrzehnten der Planung begann Mitte der 1890er Jahre die konkrete Umsetzung des Kanalprojekts. Im Oktober 1894 galten die Vorbereitungen als so weit fortgeschritten, dass der Baubeginn unmittelbar bevorstand. Kurz zuvor war den Städten Rostock und Güstrow die landesherrliche Konzession erteilt worden. Zusätzlichen Auftrieb erhielt das Vorhaben durch das Vermächtnis Moritz Wiggers’, eines seiner bedeutendsten Förderer, der testamentarisch eine Geldsumme zur Weiterführung des Projekts hinterlassen hatte.

 

 

Am 11. Juli 1895 erfolgte der feierliche erste Spatenstich. Mit der Bauausführung wurde eine spezialisierte Gesellschaft aus Braunschweig beauftragt. Zunächst konzentrierten sich die Arbeiten auf die Schleusenanlagen bei Zepelin und Wolken, die zu den technisch anspruchsvollsten Abschnitten zählten. Parallel dazu begannen entlang der gesamten Trasse umfangreiche Erdarbeiten, die überwiegend in Handarbeit ausgeführt wurden.

Die Baustelle entwickelte sich rasch zu einem eigenen Kosmos. Entlang des Kanals entstanden Unterkünfte, Werkstätten und technische Einrichtungen. In Zepelin wurde eigens eine Gendarmeriestation eingerichtet, um die Ordnung unter den zahlreichen Arbeitern zu gewährleisten. Zeitgenössische Berichte schildern ein reges Treiben in einer Landschaft, die zuvor vor allem durch Ruhe geprägt gewesen war.

Trotz sorgfältiger Planung blieb das Bauvorhaben nicht frei von Schwierigkeiten. Insbesondere sandige Untergründe erforderten aufwendige Fundamentierungen und verzögerten den Baufortschritt. Gleichwohl schritten die Arbeiten zügig voran, sodass bereits im Herbst 1896 erste Abschnitte fertiggestellt werden konnten.

 

 

Ein sichtbares Zeichen der bevorstehenden Inbetriebnahme war die erste Fahrt des Dampfschiffes „Güstrow I“. Das ursprünglich als Rostocker Dampfboot „Pfeil“ bekannte Fahrzeug war von Güstrower Interessenten erworben und für den Verkehr auf dem Kanal hergerichtet worden. Kurz darauf erfolgte die offizielle Abnahme, und am 12. November 1896 wurde der Kanal als betriebsfähig erklärt. Eine große Eröffnungsfeier blieb jedoch aus – der neue Verkehrsweg trat ohne besonderen festlichen Rahmen in den Alltag ein.

Die Nutzung des Kanals entwickelte sich in zweifacher Hinsicht. Neben dem Güterverkehr spielte zunächst auch die Personenbeförderung eine Rolle. Die „Güstrow I“ unternahm sogenannte Lustfahrten zwischen Güstrow, Bützow und Rostock. Bereits 1897 wurde mit der „Moritz Wiggers“ ein weiteres Schiff in Dienst gestellt, das regelmäßige Verbindungen übernahm und zugleich Schleppdienste für Lastkähne leistete. Ergänzt wurde der Betrieb durch ein Motorboot der Güstrower Flußbauinspektion.

 

 

Von größerer wirtschaftlicher Bedeutung war jedoch der Gütertransport. Für die ersten Monate liegen bereits statistische Angaben vor: Zwischen Oktober und Dezember 1897 wurden im Güstrower Hafen durch 56 Schiffe – darunter Dampf- und Segelfahrzeuge – insgesamt rund 2.160 Tonnen Güter umgeschlagen. In den folgenden Jahrzehnten schwankte das Verkehrsaufkommen erheblich. Die höchste Umschlagsmenge wurde 1914 mit etwa 12.480 Tonnen erreicht, während sie im Kriegsjahr 1915 auf lediglich 239 Tonnen zurückging. Die Zahl der jährlich verkehrenden Schiffe lag zwischen 177 im Jahr 1929 und 37 im Jahr 1915.

Transportiert wurden vor allem Ziegel aus den Ziegeleien an der Oberwarnow sowie Erzeugnisse der Güstrower Zuckerfabrik in Richtung Rostock. Die Schifffahrt erfolgte überwiegend mit Prähmen im Schlepp kleiner Schlepper. Prähme mit Längen von 20 bis 28 Metern und einer Tragfähigkeit von bis zu 200 Tonnen sowie Schlepper mit 30 bis 170 PS bestimmten das Bild.

Trotz dieser Ansätze erfüllten sich die wirtschaftlichen Erwartungen nur teilweise. Ein zentrales Problem lag in der fehlenden Einbindung in ein überregionales Wasserstraßennetz. Die geplante Verlängerung zum Plauer See und weiter zur Elbe wurde nicht realisiert. Zudem gewann die Eisenbahn zunehmend an Bedeutung und erwies sich als überlegenes Transportmittel. Auch infrastrukturelle Nachteile wirkten sich aus: So erschwerten die geringe Wassertiefe der Nebel sowie ungünstige Umschlagsbedingungen in Güstrow – etwa hohe Gebühren für den Weitertransport per Bahn – einen wirtschaftlich effizienten Betrieb.

Hinzu kam, dass sich erste privatwirtschaftliche Initiativen nicht dauerhaft behaupten konnten. Bereits 1897 gegründete Schleppschifffahrtsbetriebe stellten ihren Betrieb bis 1899 wieder ein. Während Güstrow hinter den Erwartungen zurückblieb, behauptete Bützow seine Bedeutung als Umschlagplatz, nicht zuletzt, weil dort größere Seemotorsegler mit bis zu 250 Tonnen Ladefähigkeit verkehren konnten.

 

 

Mit dem Ersten Weltkrieg setzte ein deutlicher Rückgang des Verkehrs ein, der sich in den folgenden Jahrzehnten fortsetzte. Der Niedergang wichtiger Industriebetriebe, insbesondere der Güstrower Zuckerfabrik, entzog dem Kanal schließlich seine wirtschaftliche Grundlage. Zwar wurde er 1938 noch für Schiffe bis 200 Tonnen Tragfähigkeit geführt, doch nahm die tatsächliche Nutzung weiter ab. 1953 befuhren lediglich zwei Schlepper und wenige Flöße die Strecke; seit 1954 beschränkt sich die Nutzung im Wesentlichen auf Sportboote.

Auch auf der Warnow zwischen Bützow und Rostock ging der Güterverkehr deutlich zurück. So sank die transportierte Menge zwischen 1935 und 1938 von über 90.000 auf rund 36.000 Tonnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch Versuche, den Personenverkehr mit Motorschiffen wiederzubeleben, doch blieben diese ohne nachhaltigen Erfolg. Mit der Ausweisung weiter Teile der Oberwarnow als Trinkwasserschutzgebiet wurde die Nutzung durch motorisierte Fahrzeuge schließlich stark eingeschränkt.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endete damit auch die gewerbliche Schifffahrt auf dem Kanal. Technische Veränderungen, etwa der Umbau von Schleusen zu festen Wehranlagen, machten eine durchgehende Befahrbarkeit unmöglich. Aus der einstigen Verkehrsader wurde ein Relikt vergangener Infrastrukturpolitik.

Heute hat sich der Charakter des Bützow-Güstrow-Kanals grundlegend gewandelt. Erhaltene Bauwerke zeugen noch immer von der Ingenieurskunst des späten 19. Jahrhunderts, während sich die Natur weite Abschnitte zurückerobert hat. Renaturierungsmaßnahmen, insbesondere im Bereich der Alten Nebel, haben wertvolle Lebensräume entstehen lassen.

Text: Markus Göllnitz