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Kiek Rin
Ausgabe 5/2026
Lokales
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Meine Gedanken zum 8. Mai

Es gab Sätze – 1000fach wiederholt – die mein Aufwachsen begleitet haben: „Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden“ oder „Unser Dorf soll schöner werden“ oder „Für Frieden und Sozialismus – Seid bereit!“

In ihrer Formelhaftigkeit hölzern, erschienen sie mir damals langweilig und ein wenig schal im Abgang. Und doch haben sie mein Denken geprägt.

In den Diskussionen in der Schule ging es um Frieden und Völkerverständigung, um die Befreiung von der Herrschaft des Kapitals und um Solidarität. Auch Abrüstung wurde mehr und mehr zum Thema. Karats „Blauer Planet“ war eine Hymne gegen den Irrsinn des Wettrüstens.

Ich war damals Bürgerin eines Landes, welches von anderen als zum REICH DES BÖSEN zugehörig betrachtet wurde. Dieses Land und seine Verbündeten, der Versuch, Gesellschaft neu zu ordnen, wurde auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs als Bedrohung wahrgenommen, als Angriff auf die Freiheit. Es hieß dort, man müsse mit militärischer Stärke abschrecken, damit die Freiheit gesichert bliebe. Deshalb gab es gigantische Rüstungsprogramme, die ganze Volkswirtschaften in den Ruin trieben.

Meine ganz persönliche Innenansicht war eine andere. Ja, ich durfte nicht reisen. Ja, ich rannte wochenlang in die Jugendmode, um immer wieder erfolglos nach einer Käferjeans zu fragen. Ja, ich wusste genau, was ich wo besser nicht sagen sollte – ja, das war nicht schön.

Aber trotz allem fühlte ich mich als Teil eines Projekts, das unsere Welt friedlicher und gerechter machen wollte. Es gab Ungerechtigkeit, Unterdrückung von abweichenden Meinungen, es gab Überwachung, es gab Repression. Ich erlebte Menschen, die meckerten. Aber ich traf auch Bürgerinnen und Bürger, die an ein friedliches und gerechtes Zusammenleben aller Menschen auf unserem Planeten glaubten und bereit waren, ihre Kraft dafür einzusetzen. Wir organisierten Lernpatenschaften in der Schule, halfen uns gegenseitig. Wir Kinder sammelten Altstoffe für ein geringes Taschengeld. An manchen Samstagen mussten alle mit anpacken, um zum Beispiel einen Wanderweg wieder in Ordnung zu bringen. Und im Herbst ging es zur Unterstützung unserer LPG mit der Schule auf den Kartoffelacker zur Nachlese.

Ich sah Leute, die andere verrieten und ich sah jene, die sich lieber die Zunge abgebissen hätten, als dass sie einem Anderen einen Schaden getan hätten. Was ich sah, war alles andere als Schwarz-Weiß und in ein Schema passte es schon gar nicht.

So unterschiedlich kann also Wahrnehmung sein, je nachdem auf welcher Seite des eisernen Vorhangs man sich gerade befindet.

Ich wünsche mir deshalb, dass wir uns keine eisernen Vorhänge mehr vor die Nase hängen lassen.

Ich sehe Kriege, die im Namen von Gott, im Namen der Freiheit, im Namen der Sicherheit oder im Namen von was auch immer geführt werden. Ich kann nicht anders als skeptisch sein!

Im Krieg bluten immer die Armen. Einfache Bürger, Menschen, die arbeiten, die Freunde suchen, Freunde finden, die sich verlieben, Kinder bekommen, für die sie ein gutes Zuhause bauen wollen, diese Menschen wollen keinen Krieg und die brauchen auch keinen Krieg. Das ist bei uns genauso wie am anderen Ende der Welt. Diesen Menschen sollten wir unser Vertrauen schenken, egal, wo und wie sie leben, an was sie glauben, zu welchem Gott sie beten oder auch nicht.

Doch denen, die uns glauben machen wollen, es gäbe ein REICH DES BÖSEN, es gäbe wertvolle und wertlose Menschen, es gäbe ein Recht auf Ausbeutung, denen sollten wir schleunigst unser Vertrauen entziehen.

Sylvia Bretschneider