Sehr geehrte Frau Schipner, sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Jugendliche der Hans-Fallada-Schule,
es ist schön, dass Sie alle gekommen sind, damit wir gemeinsam dem 8. Mai gedenken können.
Es ist das 81. Jahr nach Kriegsende.
Der Krieg ist Anfang April 1945 eigentlich entschieden. Bereits Anfang Februar beraten die USA, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion in Jalta über eine Nachkriegsordnung.
Statt aufzugeben, radikalisieren die Nationalsozialisten ihre Kriegsführung jedoch immer weiter.
Alte Männer werden ab Ende September 1944 zum „Deutschen Volkssturm“ eingezogen, Kinder der Hitlerjugend mit Panzerfäusten auf die Straßen geschickt.
Die radikalisierte Kriegsführung ist erfolglos und fordert weitere unzählige Menschenleben.
An vielen Orten im ganzen Reich werden zahlreiche Menschen noch als „Verräter“ hingerichtet. Bis zum Schluss fällen Standgerichte von Wehrmacht und SS tausende Todesurteile gegen deutsche Soldaten und Zivilisten.
Am 21. April erreicht die Sowjetarmee die Stadtgrenze von Berlin, am Abend des 29. April 1945 stehen die russischen Soldaten am Brandenburger Tor. Erst am 2. Mai ist der Kampf um Berlin beendet.
Während Berlin im Straßenkampf untergeht und zehntausende Menschen den Kampf bis zum bitteren Ende mit ihrem Leben bezahlen müssen, entzieht sich Adolf Hitler am 30. April 1945 seiner Verantwortung durch Suizid.
Zu seinem Nachfolger bestimmt er Großadmiral Karl Dönitz.
Dönitz beauftragt Generaloberst Alfred Jodl, den Verantwortlichen für die Kriegführung von Norwegen bis Nordafrika, die Kapitulationsverhandlungen im amerikanischen Hauptquartier in Reims zu führen.
Jodl versucht noch, die Kapitulation gegenüber der Roten Armee hinauszuzögern, um den 12 Millionen Deutschen in den Ostgebieten die Flucht nach Westen zu ermöglichen, allerdings ohne Erfolg.
Der 8. Mai: Niederlage, Befreiung oder Sieg?
Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Die alliierten Truppen (USA, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich) beendeten gemeinsam Krieg, Terror und Verfolgung.
Liebe Gäste,
viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen - der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.
Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter.
Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.
Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen jeglicher Nation erleiden mussten. Bis zu 50 Millionen Opfer hat der Krieg gekostet. Den größten Blutzoll hatte das sowjetische Militär und die Zivilbevölkerung zu erleiden.
Der 8. Mai ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer deutschen Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.
Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos durch Vertreibung. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang.
Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewissheit erfüllte das Land.
Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch für viele dieser Feinde. Würden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten?
Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient.
Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. Würde man eigene Angehörige noch finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn?
Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.
Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Verlust der Heimat im Osten, Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.
Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. In diesem Jahr wurde Hitler zum Reichkanzler durch die Deutsche Bevölkerung gewählt.
Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen.
Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.
In der DDR wird mit dem 8. Mai ein andere staatlicher Umgang gepflegt: Hier wird der 8. Mai schon früh als Tag der Befreiung vom Faschismus gefeiert, häufig mit Militärparaden und Zügen aus Jungpionieren und FDJlern. Einige der Kommunisten, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, werden später führende Politiker der Deutschen Demokratischen Republik. Für sie bedeutet das Kriegsende die Befreiung von Verfolgung und KZ-Haft. Ihre Sichtweise übernehmen sie aber für die gesamte Bevölkerung der DDR, auch wenn sie nicht für alle zutrifft oder zutreffen kann.
Natürlich lebten auch in der DDR Menschen, die zuvor vom Nationalsozialismus überzeugt gewesen waren oder sich an menschenverachtenden Verbrechen beteiligt haben.
In diesem Zusammenhang erlaube ich mir zum Abschluss meiner Rede einen Hinweis.
Jedem der an deutscher Geschichte interessiert ist, empfehle ich das Buch: Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung (2026).
Ines Geipel wurde hierfür für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert, mit folgender Begründung der Jury: „Auf allen Ebenen bricht Ines Geipel hier den ‚Gedächtnisbeton‘ auf. Durch das Ringen um Wörter im sprachlichen, das Hinterfragen von Narrativen in inhaltlichen sowie das Nebeneinander von eigenem Text und Quellen im formalen Bereich. Damit wird die hochaktuelle Frage nach Kulturen des Erinnerns und Verschweigens mit einem Fokus auf Ostdeutschland gestellt, ohne weitere Kontexte aus dem Auge zu verlieren.“
Vielen Dank.
Constance von Buchwaldt
Bürgermeisterin