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Kiek Rin
Ausgabe 5/2026
Lokales
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Der Tag der Befreiung

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Schülerinnen und Schüler!

Wir haben uns heute hier versammelt, um an den 8.Mai 1945 zu erinnern. Den Tag, der als „der Tag der Befreiung“ in die Geschichte eingegangen ist.

Ein Datum, das wie kaum ein anderes, für das Ende von der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland, von Krieg, Terror und Verfolgung steht. An diesem Datum endetet der zweite Weltkrieg. Millionen Menschen aller beteiligten Nationen hatten ihr Leben verloren, Städte lagen in Trümmern und das Vertrauen in Menschlichkeit und Moral schien zutiefst erschüttert. Und doch markiert dieser Tag nicht nur ein Ende, er markiert auch einen Anfang.

Heute, 81 Jahre später, leben wir in einem freien, demokratischen und friedlichen Land. Aber diese Errungenschaft ist nicht selbstverständlich.

Wir, die wir diese Gräueltaten nur aus den Geschichten unserer Großeltern und Eltern kennen, können dieses Leid gar nicht nachempfinden.

Warum ist das so?

Wir können es uns schlicht weg nicht vorstellen. Das ist wie wenn ich am Äquator lebe, Fotos von Schnee anschaue, aber noch nie welchen in der Hand gefühlt habe. Es ist einfach unbegreiflich.

Aber wie können wir diese Geschichten für uns begreiflich machen?

Wie können wir versuchen zu empfinden, was damals geschehen ist, wie es soweit kommen konnte?

Eine gute Möglichkeit ist der Besuch von Gedenkstätten, an denen die damaligen Ereignisse für uns ein Gesicht bekommen. Das war in meiner Schulzeit für jede 8. Klasse Normalität und auch als ich in der Feldberger Jugendherberge als Veranstaltungsleiter gearbeitet habe, sind wir mit den Schulklassen in das Konzentrationslager Ravensbrück in Fürstenberg gefahren.

Eine weitere Möglichkeit sind Gespräche mit Zeitzeugen. Es wird aber immer schwieriger, noch Menschen zu finden, die diese Zeit miterlebt haben - aber es gibt sie noch. Vielleicht finden sich einige in unseren Dörfern und Familien.

Auch gute Bücher über Historie können eine Einordnung aller Sichtweisen der Ereignisse der Zeit bringen. Wer war in die Kriege involviert, wer hat profitiert. Nicht um die Schuldfrage zu klären, sondern um Verantwortung zu übernehmen.

Gerade die jungen Menschen tragen keine Schuld an der Vergangenheit, aber sie tragen eine Verantwortung für die Zukunft. Der Begriff „Befreiung“ ist dabei von großer Bedeutung.

Was also bedeutet das Wort „Befreiung“ für unsere Zeit?

Ist es nötig, sich auch heute noch von etwas zu befreien? Wie können wir verhindern, das uns als Gesellschaft wieder solch großes Unheil widerfährt?

Ich habe ein Buch „Der Stoiker“, in dem ich mir jeden Tag eine Inspiration hole. Für den heutigen Tag stand dort folgendes: Selbstbetrachtungen von Marc Aurel - römischer Kaiser und Philosoph 121-180 n.Chr. „Von Rusticus…lernte ich sorgfältig zu lesen und mich nicht damit zufriedenzugeben, etwas nur oberflächlich zu verstehen, und den Schwätzern nicht vorschnell zuzustimmen.“

Für mich bedeuten diese Worte: glaube nicht alles was du hörst, lese nicht nur die Schlagzeilen.

Wir sollten meiner Meinung nach also darauf achten, welche Geschichten uns erzählt werden.

Wir sollten hinterfragen, ob die Geschichten wahr sind, in welchem Kontext und mit welcher Intention werden sie erzählt. Wer profitiert?

In unserer Zeit der schnellen Verteilung von Nachrichten in den sozialen Medien sollte sich jeder von uns die Frage stellen, was es mit der Information auf sich hat, die ich mir gerade anhöre oder die ich mir auf meinem Smartphone anschaue.

Was wollen uns die mini-clips bei TikTok eigentlich mitteilen? Sollen sie uns nur zum Lachen bringen oder uns vom Wesentlichen ablenken?

Was wollen uns die coolen Influencer mit ihren tollen lifestyle Geschichten mitteilen? Wollen sie mir das Gefühl geben, wenn ich ihre Tipps befolge, das ich dann so cool bin wie sie, so aussehe, so viel Geld verdiene oder was auch immer? Was muss ich kaufen, essen oder tun? Und will ich das?

Die Abhängigkeit von Einflüssen aus unserem Umfeld hat keine Altersgrenze. Sich davor zu bewahren ist eine tägliche Herausforderung. Sich zu fragen, bin ich frei in meinen Entscheidungen oder möchte ich nur nicht anders sein als mein Umfeld?

Dieses und vieles andere fällt mir zum Thema Befreiung ein. Was bin ich in der Lage, wirklich selbst zu entscheiden und auch zu beeinflussen?

Aber jeder Tag, an dem ich etwas im vollen Bewusstsein in meinem aktuellen Lebensumfeld tue, lerne und entscheide ist ein Tag der Befreiung. Und die Ergebnisse meiner Entscheidungen zu prüfen, zu bewerten und gegebenenfalls andere Entscheidungen zu treffen.

Lassen Sie uns also diesen Tag nicht nur als Rückblick verstehen, sondern auch als Auftrag. Als Auftrag in dieser neuen und sehr spannenden Zeit unsere Zukunft offen, gerecht, friedlich und frei zu gestalten, andere Meinungen anzuhören und offene Diskurse zu führen, scheitern bei Entscheidungen zuzulassen damit wir gescheiter werden. So wie die alten Philosophen.

Das führt zu Freiheit des Denkens - nicht Glauben führt zur Freiheit sondern Wissen.

lch danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Heiderose Schipner