Titel Logo
Neverin INFO
Ausgabe 3/2026
Aktuelles aus den Gemeinden
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Neddeminer Dorfgeschichten Folge - 7 -

Meine Eltern bei der Ernte und beim Dreschen.

Liebe Leserinnen und Leser,

die neuen Siedler – Landarbeiter werden Eigentümer - gab es dabei Widerstand -oder wieviel Hoffnung hatte jeder?

Auf diese Frage weiß ich aus meinen Erinnerungen nicht zu berichten. Ich kann nur aus den verbliebenen Dokumenten, die mir vorliegen, erzählen und es ist heute für mich erschreckend, wieviel Geld meine Eltern und alle die 1936 das Land von der Deutschen Ansiedelungsgesellschaft gekauft haben, welche Summen alle 28 Neusiedler, bezahlen mussten, um sich eine neue Existenz aufbauen zu können.

(Ein amtliches Dokument aus dieser Zeit liegt zur Ansicht vor)

Alle haben schwer gearbeitet, geschuftet – oft wurde es alles nur durch Hilfe von Helferinnen aus der Umgebung geschafft, die sich nicht nur ein paar Mark dazu verdienen mussten, weil ihr Auskommen vorn und hinten nicht reichte, sondern…. weil es bei den Bauern auch immer etwas zu essen gab – und trotzdem hat es oft nicht zum Leben gereicht, glücklich und zufrieden zu sein. Die Auflagen durch den Staat wurden immer größer. Im Jahr 1952 wurde die erste Produktionsgenossenschaft gegründet. Grund war, dass viele Kleinbauern – speziell die, mit wenig ertragreichen Böden – diese Bauern schlossen sich der Gemeinschaft an.

Durch immer höher werdende Abgabepflichten, mangelnde Belieferung von Produktionsmittel und Baustoffe, immer mehr Druck, versuchte der Staat, Landwirte zum Eintritt in die LPG zu bewegen. Der Eintritt in eine LPG sollte laut Regierung auf der Basis der Freiwilligkeit stattfinden.

Hier kann ich mich wieder an viele Treffen einzelner Landwirte vom Neddeminer Ausbau bei uns zu Hause, mit meinen Eltern erinnern. Immer wieder wurde das Ja-dafür und das Nein-es geht gar nicht, diskutiert. Die große Frage stand immer im Raum: „Wir haben alle viel Geld investiert, uns teilweise hoch verschuldet, um uns eine neue Existenz aufzubauen und nun müssen wir alles wieder aufgeben“?

Es sind damals viele Tränen geflossen. Mein Vater war Kriegsinvalide, ein Bein fehlte bis zum Kniegelenk und ich habe es heute noch vor Augen, wenn er die Prothese ablegte, dass der „Stumpf“ durchgescheuert war, teilweise blutige Stellen, oft unter starken Schmerzen litt, wie konnte er das alles aushalten?

Viele Landwirte entzogen sich dieser verstärkten Agitation durch Flucht in den Westen.

Und dann war es so weit, am 11. Februar 1960 gründeten acht Landwirte vom Neddeminer Ausbau mit einer Gesamtfläche von 51 ha eine Genossenschaft Typ I mit dem Namen „Freier Bauer“. Erste Vorsitzende war von 11.02.1960 bis 22.08.1968 Annemarie Köhler. Vom 22.08.1968 bis 01.01.1969 übernahm mein Vater, Richard Bütow den Vorsitz.

Auch in meinem Heimatdorf waren es einige Bauern, die diesen Weg in den Westen gewählt haben. Ich kannte sie alle. Ich, als siebenjährige, habe noch Blumen gestreut auf der Hochzeit von Johanna Timm, Haus Nr. 7 Eine große Bauernhochzeit. Die Tenne war leergeräumt geschmückt und eine riesige Tafel aufgebaut und belegt mit vielen Esswaren und Köstlichkeiten, die ich als Kind noch nie gesehen hatte. Dann wurde gefeiert. ……Und was war dann? Zwei Tage später war die ganze Familie Timm weg. Das Haus war leer. Nicht wie bei anderen Familien, die mit dem nur „Wichtigsten“ losgezogen sind, Nein, hier war alles weg. Aber wirklich alles. War die Feier der Hochzeit alles nur Show, um abzulenken?

Der damalige Bürgermeister war in den Augen vieler Bauern ein „Schlitzohr“, vielleicht aus Angst, er-der Bürgermeister bekommt etwas mit, das hätte das Ende der Familie Timm bedeutet.

Denke ich heute daran, dass diese Menschen, aus Angst vor der Zukunft alles, aber auch alles aufgegeben haben wo sie vor Jahren noch für gekämpft haben, sich teilweise hoch verschuldet hatten, um ein neues – besseres Leben zu leben, dann bin ich emotional gerührt, der Gedanke in mir, sie, die eben genannten Familien mit einem Pferdegespann mit Leiterwagen vollgepackt mit den Dingen, die ihnen so so wichtig waren - dann los in die Fremde - der neuen Heimat?

Das muss doch wehtun!

Was geht da in ihnen vor, die auf dem Leiterwagen waren, Trauer auf das Zurückgelassene, Angst, Hoffnung auf die Zukunft – oder was? Wer weiß das heute….

Ich kann mich sehr gut erinnern, ich schlief damals noch im Schlafzimmer meiner Eltern, als es an verschiedenen Nächten am Schlafzimmerfenster klopfte und sogar für mich bekannte Stimmen riefen: „Richard wir machen jetzt los, wenn Du noch was haben willst, musst Du jetzt losfahren und dir alles holen, was Du brauchst, wir sind dann weg!“

Meine Eltern haben sich nicht getraut. Meine Mutter sagte noch: „Richard los spann die Pferde an!

Aber mein Vater, zum Glück meinte, wer weiß, wer da schon auf der Lauer liegt.

Es wusste doch kein Mensch welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten. Die Familien, die damals ihren Wohnort, ihr Zuhause ihre Freunde verlassen haben, konnten doch nur das Nötigste und Wichtigste mitnehmen. Was aus dem ganzen Hausrat, Tiere, Saat -und Pflanzgut sowie Lebensmittel geworden ist ... wer weiß das schon????

Ein schlimmes Kapitel unserer Geschichte!

Wir haben in mehreren Archiven, in Neustrelitz, in Rostock und Schwerin nach Dokumenten gesucht, die uns helfen, die Geschichten richtig wieder zu geben. So wissen wir auch, der Bürgermeister in der Zeit von 1953 bis 1959 war Rudolf Schütze.

Ich kann mich gut an ihn und seine Art erinnern und sein Aussehen ist mir noch in Erinnerung. Von meinen Eltern habe ich oft in Gesprächen gehört, dass er kein Freund der damaligen Bauern war.

Am 01. Januar 1969 traten alle Mitglieder der damaligen LPG Typ I „Freier Bauer“ geschlossen in die LPG Typ III „Junge Garde“ ein. Aus Dokumenten, die mir heute noch vorliegen, mussten meine Eltern, aufgrund der Fläche in Hektar, umgerechnet eine Summe von 37.338,33 Mark einbringen. Alles an Tierbestand, Saat -und Pflanzgut, Landmaschinen und andere Gegenstände wurden dagegen gerechnet. Eine Kommission aus vier bis fünf Personen aus dem Dorf begutachtete alles und legte einen Preis fest. Reichten die Summen der aufgenommenen Bestände zum Gesamtbetrag nicht aus, musste der Rest in Bargeld beglichen werden. Bargeld kann nicht viel vorhanden gewesen sein, denn noch nach dem Tod meines Vaters im Juli 1990, mussten wir beide, mein Mann und ich, eine Forderung – (eine Restschuld) der Bank von 5.987,19 DM begleichen.

Ich habe als Kind meinen Geburtstag nie mit meinen Eltern verbringen können, weil gerade in dieser Zeit Heuernte war. Jede Hand wurde gebraucht und jede Minute zählte, um alle Fuhren Heu trocken nach Hause zu bringen. Die Wiesen lagen weit ab vom Gehöft. Mein Glück war, ich hatte noch zwei Omas, die den Tag für mich so schön es damals ging, gestaltet haben.

Bis zum nächsten Mal herzlichst

Heidrun Stach