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Neustädter Anzeiger
Ausgabe 1/2026
Nachrichten aus dem Rathaus
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Zwei Schlagglocken hängen in der sehr schönen gusseisernen Dachreiterkonstruktion des Rathauses

Sanierter Glockenturm 1993

Das Rathaus als Verwaltungs- und Repräsentationsgebäude, zumeist am Marktplatz gelegen, ist in mittelalterlicher Zeit Symbol der neuen erreichten Unabhängigkeit und Sitz der Ratsherren. Oberster Repräsentant der Stadt und des Rates wird spätestens seit dem 14. Jahrhundert ein Bürgermeister, gewählt aus ihren eigenen Reihen.

Der in schriftlichen Quellen genannte Neubau eines Rathauses im Jahre 1717 fällt wenige Jahre später den Flammen eines großen Stadtbrandes zum Opfer.

Anno 1728. Zwischen dem 26. Und 27. Julii in der Nacht vom Montage auffn Dienstage, von 1 Viertel vor Zwölff bis 2 Uhr, ist unser Neustadt von Gott mit einer schrecklichen Feuers-Brunst heimgesucht und schier gantz Neustadt mit der Kirche und beiden Prediger-Häusern in die Asche elendiglich geleget worden…“ Ein schwerer Schlag, an dem Neustadt Jahrzehnte lang gelitten hat, schreibt ein früherer Prediger.

1802 heißt es: „Zum RathHause ist das Fundament aufgemauert und MauerSteine angefahren. Den 26. Juli ist der GrundStein gelegt. Ausgabe zum RathHause in diesem Jahre 1000 Rth. Die Stadtschulden betragen dem ungeachtet beym Jahresabschluß nur 1272 Rth.

Schon 1847 wird der Turm des Rathauses umgebaut und 1879 morsche hölzerne Säulen und Gitter durch eiserne ersetzt. Zimmermeister Eduard Müller hat sie für 1.700 Mark angefertigt.

Während der Baujahre, am 27. März 1804, wenden sich Bürgermeister und Rat erneut an den Herzog: „Bisher hat das hiesige publicum nach keiner anderen Uhr die Eintheilungen der Zeit bestimmen können, als nach derjenigen, die sich auf dem alten hiesigen Schloßturm befindet. Diese ist aber so sehr alt, wandelbar und ausgeschliffen, daß sie bei jedem frostwetter und oft auch bei stürmischer Witterung in Stillstand geräth und zuweilen Wochen, ja wohl eher Monate lang nicht wieder im Gang zu bringen ist. Es wird daher bei dem hieselbst errichteten Rathause die Einrichtung einer Schlageuhr eins der vorzüglichsten Bedürfnisse.“

Am 29. Mai, wird der Knopf auf dem Rathausturm angebracht und zur Erinnerung mit Urkunden und Münzen versehen. Bereits am 10. Juni schreiben die Stadtväter in einem Dankesschreiben: „Die Glocke war mit der Jahreszahl 1499 und der Inschrift: Ad Honorem Dei et Semper beatae virginis versehen und nach jenen unseren Gefühlen haben wir es uns erlaubt, solche auch für die Zukunft zum ferneren Gedächtnis auszudrücken, daß wir unter jener Inschrift die Worte eingraben lassen: Des Durchlauchtigsten Herzogs Friedrich Franz Geschenk zum Rathause 1804.“

Ein Sachverständiger schreibt im Jahre 2020:

Die 1804 von Valentin Schultz in Rostock gegossene Schlagglocke schlägt heute die Stunden.

Dem Viertelschlag dient eine kleine 1499 von Andreas Ribe gegossene Glocke unbekannter Herkunft, die lt. einer eingeritzten Inschrift tatsächlich Herzog Friedrich Franz der Stadt für das neue Rathaus schenkte.

Und die Rathausuhr?

Sie wurde um 1900 gebaut in der "Turmuhrenfabrik und Glockengießerei J. F. Weule, Bockenem - Harz" und ist eine wahre Besonderheit.

Die Firma von Weltruf, schuf über 120 Jahre hinweg Qualitätsarbeit von internationalem Standard. Weulesche Turmuhren und Glockenspiele wurden in alle Kontinente der Welt geliefert. Die meisten sind auch heute noch funktionstüchtig.

Der innovative Weule entwickelte eine neue wegweisende Mechanik vom täglichen zum wöchentlichen Aufzug.

Laut Sachverständigengutachten besitzt unsere Turmuhr drei Werke mit vierfacher Räderkette und somit 8tägiger Gehdauer, sowie ein Gehwerk mit einer sog. Grahamhemung, die die Verbindung zwischen Räderwerk und Pendel herstellt. Die Hammerzüge wurden entfernt. Jetzt erfolgt der Uhrschlag durch Motor-Hubwerke über Mikroschalter an den Walzenrädern, zwecks Möglichkeit zur Nachtabschaltung

Weules Söhne und Enkel führten das weltbekannte Unternehmen im Sinne des Firmengründers weiter. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg war J. F. Weule größter Arbeitgeber der Stadt Bockenem, beschäftigte bis zu 84 Uhrmacher, Schlosser, Schmiede und Gießer.

Abgesehen davon war die Familie Weule wie viele große Unternehmer ihrer Zeit stets an der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt interessiert. Unter anderem gründete J.F. Weule einen Männerturnverein und trug maßgeblich zur Gründung einer Feuerwehr bei.

Britta Kley

FD Bauen, Umwelt und Tourismus

Verantwortliche Burg, Museum/Kunstgalerie, Gedenkstätte und Stadtinformation

038757 / 50065

b.kley@neustadt-glewe.