Am 28. Mai fand im Engelschen Hof eine Veranstaltung statt, die rund 35 Zuhörer tief berührte und noch lange nachhallte. Die Lesung von Fred Seesing, dem gebürtigen Niederländer, war wie eine stille Mahnung an die Verantwortung der Gegenwart.
Auslöser für seinen Roman war ein Satz, der sich wie ein Schicksalsschlag in den Gedächtnissen verankerte: „Die war auf einmal weg.“ Dieser Satz ließ Fred Seesing, dessen Vater und dessen Brüder als Zwangsarbeiter in Deutschland zwischen 1943 und 1945 lebten, nicht los. Galten sie doch einer verschwundenen Tante, die er schließlich auf einer Deportationsliste wiederfand. Weitere Spurensuche führte ihn schließlich ins Arolsen Archiv, dem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit größten Archiv zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Dort begann eine Reise, die das persönliche Schicksal einer ganzen Familie sichtbar machte.
In den Akten stieß Fred Seesing auf zwei Menschen, deren Lebenswege das Grundgerüst seines über 800 Seiten umfassenden Dokumentarromans wurden: Anna Chlebowski, geboren in Köln, und Gerhard Sperber, geboren in Berlin. Die realen Dokumente, Karteikarten und Fotos schildern Stationen eines Lebens, das von Flucht, Verlust und Verfolgung geprägt war. Die Dialoge im Roman sind fiktional – doch die historischen Eckpfeiler stehen fest, sind geprüft und belegt.
Materialien wie Dokumente, Fotos und auch Karteikarten begleiten Passagen aus dem Roman, und lassen den Weg des Paares spürbar werden. Was der Roman heraufbeschwört, ist keine bloße Chronik, sondern eine eindringliche Einladung zum Nachdenken über Verantwortung, Erinnerung und Würde.
Eine Freundin von Fred Seesing, Birgit Zwenker aus Röbel, las Passagen aus dem Roman, die sehr bewegend waren und die Zuhörer immer wieder innehalten ließen. Das junge Paar, nun verheiratet, mit einer erst wenige Tage alten Tochter namens Irene, sieht sich gezwungen nach Frankreich zu fliehen und sie übergeben die Tochter einer Pflegefamilie, damit das Kind eine Chance zum Überleben hat. In Frankreich treten sie einer jüdischen Widerstandsbewegung bei, doch werden sie entdeckt, deportiert und nach Buchenwald bzw. Auschwitz gebracht.
Das Schicksal Irenes lässt Fred Seesing keine Ruhe und weitere Nachforschungen führten zu Irene selbst: Nach intensiver Recherche konnte sie gefunden und kontaktiert werden. Fotos zeigen die Begegnung mit der Familie, die heute dankbar ist, endlich mehr über Herkunft und Vergangenheit zu erfahren. Durch den Roman, so sagen sie, haben die Eltern und Großeltern ein Leben bekommen.
Die Veranstaltung hinterließ eine stille, nachdenkliche Atmosphäre. Zuschauerinnen und Zuschauer verließen den Engelschen Hof mit dem Gefühl, dass echte Geschichten nicht nur gelesen, sondern gespürt werden müssen – damit so schreckliche Zeiten wie damals niemals in Vergessenheit geraten.