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Müritz-Anzeiger
Ausgabe 3/2026
Aus der Stadt und den Gemeinden wird berichtet
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Laudatio für den Kulturpreis 2026

Nach der Wirtschaft ist die Kultur an der Reihe.

Liebe Anwesende, leif Lüd, hüt is Plattdüütsch ansecht.

Wir ehren zwei Röblerinnen und einen Röbler, die sich der plattdeutschen Sprache und der Heimatgeschichte verschrieben haben.

Als Matthias Radtke, der Bürgermeister, mich fragte, ob ich eine Laudatio auf unsere drei Kulturpreisträger halten könne, habe ich sofort zugesagt.

Denn ich bin platt. Nicht sprachlos und nicht körperlich, aber ich bin zuhause in Plattdeutschland. Besonders natürlich in meiner mecklenburgischen Heimat, so wie Sie, die hier Anwesenden, auch. Denn hier wird immernoch - mal mehr, mal weniger (eher weniger) - unsere Sprache gesprochen: PLATT.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. „MOIN“ oder „MOINMOiN“ ist kein Ausdruck aus unserer Gegend, selbst wenn viele meinen, mit dieser Ansprache seien sie echte mecklenburger Plattschnacker. Na, gauden Dach ok.

Es wird in unserem Bundesland inzwischen mehr getan für uns Plattdeutsche, aber einzelne Leuchttürme schaffen noch kein „plattdeutsches Klima“. Eine Sprache, die allmählich verschwindet, lässt sich schwerlich zum Leben erwecken. Hierzu müsste ein Ruck vor allem durch unseren Nordosten gehen. Es ist leider bereits 5 nach 12.

Niederdeutsch ist nicht nur eine Sprache für Ältere. Deshalb darf sie sich nicht auf Folklore beschränken, so schön sie auch immer sein mag. Nur wo sich Interessierte zusammentun und die Sprache „unter das Volk“ bringen, bleibt vielleicht ein Gefühl, dass neben dem Hochdeutschen eine weitere eigene Sprache bei uns existiert. Sie ist schließlich kein Dialekt. Deshalb muss man sie wie eine Zweitsprache lernen, es sei denn, man ist zweisprachig aufgewachsen. Aber das kommt heute kaum noch vor.

Vor Jahrzehnten mussten die Leute in Mecklenburg Hochdeutsch lernen, um im Leben weiterzukommen. Heute müssen sie Plattdeutsch lernen, um zu ihren Wurzeln zurückkehren zu können.

Für wen diese Sprache im Alltag gängiges Ausdrucksmittel ist, weiß, welcher Zauber ihr innewohnt: Ursprünglichkeit, Derbheit, aber auch sehr viel Gefühl. Es gibt wohl kein schöneres Liebesgedicht/Liebeslied in Deutschland als „Dat du min Leevsten büst“. Und wer das seinem „Schietbüdel“ bekundet, hat allzeit gute Karten.

Als Aufmunterung für Menschen, die Probleme mit dem Hochdeutschen haben: Diese Sprache ist leichter erlernbar. Hier kann man zum Beispiel nicht „MIR“ und „MICH“ oder „DIR“ und „DICH“ verwechseln. Es heißt unverwechselbar „MI“ und „DI“. Und „EINZIGSTE“ darf man auch sagen. Das ist völlig korrekt. Und Gendern geht gar nicht. Un dei Samsdach heit bie uns ümmers noch Sünnabend.

Dass es bei uns in Röbel und Umgebung immernoch 5 vor 12, vielleicht gar erst dreiviertel 12 ist, verdanken wir u. a. dem unermüdlichen Wirken von Lore Helbing und Birgit Richter.

Lore Helbing hat ihren Einsatz für die plattdeutsche Sprache selbst einmal so beschrieben:

Siet Johren lihren Kinner in't Roewelsche Görnhus dei plattdüütsche Sprak. Dat is een Kinnerhort in Roewel. Väle Gedichte hebben wi all lihrt, so taun Bispill: „Platt möt sien“.

Uns' Plattdüütsch möt lebennig blieben!

Dat Schnacken, Läsen un dat Schrieben

sall jedet Kind all tiedig liern

un dat nich gaud blots,

nee, ok giern!

Ja, dat is richtig un bannig wichtig.

Bie jeden Minschen in M-V

gehüürt dat Plattdüütsch tau dei Bildung tau.

Lore Helbing hat seit über zehn Jahren bis zum Schuljahresende 2025 im Kinderhort „Roewelsches Görnhus die plattdeutsche Sprache vermittelt. Mit ihrem Wirken über diese vielen Jahre hinweg hat sie die Kinder von und mit der plattdeutschen Sprache begeistert.

Birgit Richter hat Platt vor allem bei den Großeltern gelernt. Dort sprach man kein Hochdeutsch. In ihrer aktiven Lehrerzeit an der Schule am Gotthunskamp unterrichtete sie über Jahre Plattdeutsch im Religionsersatzunterricht. Mit Kindern studierte sie Theaterstücke ein und organisierte die Auftritte - schon seit 30 Jahren. Die Unterrichtserlaubnis für das Fach Niederdeutsch – ja, auch so etwas benötigt man bei uns – erlangte sie durch ein Studium des Beifaches Niederdeutsche Sprache von 2006 bis 2009.

Sie erstellte einen eigenen Lehrplan, gab Erfahrungen auf Tagungen des Heimatverbandes MV zum Thema Niederdeutsch weiter.

Nach ihrer aktiven Lehrerzeit begann sie, Jungen und Mädchen im Kindergarten für die niederdeutsche Sprache zu begeistern: Seit drei Jahren immer dienstags in der Kita Knirpsenstadt. Ihr Ziel ist es, die Kinder spielerisch an die Sprache ihrer Großeltern heranzuführen, die Freude am Sprechen „up platt“ zu vermitteln, Theater zu spielen, zu tanzen und den Stolz zu vermitteln, etwas Besonderes zu können. Dafür entwickelte sie Karten-, Memory- und Würfelspiele und entsprechendes Bastel- und Anschauungsmaterial „up platt“.

Sie erstellte eine Broschüre mit plattdeutschen Inhalten für Kinder, entwickelte und verteilte Malvorlagen mit plattdeutschen Texten für Gaststätten.

Und die Kunden des „Nahkauf“ staunten nicht schlecht, als die Kindergartenkinder sie eines Tages up platt begrüßten. Im Rahmen von Projekten im Hort vermittelte sie Grundschülern die plattdeutsche Sprache.

Zur Seefesteröffnung, zum Tag der Vereine oder zum Weihnachtsmarkt singen die Kinder plattdeutsch und tanzen dazu. Übrigens die Kostüme für die Tänze und Theateraufführungen werden selber geschneidert.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass im Rahmen ihrer Tätigkeit als Tanztrainerin immer wieder traditionelle Volkstänze im Verein einstudiert wurden, die unser mecklenburgisches Kulturgut bei zahlreichen Auftritten in der Region und im gesamten Land MV zeigten.

Ein Stadtarchiv ist das vielzitierte Gedächtnis einer Stadt. Im Gegensatz zu anderen Städten hatten wir das große Glück, dass es vor Bränden verschont blieb. So reichen die Bestände mehrere Jahrhunderte zurück.

Ein Archiv lebt. Neue Dokumente kommen hinzu, auch neue alte Papiere werden noch entdeckt. Forscher mehrerer Fachrichtungen und auch Privatpersonen greifen gern auf Unterlagen zurück. Schulklassen waren vor Ort, um sich das Funktionieren eines Stadtarchivs erklären zu lassen. Vielleicht war ja eine zukünftige Archivarin, ein zukünftiger Archivar darunter.

So ein Archiv beherbergt wahre Schätze, auf die jeder eine andere Sicht hat. Kommt immer darauf an, was gerade gesucht wird. Und die alten Akten haben so einen eigentümlichen Geruch, wie ihn auch alte Bücher verbreiten. Der ist auf jeden Fall interessanter als der Geruch eines Tablets.

Auch Röbeler Heimatforscher waren ständige Nutzer des Archivs. Sicher erinnern sich noch einige von Ihnen an Luten Brauns Geschichte der Stadt Röbel, die in über 50 Folgen die Geschichte der Stadt Röbel thematisierte. Dahinter verbarg sich Dr. Peter Krägenow.

Der Heimatforscher par exellence aber war Klaus Hennings. Ich selbst war auch 13 Jahre lang der Stadtarchivar von Röbel. Wusste ich mal nicht weiter, weil die verfügbaren Akten nicht alle Informationen hergaben, erkundigte ich mich bei Klaus. Es ist nicht übertrieben. Klaus Hennings wusste alles, nicht nur über die Stadt, sondern über den gesamten Kreis Röbel. Etliche Publikationen zur Heimatgeschichte entstammen seiner Feder bzw. tragen seine Handschrift. Ralf Jackewitz, ein Nicht-Röbeler, war ein würdiger Nachfolger, als Archivar und Chronist.

Seit dem 1.3.2015 führt Hans-Wilhelm Puls das Archiv: Ein Minijobber mit maximalem Einsatz für das Archiv und die Stadtgeschichte. Seien es alte Einwohnerlisten, uralte Bauunterlagen, Unterlagen zu Betrieben, Verwandtschaftsverhältnissen, zu Pensionen, Betrieben oder dem kulturellen Geschehen. Die Zahl der Anfragen mit Bitte um Unterstützung durch das Archiv steigt.

Bei Hanning sind sie stets an der richtigen Adresse. Zum Bestand des Archivs gehörten immer auch Ausgaben der Röbeler Zeitung und des Röbel-Malchower Wochenblatts. Die Röbeler Zeitung wurde seit etwa 1855 in der Druckerei Beyer bzw. dem Vorgängerbetrieb produziert, d. h. redaktionell erarbeitet und gedruckt.

Matthias und Ewald Beyer haben vor Schließung ihres Betriebes sämtliche Jahresbände dem Stadtarchiv übergeben. Hanning verwaltet nun diesen kostbaren Schatz, der erst teilweise durch Veröffentlichungen im Roewelschen Korl-Lehmann-Kalenner publiziert worden ist.

Gegenwärtig erfolgt die Übergabe eines weiteren Bestandes an wertvollen Dokumenten, und zwar des Archivs unseres Fotochronisten Herbert Wiedbusch. Herbert und Hanning organisieren gerade die Übergabe der von ihm gesammelten und der von ihm selbst „geschossenen“ Fotos, die auf zahllosen Ausstellungen und zum großen Teil ebenfalls im Korl-Lehmann-Kalenner präsentiert wurden.

Archivare sollten sich mit der altdeutschen Schrift und der plattdeutschen Sprache auskennen, denn in alten Dokumenten und Protokollen werden sie meist verwendet. Die Alltagssprache war nun mal Platt.

Dass Hanning ein Plattschnacker ist, kann ich nur bestätigen. Im Mai bzw. Juni bestreiten wir schon seit Jahren gemeinsam eine plattdeutsche Veranstaltung des Kulturvereins an der Mühle. Ich freue mich auf unseren nächsten Auftritt am 13. Juni.

Hanning hatte sogar mal Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ ins Plattdeutsche übertragen, nicht wissend, dass es bereits eine Übersetzung ins Mecklenburger Platt gibt. Aber man soll sich ja nicht nur an anderen orientieren. Nun gibt es eben zwei Fassungen.

Ich hoffe, Hanning, Du nimmst mi dat nich oewel, denn Du büst doch ut Roewel, wenn ich hier vor Publikum feststelle, was ohnehin schon die meisten bemerkt haben, dass Du als Plattschnacker auch noch verdammt große Ähnlichkeit im Aussehen mit dem berühmtesten niederdeutschen Dichter Fritz Reuter hast. Wenn das kein gutes Omen ist.

Diesen Fritz Reuter möchte ich zum Abschluss meiner Laudatio zitieren. Indirekt greife ich nochmal die Meinung von Lore Helbing auf. Reuter schrieb einst:

Fri Bahn möt wi hewwen!

Un Brot möt wi hewwen!

Un Hüsung möt wi hewwen!

un lihren möten uns’ Gören wat!

Ich möchte auch gerne ergänzen:

Un Plattdüütsch möten sei lihren!

Un dei Geschichte von Mäkelborg un Roewel ok!

Der Kulturpreis der Stadt Röbel/Müritz 2026 geht an Lore Helbing, Birgit Richter und Hans-Wilhelm Puls!

Herzlichen Glückwunsch!

(Laudatio Detlef Kunter)