Es war eine erste Frage des gebürtigen Schweriners Michael Schmal an sein Publikum, das am 4.Juni im Cafe des Schlosses Griebenow zusammengekommen war, um einen Mecklenburger Barlach lesen zu hören. Als studierter Buchhändler waren die Begegnungen mit der Kunst des in Güstrow beheimateten Künstlers aber eher zufälliger Art, erzählte der Gestalter dieses Vortragsabends.
Dass Barlach nicht nur ein begnadeter Bildhauer war, sondern auch Illustrator und Graphiker, das lernte ich bei einem Besuch des gleichnamigen Museums auf dem Heidberg bei Güstrow. Zu meiner Überraschung beherrschte Barlach nicht nur diese beiden Künste, denn außerdem hatte er zwischen 1912 und 1927 verschiedene Dramen geschrieben, wie „Der tote Tag“, „Die Sündflut“ und „Der blaue Boll“.
So verstand ich dann auch die Ankündigung zu diesem Abend: Ein Mecklenburger liest Barlach …
Aber Michael Schmal, Jahrgang 1958, der zum wiederholten Male in Griebenow auftrat, las nicht etwa Barlach sondern seine eigenen Texte, die seine Nähe und Auseinandersetzung mit Barlachs Figuren verdeutlichen. Die entsprechenden Kunstwerke sahen die Besucher als Projektionen auf einer Leinwand.
Michael Schmal trug eigene Gedanken vor, lyrische Texte vor allem, ließ die Barlach-Werke, untermalt von kurzen musikalischen Einspielungen, auf die Besucher wirken, bevor er das nächste Kunstwerk vorstellte. Seine Begegnungen mit der Kunst Barlachs ermöglichte den Zuhörern ein Neu-Erleben und Weiterdenken.
Alle wirkliche Kunst ist Begegnung, heißt es ja. Und wahre Kunst hilft neu zu sehen, anders zu denken ...
So kann es einem Betrachter der schlichten Kohlezeichnungen von Käthe Kollwitz ergehen. So erging es mir mit den kleinen Figuren des Güstrower Bildhauers. Und so gewann dieser „Vortragsabend“ eine ganz eigene Qualität, eine besondere Atmosphäre.-
Ein Referat über „Leben und Werk“ war das also nicht! Das Leben Ernst Barlachs spielte im zweiten Teil des Abends eine Rolle - in einem knapp einstündigen DEFA- Film nach einer Novelle von Franz Fühmann.
"Der verlorene Engel" berichtet von einem Tag aus dem Leben des Künstlers, aus dem „schlimmen Jahr“ 1937, als der schwebende Engel aus dem Güstrower Dom gestohlen wurde. Barlachs Werk war unter den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt. Barlach wurde aus der Akademie der Künste gedrängt.
"Wissen meine Figuren mehr als ich?", fragt der Künstler in der Filmhandlung an jenem schicksalhaften Tag.
Der Film ist 1966 gedreht worden und wurde in der Folge des 11. Plenums der SED verboten. Warum, wollte einer der Besucher wissen. In der überarbeiteten und gekürzten Fassung, die gezeigt wurde, waren Gründe nicht auszumachen. Aber was Kunst bedeuten kann, zumal in einer von Kriegen und Krisen gebeutelten Zeit, in welcher Unsicherheit und Angst den Alltag der Menschen auch einer Mecklenburgischen Kleinstadt prägten, das wurde in den Gedanken des alternden Barlach deutlich. Die seinen Engel stahlen und zahlreiche seiner Kunstwerke vernichteten, sie fürchteten die Wirkung dieser Kunst: die geschlossenen Augen des Schwebenden mit dem Gesicht der Käthe Kollwitz, die schlichten, aber eindringlich wirkenden Figuren auf den Mahnmalen des vergangenen Krieges im Magdeburger Dom, den „Geistkämpfer“ in Kiel, den „Wanderer im Wind“, den „Zweifler“, die Pieta, die für ein Ehrenmal in Stralsund vorgesehen war … Sie fürchteten Gesichter und Hände, den Ausdruck von Menschlichkeit: Kraft, Wärme, Leiden, Verzweiflung, Angst … „Alle wahre Kunst ist Begegnung“, konnte an diesem Abend noch anders verstanden werden: dass Barlachs Figuren mit ihrer Botschaft einen Bogen schlagen bis in die Gegenwart. Barlach bekannte einem Freund 1935: „Ich habe mich einmal über die Machenschaften aus dem Hinterhalt der Anonymität beklagt, kam aber schön an... Ich bin eben schlecht gelitten, aber ich bleibe im Lande – das Vergnügen, mich weichen zu sehen, mache ich den Leuten nicht“. Die Filmhandlung zeigt, wie ein uniformierter Alltag von den Menschen Besitz ergreift: Genagelte Stiefel, die übers Pflaster hallen, leere Straßen, sich schließende Fensterläden, neugierige und verschlossene Gesichter, rohe Kommandosprache.
Hingegen: Barlachs Figuren: weich und kraftvoll zugleich, hingegeben, konzentriert, in sich versunken, - weltvergessen? Sie mahnen wortlos: Wo man Kunst zerstört, zerstört man bald auch Häuser und Städte! -
Was bedeuten Barlach und dessen Kunst uns heute? Welchen Wert hat Kunst überhaupt heutzutage?
Sind Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit nicht immer noch allgegenwärtige Gefährder in unserer Zeit? Barlachs Holz ist stumm und beredt. -
In einem Brief hatte der Künstler 1938 bekannt: „Güstrow ist mir ein ganz fremder Ort geworden, ich traue mich nur hin, um notgedrungen dies und das zu kaufen. Ihnen zu begegnen wäre gleich einem Abenteuer ...“ - Fremdheit, die befremdet und betroffen macht. - Mit dem Wunsch, der Hoffnung, dass Zeiten, wie der Künstler Ernst Barlach sie am Ende seiner Tage erleben musste, sich nicht wiederholen, wurden die Besucher verabschiedet.
Michael Schmal hat seine Gedichte publiziert und wer Interesse hatte, konnte an diesem Abend ein Buch mit den Barlach-Texten oder anderen Gedichten (Titel: Lauf, Schmaler, lauf!) erwerben. Er selbst sagt über sich: „Schreiben ist … die Brücke, die ich schlage, um den Worten wieder Gehör zu verschaffen, … Sprachlosigkeit zu überwinden und mich meinen Nächsten zu öffnen.“