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Süderholzer Blatt
Ausgabe 428/2026
Poesie und Dichtung
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Nicht nur Ferienlektüre: Lyrik von Mascha Kaleko, eine Lese-Empfehlung

Ferienzeit ist Lesezeit, behauptet, wer es so erlebt hat in seinen Jugendjahren.

Obwohl ich nicht das war, was man unter einer Leseratte oder einem Bücherwurm verstand. Schon gar nicht gehörten Gedichte zu meiner Lieblingslektüre...

Gedichte: Igitt! Die musste man immer interpretieren und auswendig lernen!

Ich hasste das - wie wohl jeder Schüler. Vor allem, wenn man sie vor der Klasse vortragen sollte...

Gedichte … nee, die waren nicht meins!

Eines Tages aber beobachtete ich meinen Physiklehrer mit einem schmalen Bändchen, das er aufgeschlagen auf seinen Knien liegen hatte. „Ich mach ein Lied aus Stille“, Gedichte von Eva Strittmatter. So etwas las ein Naturwissenschaftler wie mein Physiklehrer?

Oh ja! Er war sogar sehr begeistert von diesen Gedichten, aber zu bekommen waren sie nur in der Kreisstadt unter dem Ladentisch, das heißt: mit guten Beziehungen. So war das in der DDR.

Heute denke ich manchmal, Bücher sind ein Auslaufmodell. Heutige junge Leute sieht man eher mit dem berühmten „Knopf im Ohr“, gegenwartsvergessen mit einem Smartphone oder einem anderen Teil dieser „modernen Medien“ an der „Strippe“. Wer von ihnen liest noch in Büchern?

Bücher findet man manchen Ortes noch in Büchertürmen oder Telefonzellen, die ebenso ausgedient haben wie das, was in ihnen gestapelt ist: Bücher aller Kategorien, Romane, Sachbücher, selten Bildbände, und nie – Gedichte!

Gedichte haben es schwer, wie es scheint. Nicht nur in Buchhandlungen muss man sie suchen. Generationen, so scheint es, sind der Lyrik entwöhnt bzw. wurden Gedichte auf immer vergrault, Opfer eines interpretationslastigen Schulunterrichts.

Einmal fand ich in der damals noch existenten Buchhandlung „Am Mühlentor“ in Grimmen ein Bändchen, das mich gar nichts kostete. Der Ullstein-Verlag feierte sein Bestehen mit den Büchern seiner erfolgreichsten Autoren, darunter die Lyrik von Mascha Kaleko. Den Namen dieser Dichterin hatte ich bis dahin nirgends gehört oder gelesen! In den Lesebüchern des geteilten Landes östlich der Elbe kam dieser Name nicht vor. Aber nun las ich in ihrem „Lyrischen Stenogrammheft“ ihre „Verse vom Alltag“. Es war die typische Lyrik neuer Sachlichkeit, wie Kästner oder Ringelnatz sie pflegten, heiter- ironische Gedichte, die nicht nur unterhaltsam waren, sondern gute Laune machten!Warum hatte ich von dieser Dichterin bislang nichts gehört, nichts gelesen?

Mascha Kaleko, 1907 in Galizien der K&K-Monarchie Österreich-Ungarn geboren, war ein uneheliches Kind jüdisch-russischer Eltern, die zu Beginn des 1.Weltkrieges nach Berlin übersiedelten. Hier verbrachte Golda Malka Aufen, so ihr eigentlicher Name, seit 1918 ihre Schul- und Studienzeit in der Spandauer Vorstadt. Weil ihr Vater meinte, einen handfesten Beruf zu erlernen sei besser für seine Tochter statt Gedichte zu schreiben, begann Mascha eine Bürolehre. Sie heiratete den zehn Jahre älteren Hebräisch - Lehrer Maleko und pflegte den Kontakt mit der künstlerischen Avantgarde Berlins, die sich im Romanischen Café in Charlottenburg traf. Mit ihren ersten Gedichten für das Kabarett war sie bereits sehr erfolgreich, was der Machtantritt der Nazis 1933 zunächst nicht änderte: es war noch nicht bekannt, dass Mascha Kaleko Jüdin war... Bald aber waren auch ihre Schriften „schädlich und unerwünscht“. 1938 emigierte die Dichterin mit ihrem kleinen Sohn und dessen Vater in die Vereinigten Staaten. Trotz US-amerikanischer Staatsbürgerschaft wurde Mascha Kaleko dort nicht heimisch. Und als Steven, ihr Sohn, mit nur 31 Jahren nach schwerer Krankheit starb, konnte sich Mascha Kaleko von diesem Schicksalsschlag nicht mehr erholen; sie folgte 1975 ihrem verstorbenen Mann; 67Jahre alt. Zuletzt hatte sie in Jerusalem gelebt, aber auch dort blieb die Dichterin isoliert. So drücken ihre letzten Gedichte vor allem Trauer und den Schmerz über die Einsamkeit aus, wie z.B. diese Zeilen ihres bekanntesten Gedichtes. Sie überschrieb es mit den Worten

Mein schönstes Gedicht

Mein schönstes Gedicht?

Ich schrieb es nicht.

Aus tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es.

Bleibende Erinnerung verdienen Verse mit dem heiter-melancholischen Impetus.

In der „Ansprache eines Bücherwurms“ heißt es etwa:

Das Bücherfressen macht gescheit/ So denken sich´s die Schlauen/ Doch wer zuviel frisst, hat nicht Zeit/ es richtig zu verdauen.

Drum lest mit Maß, doch lest genug/ dann wird’s euch wohl ergehen./ Bloß Bücher fressen macht nicht klug!/ Man muss sie auch verstehen.

Bärbel Hohmann