Ein außergewöhnliches Kulturerlebnis fand am Freitag, 19. Juni, im Campus statt. Begleitend und auf besondere Art ergänzend zur aktuellen Ausstellung
„Neues aus Hiddensee. Insel der Malerinnen“ gastierte auf Einladung desKunstmuseums das Studententheater der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald in Schwaan.
Spiel und Erzählung konzentrieren sich auf Henriette Lehmann, (1862- 1937), Elisabeth Büchsel (1876- 1957) und Clara Arnheim 1865- 1942).
Zu erleben war eine multimediale Darstellung: Figurenrede, Musik, Videoprojektionen zum Zeitkontext, historischer Dokumente und Szenen vom Kampfgeschehen im I. Weltkrieg, von Gemälden der Malerinnen und der Insel. Gespielt wird auf der Bühne, vor der Bühne, hinter der Bühne, aus dem Publikumsraum heraus. Rezitation zeitgenössischer Texte, die Inszenierung von Volksglauben und tradierter Mythen erweitern den Spielhorizont.
Der Zuschauer wird in ein komplexes Gefüge von (Frauen-)Geschichte, unterschiedlicher Lebenskonzepte und Lebenswege, des Hiddensee-Kolorits, der politischen Prägungen durch das Ende des Kaiserreiches, den I. Weltkrieg bis zum Aufkommen des Faschismus geführt.
Der emanzipatorische Anspruch der Malerinnen betrifft ihr Kunstverständnis wie ihren Lebensentwurf als Frau: Während die lebenslustige, optimistische, kinderfreundliche Stralsunderin Elisabeth Büchsel unverheitatet bleibt, ganz der Malerei zugewandt, wird die Berlinerin Henni Lehmann dreifache Mutter, verliert einen Sohn im I. Weltkrieg, ist früh Witwe, wählt als Jüdin 1937 den „Freitod“. Clara Arnheim aus Berlin ist die empfindsame, die politischen Entwicklungen skeptisch beobachtende, ahnungsvolle Frau. Die leise angedeutete Liebesbeziehung zwischen Clara und Elisabeth erweitert den Emanzipationsentwurf. Auch Clara ist jüdischer Herkunft. Sie wird im August 1942 in Theresienstadt ermordet. In Stralsund und Berlin erinnern „Stolpersteine“ an sie.
Die Inszenierung intendiert Analogien zwischen den Konfliktfeldern auf historischer Ebene – Emanzipation der Frau und Künstlerin, Militarisierung, Krieg, Anpassung und/oder Widerstand des Künstlers, Ausgrenzung, Haß, Antisemitismus und heutigen gesellschaftlichen Problemen.
Kinderlieder und Ringelreihentanz und zuweilen niederdeutsche Wendungen geben dem Stück Leichtigkeit und Alltagskultur. Ganz allmählich erschließt sich dem Zuschauer die Rolle des tanzenden, stummen, blauhaarigen „Geistes“ mit Schiffermütze: Im Auftakt schleicht er sich an Zuschauer heran, imaginär suchend. Ihm vergleichbar sucht ein junges Mädchen mit Matrosenkragen (Elisabeth) ebenfalls eilig die Reihen ab… Während des Stückes erscheint diese Gestalt häufig an ihrer Seite, einflüsternd, bestärkend, widerstreitend. Ein Kobold, der Klabautermann, die andere, innere Stimme der Büchsel. Damit erreicht das Spiel eine geheimnisvolle Ebene. Auch die Tötung der „bösen Schlange“ und die Inthronisierung des Königspaars spielt mit mythischem Glauben. Einfälle für Vergnügen und Nachdenken der Zuschauer wie des Spielers.
Spannungsvoll wird gezeigt, wie Gerhart Hauptmann die verschwörerisch anmutende Entscheidung zur Gründung des „Hiddensoer Künstlerinnenbund“ (1919) beargwöhnt und als ‚Malweibertum‘ diskreditiert. Die Malerinnen konfrontieren ihn mit der Darstellung des proletarischen Befreiungswillens in seinem legendären Sozialdrama „Die Weber“ von 1892. Hauptmann fehlt angesichts des nahenden Faschismus der Mut zum Widerstand; er arrangiert sich hier mit nationalistischer, „großdeutscher“ Ideologie religiöser Würdenträger der Insel. Das fordert die Urteilskraft des Zuschauers heraus.
Der historisch informative, schön gestaltete Flyer zur Inszenierung skizziert die Lebensdaten der Malerinnen, die Geschichte des Hiddenseer Künstlerinnenbundes (durch das NS- Regime verboten), die Bedeutung der Insel als Künstler inspirierender Ort seit Ausgang des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Faschismus.
Die Studenten zeigten beeindruckende künstlerische Leitungen. Einige Mitwirkende waren in mehreren, sehr unterschiedlichen Rollen zu erleben!
Danke allen Spielerinnen und Spielern. Danke Klara Noack als Stückautorin, Leiterin des Ensembles und an diesem Abend in der Rolle der Henni Lehmann. Danke den Akteuren backstage.
Mit einer schönen Geste des Dankes endete das Kulturvergnügen: Die Leiterin des Kunstmuseums, Annette Winter- Süß, überreichte den jungen Spielern kleine Geschenke aus einem großen Beutel.
Die Ausstellung „Neues aus Hiddensee“ lädt noch bis 19.07. zum Besuch ein.