Hans-Wilhelm Puls („Hanning“ für die Röbeler) vor einem Teil des Fotoarchivs von Herbert Wiedbusch.
Ein ganz besonderer Schatz - das Urteilsbuch von Röbel aus dem Jahr 1545
Röbel (at). Seit 2013 ist Hans-Wilhelm Puls im Stadtarchiv Röbel tätig. Was als Bundesfreiwilligendienst nach seinem Ruhestand begann, wurde 2015 zur Leitungsaufgabe. Im Gespräch erzählt er von besonderen Entdeckungen, der Bedeutung des Plattdeutschen und seiner Verantwortung für das kulturelle Gedächtnis der Stadt.
Was hat Sie motiviert, die Leitung des Stadtarchivs Röbel zu übernehmen – und was hält Sie bis heute dabei?
Eine Freundin meiner Frau brachte mich auf die Idee, kurz nachdem ich nach genau 40 Jahren aus dem Berufsleben ausgeschieden war. Und ganz ehrlich: Wer vier Jahrzehnte jeden Morgen weiß, wo er hingehört, der sitzt nicht plötzlich gern nur noch zu Hause.
Mich reizte das teilweise Unbekannte. Alte Akten aufzuschlagen und nicht zu wissen, welche Geschichte darin wartet – das hat etwas. Dazu kam die Möglichkeit, von meinem Vorgänger Ralf Jackewitz zu lernen. 2015 wurde mir dann die Leitung übertragen. „Leitung“ klingt groß – aber eigentlich dient man hier der Geschichte.
Mit jeder Anfrage, jeder Schenkung und jedem Nachlass wuchs der Wunsch weiterzumachen. Besonders die Bestände von Klaus Hennings, Dr. Krägenow und aktuell das beeindruckende Fotoarchiv von Herbert Wiedbusch zeigen, wie reich Röbel an Erinnerungen ist. Wenn solche Schätze durch die eigenen Hände gehen, weiß man, warum man geblieben ist.
Welche Entdeckung hat Sie besonders berührt?
Es sind oft die leisen Geschichten. Eine Anfrage zu den Spuren, die die Stoever-Werke aus Stettin auf ihrem Weg nach Westen in Röbel hinterließen, förderte den Lebenslauf eines Soldaten zutage, der dann zum Bürgermeister von Wackstow berufen wurde. Damit bekommt man Erinnerungen in die Hand und schaut Menschen in die Augen, die vor hundert Jahren hier über dieselben Straßen gingen. Das sind stille, eindrucksvolle Momente.
Warum ist Plattdeutsch für Röbel wichtig – und für Sie persönlich?
In amtlichen Dokumenten spielte Plattdeutsch kaum eine Rolle; dort wurde Hochdeutsch geschrieben. Schwieriger als die Sprache ist oft die Schrift: Sütterlin, Kurrent oder Fraktur verlangen Geduld.
Für mich persönlich bedeutet Plattdeutsch jedoch Heimat. Ich bin damit aufgewachsen. In unserer Familie wurde selbstverständlich Platt gesprochen – vor allem durch meine Großmutter. An langen Winterabenden saß ich auf meiner Hutsche zu ihren Füßen, während sie aus Rudolf Tarnows „Burrkäwers“ vorlas. Aus der Ofenröhre zog der Duft von Bratäpfeln durchs Wohnzimmer. Wenn ihr die Augen zufielen, bettelte ich um die letzten Verse. Platt ist für mich kein Dialekt, sondern Erinnerung, Wärme und Zugehörigkeit.
Welche Verantwortung empfinden Sie für die Stadt?
Die Zeitungsbestände aus dem Hause Beyer und besonders das Fotoarchiv von Herbert Wiedbusch sind ein Stück kollektives Gedächtnis. In ihnen steckt das Leben Röbels – Arbeit, Feste, Veränderungen. Diese Schätze zu bewahren und zugänglich zu machen, ist Verantwortung und Privileg zugleich.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Neugier. Dass die Menschen sich für ihre Stadtgeschichte interessieren, ohne Scheu zurückblicken und die Zukunft bewusst und demokratisch mitgestalten. Eine Stadt lebt nicht nur von ihren Häusern, sondern von ihren Erinnerungen – und die sollten wir pflegen.
Danke für das Interview
Das Interview führte Antje Thiele