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Stapelholm-Kurier
Ausgabe 3/2026
Allgemeine Mitteilungen
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Buchtipp: Wenn die Eltern zur Last werden

„Warum meinen Schauspieler, auch ein Buch schreiben zu müssen? Nicht jeder ist ein Meyerhoff…“ - ein Vorurteil, das auf Andrea Sawatzki ganz sicher nicht zutrifft.

Schon ihr vorheriges Buch „Brunnenstraße“ hat mich fasziniert, und auch „Biarritz“ ist wieder toll geschrieben und behandelt ein wichtiges familiäres Thema.

In den beiden halbbiographischen Büchern wird eine Kindheit geschildert, in der eine Tochter die Verantwortung für die Eltern übernehmen muss. Zuerst für den lange nicht existenten (weil anderweitig verheirateten) und dann dementen Vater. Sie bewacht und versorgt ihn, während die Mutter arbeitet. Als erwachsene Frau kümmert sie sich um die ebenfalls an Demenz erkrankte Mutter.

In „Biarritz“ wird beschrieben, wie die Tochter ihre kranke Mutter in einem Pflegeheim untergebracht hat, sich um sie kümmert und die Verantwortung für sie trägt. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter schildert die Autorin sehr eindringlich und doch vorsichtig: die Erwartungen, Enttäuschungen und Anforderungen an die Tochter Hanna und häppchenweise die Lebenstraumata der Mutter. Hanna empfindet töchterliche Liebe, gleichzeitig sind da auch Wut und Traurigkeit - eine Ambivalenz, die sicher viele kennen, „wenn die Eltern zur

Last werden“, was man sich auch selber nur ungern eingesteht.

Der Schreibstil von Andrea Sawatzki ist besonders. Lange Sätze gibt es selten, die Kapitel sind kurz, schlaglichtartig. Ihre Sprache ist sehr präzise und doch emotional, manchmal humorvoll.

Man kann „Biarritz“ unabhängig von der vorherigen „Brunnenstraße“ lesen, inhaltlich geht das.

Ich empfehle aber beide Bücher, wegen des großen Genusses beim Lesen und der Nachdenklichkeit, die noch lange anhält.

Martina Reepen, Mitarbeiterin in der Buchhandlung Jan Stümpel