Gegen den bereits begonnenen, flächendeckenden Kahlschlag entlang der Mitteleider formiert sich eine neue Initiative.
Am 1. Oktober beginnt wieder die Fällsaison - auch an der Mitteleider. Deshalb haben sich jetzt diverse Naturschutzvereine sowie Verbände wie der BUND und der NABU zur
„Schutzgemeinschaft Mitteleider“ zusammengeschlossen. Ihr Ziel: kurzfristig ein Stopp der im vergangenen Winter begonnenen Fällarbeiten. Und langfristig: die Entwicklung der Mitteleider zu einem naturnahen, baumbestandenen Schutzgebiet für Pflanzen und Tiere und zu einem möglichst intakten Erholungsraum für die Menschen in der Region.
Die erste Maßnahme der neuen Initiative ist ein 20 Punkte umfassender Fragenkatalog, der jetzt an verantwortliche Personen, Behörden und Verbände verschickt wurde.
Angefangen beim ausführenden Eider-Treene-Verband über die Naturschutz- und Wasserbehörden der Kreise bis hin zum schleswig-holsteinischen Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur, Tobias Goldschmidt.
„Wir glauben“, sagt Hans-Gerhard Dierks vom Naturschutzverein Stapel, „dass die flächendeckenden Rodungen der Gehölze auf 50 Kilometer Flusslänge einen so katastrophalen Eingriff in die Natur darstellen, mit solch weitreichenden Folgen für Tiere und Pflanzen, für das Wasser, für das Klima und für das Landschaftsbild, dass solch ein Beschluss ohne umfassende und sorgfältigste Prüfung nicht umgesetzt werden darf. Und unser Eindruck ist: Hier wurde so gut wie gar nichts geprüft. Stattdessen scheint der Beschluss zur Gehölzentfernung allein den allgemeinen Grundsätzen der Deichsicherheit und der dazugehörenden Deutschen Industrie-Norm 19712 zu folgen.“
Dabei ist die Mitteleider nach Überzeugung der Schutzgemeinschaft alles andere als ein genormtes Gewässer. „Das Besondere an der Mitteleider ist“, so erklärt es Christoph Scheuring aus Kleve, „dass der Fluss einerseits durch das Eidersperrwerk und die Schleuse Nordfeld von den Sturmfluten der Nordsee entkoppelt ist. Und dass andererseits Starkregenphasen im Oberlauf auch nicht in der Mitteleider ankommen, sondern in den Nord-Ostsee-Kanal entwässern. So etwas gibt es in Deutschland kein zweites Mal.
Sowohl die Fließrichtung als auch die Wasserstände werden hier technisch gesteuert. Die Gefahr eines Hochwassers in Form einer plötzlichen Naturkatastrophe existiert an der Mitteleider mehr oder weniger nicht.“
Warum müssen dann aber trotzdem ca. 5.000 Bäume gerodet werden? Das ist der zentrale Punkt des verschickten Fragenkatalogs. War die spezielle hydraulische Situation der Mitteleider Gegenstand der Beschlussfindung? Existiert eine spezielle
Gefahrenanalyse für die Mitteleider? Welche Gutachten wurden hierzu erstellt? Andere Fragen sind: Wurden die Folgen für die Umwelt im Vorweg ausreichend thematisiert? Wurde überhaupt eine Bestandsaufnahme aller geschützten Tier- und Pflanzenarten gemacht? Welche Ausgleichsmaßnahmen wurden geplant, um den Verlust gefährdeter Pflanzen und Tiere aufzufangen? Wurde der genaue Standort der Bäume berücksichtigt? Ob sie sich im Uferbereich, auf dem Schutzstreifen oder auf dem Deich selbst befinden? Wurden die Folgen der Fällungen für die Vogelwelt und für die Fledermauspopulation diskutiert? War die Wassertemperatur ohne die jetzige Verschattung der Ufer ein Thema? Und welche Folgen hätte das wiederum für die Fische, den Bewuchs, die Fließgeschwindigkeit und den Sedimenteintrag im Uferbereich?
Weitere Fragen der Schutzgemeinschaft beschäftigen sich mit dem Verwaltungsvorgang als solchem. Auch die Finanzierung der millionenschweren Maßnahme ist in dem Schreiben ein Thema.
„Unsere Fragen richten sich dabei ausdrücklich nicht gegen einzelne Behörden oder Verbände“, erläutert Steve Gröne. Gröne ist sowohl Gründungsmitglied der Schutzgemeinschaft Mitteleider als auch Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und des BUND Nordfriesland. „Es geht uns hier nicht darum, Versäumnisse aufzuzeigen“, sagt er, „sondern darum, einen gesellschaftsweiten Diskurs in Gang zu setzen, der sich mit der Bedeutung der Mitteleider für unser Land und unser Klima auseinandersetzt. Gerade in der heutigen Zeit, in der um uns herum quadratkilometerweise die Wälder brennen und Ernten verdorren und wir allein in diesem Sommer bereits 15.000 Hitzetote zu beklagen haben, ist eine fachlich unnötige Rodung von schattenspendenden, klimaregulierenden Kohlendioxid-Speichern nicht nur unverhältnismäßig. Sie ist grotesk.“
Aus diesem Grund will die Schutzgemeinschaft Mitteleider jetzt alle politischen und rechtlichen Möglichkeiten nutzen, um zuallererst einen vorläufigen Stopp der Rodungen zu erwirken. „Wenn ein 70-jähriger Baum gefallen ist, richtet ihn nichts in der Welt wieder auf“, betont dann auch Thomas Pruß, der als Angler viele Stunden seines Lebens auf der Eider verbringt. „Es bräuchte 100 Jungbäume, um allein die CO2-Speicherung eines solchen Baums aufzuwiegen. Und seine Bedeutung als Klima-Puffer und als Habitat anderer Lebewesen ist durch Neupflanzungen schon gar nicht ersetzbar. Uns ist es deshalb wichtig, aufzuzeigen, welchen Schatz wir da vor unserer Haustür haben. Und was wir für immer verlieren würden, wenn das Kettensägen-Massaker ungebremst fortgesetzt wird. Uns ärgert es sehr, dass die Mitteleider von Behörden und Medien oftmals dargestellt wird als eine triste Wasserstraße mit einem Spalier lästiger Pappeln an ihren Ufern. Die baumbestandene Mitteleider ist ein artenreiches Paradies. Und sie ist das Herz Schleswig- Holsteins.“