ImPuls
Junge angehende Profis, die an der WerkFabrik 2024 im Kunsthaus Wäldchen unter der Leitung von Susanne und Gerhard Müller-Hornbach sowie Simon Bernstein teilgenommen haben, präsentieren Werke für Cello und Schlagwerk aus verschiedenen Jahrhunderten: John Dowland (1563-1626), J. Boismoitier (1689-1755), Yoshihisa Taira (1937-2005), Giacinto Scelsi (1905-1988), Gerhard Müller-Hornbach (*1951), Daniel Diestelkamp (*1959) und Leilei Tian (chinesische Komponistin *1971).
Infos und Tickets: Kunsthaus Wäldchen 02292 7477.
Am Sonntag, den 1. September, begeisterte ein fünfköpfiges Team rund um den kurdischen Romanautor „Bachtyar Ali“ das Publikum beim Festival „open arts“, welches diesmal wieder ins Studio auf dem ehemaligen Heuboden des ausgebauten Restbauernhofs in Forst eingeladen war. Neben dem Autor, der vor einiger Zeit die Veranstalter Dorothé R. Marzinzik und Daniel Diestelkamp mit seinem Roman „Stadt der weißen Musiker“ zu dem Festivalmotto „Über die Zeit“ der Jahre 2024/25 inspirierte, saßen vor dem Publikum der Journalist und Bachtyar-Ali-Kenner Hartmut Buchholz sowie der Schauspieler und Regisseur Michael Dick. Oberhalb, auf der Empore, hatten sich die beiden kurdischen Musiker Gürsoy Tanc und Necati Teyhani platziert, die den Abend mitreißend mit kurdischen Klängen zwischen den Texten und Gesprächen gestalteten.
Bachtyar Ali, ausgezeichnet mit dem Nelly-Sachs- und dem Hilde-Domin-Preis 2023, in Kurdistan ein Kultautor, lebt seit Mitte der 90er-Jahre nach einer Flucht vor dem Regime von Saddam Hussein in Deutschland.
Er liest im Kunsthaus Wäldchen zunächst aus dem gerade erstmals in Deutschland veröffentlichten Roman „Die Herrin der Vögel“ in Sorani, dem im iranischen Staatsgebiet verbreiteten kurdischen Dialekt, selbst einen Abschnitt. Es wechseln danach deutsch gelesene Abschnitte mit Kommentaren vom Autor sowie Gespräche mit dem Publikum, die vom Moderator geschickt und empathisch initiiert werden.
Die von Michael Dick großartig gelesenen und empathisch vorgetragenen Passagen reißen das Publikum hinein in eine poetische Welt voller Bilder und Klängen. Dabei geschieht in gewisser Weise genau das, was das Anliegen der Protagonisten und des Autors seiner Figuren scheint. Die Hauptfigur des Romans, Sausan, eine junge weibliche Schönheit, deren drei Verehrer von ihr den Auftrag erhalten, im Wettbewerb untereinander acht Jahre durch die Welt zu reisen, um am Ende von ihr als bester Liebhaber erwählt zu werden, wird zu einer zunächst fremden, dann schillernden Persönlichkeit. Sie erklärt, dass sie nur jemand heiraten kann, der etwas von der Welt weiß.
Das Publikum entwickelt für kurze Zeit an diesem Abend durch den Blick und das Gespräch mit dem Autor im Eintauchen in eine fremde Welt einen anderen Blick auf sich selbst und auf unsere Gegenwart. Dabei ist der Text teils hochpolitisch und aktuell, berichtet etwas von einer Frauenfigur, die anders und vielleicht mutiger ist als die Frau der die Kurden umgebenden arabischen Welt, und dennoch gefährdet und gefangen in den eigenen Traditionen.
Die Kurden, verteilt über Syrien, den Irak, den Iran und die Türkei, sind seit Jahrzehnten den Repressalien unter den jeweiligen Regimen und Regierungen ausgesetzt, werden immer wieder in den Kriegen zwischen den Nationen und Religionen zerrissen und sind doch ein eigenständiges Volk, das um seine Autonomie kämpft, dabei selbst über die demokratischsten Ansätze in der gesamten Region verfügt und sich von religionsstaatlichen Strukturen fernzuhalten versucht.
Ein hochaktueller Stoff, der nicht zuletzt Bilder wieder hochkommen lässt, Bilder um das Drama der Jina Mahsa-Amini etwa, jener Kurdin, die genau vor zwei Jahren in Polizeihaft verstarb und eine Welle des Protestes im Iran hervorrief. Auch wird tatsächlich noch einmal ein anderer Blick auf die aktuelle Diskussion auf Migration und Globalisierung eröffnet.
Eine im Publikum anwesende nach Deutschland geflüchtete kurdische Lehrerin aus dem Iran gibt in ihrem Statement und ihren Fragen an den Autor das lebende Beispiel.
Ein Abend mit einem außergewöhnlichen Setting, das aus der „open-arts“-Konzeption gewachsen ist, ein Abend, der Lust zu lesen macht. Das Ende der Geschichte wird nicht verraten und doch wird über einen hinreißenden Brief eines der Verehrer von Sausan die wunderbare Lösung erahnbar, ganz anders als erwartet.
Der Autor dankt dem begeisterten Publikum beim anschließenden Signieren des neuen Buches mit dem ein oder anderen weiteren kurzen Gespräch.
Auch ein Abend, der in dieser Besonderheit in dem Gesamtpaket mit der Musik, dem Gespräch, der hochprofessionellen Lesung samt Moderation Lust auf mehr macht…
(Daniel Diestelkamp)