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Hoher Westerwald - Wochenkurier für die Verbandsgemeinde Rennerod
Ausgabe 15/2018
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Landgänger und Bettelkinderoder

oder Armut ist ein brennend Hemd

Lesung: Annegret Held und Wolfgang Gerz lesen zum Menschenhandel im Westerwald

Noch im 19. Jahrhundert führten Missernten im Westerwald zu Hungersnöten. Die Armut grassierte. Wenn die Menschen sich nicht mehr anders zu helfen wussten, „verkauften“ sie ihre eigenen Kinder. Über dieses schwarze Kapitel Westerwälder Heimatgeschichte lesen die Westerwälder Autoren Annegret Held (Pottum/Frankfurt) und Wolfgang Gerz (Oberrod) im Haus am Alsberg in Rennerod und stellen fest: Das, was man später als Landgängerei bezeichnete, war vielfach schlichtweg Bettlerei und Menschenhandel.

Wer heute im oberen Westerwald abwertend und geringschätzig von „Wirtschaftsflüchtlingen“ spricht, der sollte sich vor Augen halten, dass vor rund 150 Jahren Menschen aus dem Hohen Westerwald in fremden Ländern nach Arbeit und Brot suchten. Keiner von ihnen verließ freiwillig seine Heimat, um in der Fremde einen Lebensunterhalt zu verdienen. Das, was die Menschen dazu treibt und getrieben hat, sind Not, Krieg und Gewaltherrschaft. Die Hausierer und Landgänger aus dem Westerwald trieb Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend die Not. Und sie waren dankbar, wenn man ihnen im Ausland zumindest mit Anstand und Menschlichkeit begegnete.

Hochkonjunktur hatte der Westerwälder Menschenhandel sowohl zur Nassauer Zeit (zwischen 1830 und 1850), als auch noch unter der preußischen Regentschaft (nach 1870). Gerz und Held haben zu dieser Thematik recherchiert und eindrucksvolle Literatur bezüglich dieser historischen Episode veröffentlich. „Landgänger, Hausierer, Bettelkinder“ aus der Reihe der Lasterbacher Hefte von Wolfgang Gerz untersucht u.a. die Auswüchse dieses verwerflichen Gewerbes. Wolfgang Gerz tritt seit 1982 als Lokalgeschichtler des Hohen Westerwaldes in Erscheinung. Er hat zahlreiche Bücher zur Geschichte des Westerwaldes verfasst und gibt seit 1984 die „Lasterbacher Hefte“ heraus.

Held liest aus ihrem Roman „Armut ist ein brennend Hemd“ und stellt die Frage: „Wie groß muss die Not sein, bis du dein Kind verkaufst?“. Ihre Recherchen führten sie bis nach England, wo Westerwälder Tanzmädchen als die „Hurdy-Gurdy-Girls“ bekannt wurden. Selbst unter ihren eigenen Vorfahren stieß sie auf solche Bettelkinder aus ihrem Heimatdorf Pottum. Annegret Held lebt heute als freie Schriftstellerin in Frankfurt am Main. Ihr Roman „Das Zimmermädchen“ wurde 2005 für das ZDF als Fernsehspiel verfilmt. Mit ihren Veröffentlichungen ist Held zu einer bundesweit bekannten Autorin geworden.

Landgänger, Hausierer, Bettelkinder oder Armut ist ein brennend Hemd: Lesung mit Annegret Held und Wolfgang Gerz, Veranstaltungsort: ‚Haus am Alsberg‘ Rennerod, Datum: 30. April 2018, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 10 Euro, Vorverkauf über die Tourist-Info Rennerod.