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Mitteilungsblatt der Verbandsgemeinde Dierdorf
Ausgabe 27/2026
Kindergarten- und Schulnachrichten
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Martin-Butzer-Gymnasium Dierdorf

Autorenbegegnung mit Reiner Engelmann

„Jeder ist jemand. […]. Wenn es heute passiert, dann sind wir verantwortlich. Wer wird heute ausgegrenzt? Wir müssen hinschauen, damit das, was damals passiert ist, sich nicht wiederholt. Jeder von uns hat ein Gewissen, und dieses dürfen wir nicht nur, wir müssen es einsetzen.“ (R. Engelmann)

 

Am 09. Juni 2026 besuchte Herr Engelmann unsere Schule. Im Martin-Butzer-Saal wurde er zunächst von den beiden Klassen 9D (Frau Eisenbach) und 10M (Frau Neitzert) mit Spannung erwartet. Die Schülerinnen und Schüler hatten zu dem Autor und seinem Schaffen bereits im Vorfeld recherchiert. So war ihnen bewusst, dass Herr Engelmanns Wirken von der Beschäftigung mit den Themen Ausgrenzung, Verfolgung, Gewalt und insbesondere mit dem Nationalsozialismus und Holocaust geprägt ist.

In seinem Jugendbuch „Die Schuld wohnt nebenan“ geht es um den 16-Jährigen Matthias, der herausfindet, dass sein Nachbar Friedrich Schmidt, ein unauffälliger, freundlicher und vermeintlich unbescholtener Bürger, früher bei der SS war und immer noch in Verbindung mit rechten Gruppierungen steht. Als er im Rahmen seiner Recherche zu der Vergangenheit seines Nachbarn mit seinem Freund nach Ascq in Frankreich reist, begegnet er Menschen, die ihm von den Kriegsverbrechen der SS-Einheit von Schmidt berichten. Matthias und sein Freund sind erschüttert von den Grausamkeiten, denen die Bewohner des Ortes ausgesetzt waren. Die Jugendlichen wissen, dass sie das Geschehene nicht rückgängig machen können. Sie möchten aber die Erinnerung an die toten und überlebenden traumatisierten Menschen wach halten.

Im Anschluss an diese Lesung erfuhren die Deutsch Leistungskurse der Jahrgangsstufe 12 von Frau Eisenbach und Herrn Pagenkopf sowie die Klasse 10M, die sich spontan dieser Lesung angeschlossen hatte, von dem Schicksal des 22-jährigen Wilhelm Brasse, der nach monatelanger Zwangsarbeit im Stammlager Auschwitz schließlich als gelernter Fotograf die Aufgabe erhält, KZ-Insassen für die Lagerkartei zu fotografieren, insgesamt etwa

40 000 – 50 000 Menschen. Für jeden Häftling stehen ihm drei Minuten zur Verfügung, um drei Fotos zu machen. Es handelt sich um Menschen, die von den Verantwortlichen für die Gaskammer bestimmt sind, für grausame, menschenverachtende medizinische Versuche missbraucht werden und unbeschreibliches Leid erfahren. Um eine Überlebenschance zu haben, verweigert Brasse die Arbeit nicht, versucht aber in dem ihm möglichen Rahmen, Häftlinge zu unterstützen.

Kurz vor der Befreiung des Lagers am 15. Januar 1945 gelingt es Wilhelm Brasse, die Negative von 38.969 Häftlingsportraits vor der vom Leiter des Erkennungsdienstes befohlenen Vernichtung zu bewahren.

Herr Engelmann verarbeitet die Geschichte von Wilhelm Brasse in seinem Werk „Der Fotograf von Auschwitz. Das Leben des Wilhelm Brasse“.

Im Anschluss an die jeweilige Lesung nutzten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, Herrn Engelmann auf einer sehr menschlichen Ebene im persönlichen Gespräch zu begegnen. Tief betroffen von dem Gehörten stellten sie Herrn Engelmann unterschiedlichste Fragen, auf die er bereitwillig und feinfühlig einging. Einige Jugendliche meinten, der Autor (Jahrgang 1952) sei selbst Zeitzeuge, da er so eindrücklich zu erzählen vermochte. Er hat mit vielen Zeitzeugen gesprochen, deren Aussagen er in seinen Werken verarbeitet. Die Gespräche mit Herrn Brasse haben dazu geführt, dass er sogar eine recht enge Beziehung zu diesem Überlebenden aufbauen konnte. Die Überlebenden, Täter und traumatisierte Opfer, schwiegen aus unterschiedlichen Gründen lange Zeit.

Herr Engelmann ist angetrieben von dem Wunsch, wenigstens einigen Opfern eine Stimme zu geben. Er möchte vermitteln, dass die Naziherrschaft und der Holocaust kein „Vogelschiss“ (Anm. Zitat Alexander Gauland, AFD) in der Geschichte gewesen sind. Was er der jungen Generation mit auf den Weg geben möchte? Reiner Engelmann appelliert: Jeder ist jemand. Jeder Mensch verdient Respekt. Die meisten Zeitzeugen sind bereits gestorben. Wir können Geschehenes nicht ungeschehen machen. Wir können aber sicherlich aus der Geschichte lernen. Dazu gehört die Pflege der Erinnerungskultur, das Wissen darum, was Menschen anderen Menschen antun können. Daraus sollte eine Haltung erwachsen, die menschenverachtenden Kräften energisch entgegen tritt.