Bei der Übergabe der Schenkung (v.l.n.r.): Stadtbürgermeister Oliver Krügel, Verbandsgemeindearchivleiter Steffen Schütze, Prof. Dr. Kilian Heck (Universität Greifswald)
Ein Blick in das Gästebuch des Kurhauses, in dem niedergeschrieben ist, wer hier vom 1. April 1881 bis Ende 1886 logierte
Die Freude war groß bei diesem Termin im Bad Emser Stadtmuseum. Was Prof. Dr. Kilian Heck hier auf den Tisch legte, ist ein neuer Schatz für das Stadtarchiv. „Eine tolle Schenkung“, bedankte sich Stadtbürgermeister Oliver Krügel bei der Unterzeichnung des Schenkungsvertrages. Große Augen machte auch Steffen Schütze, Leiter des Verbandsgemeindearchives, der das einmalige Gästebuch der königlichen Kurhausverwaltung Ems vom 1. April 1881 bis Ende 1886 jetzt unter seine Fittiche nimmt.
Wo war die Fremdenliste so lange gewesen und wie kam Prof. Dr. Kilian Heck daran? „Ich bin ein halber Emser und der Stadt verbunden“, sagte der Kunsthistoriker von der Universität Greifswald. Seine Mutter, die ihn zum Schenkungstermin begleitete, ist eine Bad Emserin. Stetig ist der Professor auf der Suche nach alten Dingen aus Bad Ems und Nassau im Internet unterwegs. So stieß er auf jenes Berliner Antiquariat, das das Gästebuch aus der Blütezeit der Bad Emser Kurgeschichte anbot. Es wurde versteigert. Prof. Dr. Kilian Heck konnte es, zu diesem Zeitpunkt gerade in einem Züricher Café sitzend, für einen dreistelligen Betrag ergattern.
„So etwas gehört nicht in einen Privathaushalt, sondern in die Öffentlichkeit“, meinte er bei der Übergabe. An die Schenkung hat er eine kleine Bedingung geknüpft: Das Gästebuch soll digitalisiert und für die Forschung und alle Interessierten bis Jahresende ins Internet eingestellt werden. Für Archivar Schütze eine leichte Übung. Innerhalb eines Tages stellte er das Gästebuch bereits online.
Schütze bezeichnete das Gästebuch als einen „Schatz“. Allein schon optisch ist es ein Hingucker. In fein geschwungener Kurrentschrift, mit Gallustinte und Feder geschrieben, gibt es detailliert Auskunft über Titel, Namen und Herkunft der Gäste, mit wieviel Personen sie anreisten, welche Zimmer sie bewohnten, ob es Extrabetten oder andere Besonderheiten gab.
Nicht nur aus Europa, auch aus Übersee kamen die Gäste in den 1880er Jahren. Da reiste am 17.6. 1882 ein Herr W. Damrosch aus New York an. Einen Tag später notierte der Empfangschef im Kurhaus als neuen Gast „Seine Majestät den deutschen Kaiser und König von Preußen mit Gefolge und Dienerschaften“. Bis zu seiner Abreise am 9. Juli bewohnte der prominente Gast die Zimmer 3, 4 und 5. Kaiser Wilhelm ist in dem 166 Doppelseiten umfassenden Buch wohl öfter zu finden. Immerhin besuchte er Ems regelmäßig über die Dauer von 22 Jahren.
Die Fremdenliste des Kurhauses liest sich wie ein Who is Who gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Prinzen und Prinzessinnen, Könige, Grafen und Gräfinnen, Herzöge, aber auch Künstler, Geisteswissenschaftler und Kaufleute verbrachten ihre Zeit in Ems. Sie kamen zum Beispiel aus London, Riga, Prag, Paris, aus Belgien, den Niederlanden, aus Ungarn, Kopenhagen oder Stockholm oder aus Basel oder aus St. Petersburg. Man kam, um zu kuren, zu sehen und gesehen zu werden.
Verbandsgemeindearchivleiter Steffen Schütze wird nun als Erster in dem wertvollen Buch „schmöckern“. Er freut sich sehr über diese Bereicherung des Stadtarchivs. „Es ist leider zu oft noch so, dass viele historisch wertvolle Dokumente unbeachtet in den großen Container entsorgt werden“, bedauert er. Sein Appell: Die Archive sind sehr auf die Mithilfe der Bürgerinnen und Bürger angewiesen, damit solche Dokumente bewahrt werden. Manchmal seien es auch nur die kleinen Dinge wie Fotos, Postkarten, Prospekte, Zeitungen, persönliche Dokumente der Vorfahren, ohne die manche Aspekte der Heimatgeschichte verloren gehen. (vy)