Ulrich Linnemann, Referent Klaus D. Schoch und Theaterintendant Jörg Altenrath mit den Reenactors Gregor Stolarek und Kurt Stein im Innenhof des Theaters Lahnstein (Foto: Udo Färber)
Unter den sprechenden Titel „eine schreckliche Angst vor den Amerikanern“ stellte der aus Braubach stammende Lokalhistoriker Klaus D. Schoch seinen Vortrag über das Kriegsende 1945 in der Marksburgstadt, den er im Rahmen der zeitgeschichtlichen Reihe „Die Amis kommen!“ am 9. Juni im ausverkauften Theater Lahnstein hielt.
Gestützt auf Tagebücher, Briefe und Interviews schilderte Schoch eindringlich den äußerst verlustreichen Rheinübergang der US-Truppen bei Braubach am 27. März 1945 und den anschließenden erbitterten Häuserkampf in der Stadt. Dieser forderte zahlreiche Opfer unter den amerikanischen und deutschen Soldaten sowie der Zivilbevölkerung. Besonders der Augenzeugenbericht des US-Infanteristen John „Jack“ T. Moran verdeutlichte die Dramatik der Rheinüberquerung in unzureichenden Booten. Nicht minder bewegend war die Schilderung tragischer Einzelschicksale wie das des russischen Zwangsarbeiters Iwan Sorowatko, der beim Einmarsch der Amerikaner am Obertor erschossen wurde, oder die der deutschen und amerikanischen Opfer einer tödlichen Minensperre am Ausgang des Mühlbachtals an der Straße nach Hinterwald.
Für die Marksburg demontierte Schoch den sich noch immer hartnäckig haltenden Mythos einer fanatischen Gegenwehr durch verbliebene Einheiten der Waffen-SS als Fiktion; stattdessen beschrieb er ihre unblutige Übernahme. Massiv waren jedoch die Schäden an der Burg durch vorangegangenen US-amerikanischen Artilleriebeschuss: Dieser sorgte vor allem für Zerstörungen in der Kernburg, brachte den Bergfried in Einsturzgefahr und zog jahrzehntelange Wiederaufbauarbeiten nach sich.
Schoch kritisierte die unglückliche Situation, dass in der Stadt Braubach als einziger Gemeinde im Welterbe Oberes Mittelrheintal nicht namentlich an die Toten des 2. Weltkriegs erinnert wird. Der Deutschen Burgenvereinigung (DBV) hielt er vor, das traditionsreiche, durch die Realität von 1945 überholte traditionsreiche Narrativ von der Marksburg als einzig unzerstörter Höhenburg am Mittelrhein in geschichtsklitternder Weise unverändert fortzuschreiben. Noch bis zum Neuverputz der Außenseite des Rheinbaues Anfang der 2000er-Jahre waren dort die Beschussschäden für die Besucher deutlich sichtbar und die Erinnerung an die Teilzerstörung der Marksburg Ende März 1945 durch eingemauerte Granathülsen – die, wie sich nach Untersuchungen der Projektgruppe zeigte, teilweise aus dem Ersten Weltkrieg stammten – regelrecht inszeniert wachgehalten worden.
Der Referent appellierte eindringlich an die Verantwortlichen der DBV, die Teilzerstörung der Marksburg 1945 transparent zu kommunizieren und die Marksburg künftig ehrlicher als „besterhaltene Höhenburg am Mittelrhein“ zu bezeichnen. Er regte an, diesen wichtigen zeitgeschichtlichen Aspekt der Marksburg zukünftig aktiv zu thematisieren und übergeordnet in einer noch zu entwickelnden Themenroute zum Kriegsende 1945 im Oberen Mittelrheintal zu vermarkten, die für Geschichtsinteressierte und US-amerikanische Gäste gleichermaßen attraktiv sei.
Für die Schlussveranstaltung der Vortragsreihe am 23. Juni sind nur noch wenige Karten an der Abendkasse des Theaters Lahnstein erhältlich.