Haus Pink, Rheinstraße
zerstörter Bahnhof Niederlahnstein (Fotos: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein)
Anlässlich des 82. Jahrestags der Bombardierung von Nieder- und Oberlahnstein erinnert das Stadtarchiv Lahnstein mit den Tagebuchaufzeichnungen des Verwaltungsbeamten Willy Seil (1879 - 1952), der die Luftangriffe 1944/45 in Niederlahnstein erlebt hat. Seine Aufzeichnungen dokumentierte er handschriftlich, stichwortartig unter der damals gebräuchlichen Terminologie „Terrorangriffe amerikanischer Flieger auf Niederlahnstein“.
„21.09.1944: Fliegerangriff: Beschädigt wurden die Kasernen, Drahtwerke C.S.Schmidt und Chamotte-Fabrik. Ein Haus in der Becherhöll und an der Horchheimer Grenze wurden total zerstört. Hierbei wurden getötet: Maria Hopf und Tochter Ursula sowie Anna Rheinbay
09.10.1944: Große Verwüstungen am Rhein, Allee, Wiesen und Felder durch schwere Sprengbomben. Getötet wurde hierbei Landwirt Heinrich Dehe sowie zwei Fohlen und zwei Fahrochsen, Eisenbahn-Rentner Christian Pink schwer verwundet und später gestorben
11.10.1944: Große Verwüstungen auf dem Friedhof. Schäden am Krankenhaus, in der Gartenstraße, Hohenrheiner Straße, Emser Landstraße, Oberförsterei. Ca. 30 Häuser ganz oder zum Teil zerstört. Die Gleisanlagen entlang der Emser Strecke schwer beschädigt; hierbei technische Truppen aus den Kasernen eingesetzt. Die Landstraße Niederlahnstein - Ems durch Sprengtrichter gesperrt. In meinem Haus [Markstraße 15] Schäden an Decken, Wänden und Türen; fast alle Fenster zertrümmert.
11.11.1944: Landebrücke, Agenturgebäude und Restaurant gänzlich zerstört; Friedhof weiter beschädigt
26.11.1944: Hochwasser und zweimal Fliegeralarm. Wasser im Haus. In den städtischen Luftschutzkeller am Markt geflüchtet
12.12.1944: Bombentrichter im Garten, Klostergrundstück und Stolzenfelsstraße, Hohenrheiner Eisenbahnbrücke beschädigt, Ruppertstal, Bucher Wiesen Wasserleitung bombardiert, Waldschenke zerstört
26.12.1944: Zweiter Weihnachtstag, der schwärzeste Tag für Niederlahnstein. Bombenangriff nachmittags 12 bis 13 Uhr. Nebenan auf dem Klostergrundstück große Sprengtrichter. Krankenhaus weiter beschädigt. Insbesondere wurde die Markstraße schwer mitgenommen. Die landwirtschaftlichen Gebäude von Heinrich Dehes Witwe schwer beschädigt. Haus Freißburger und Haus Pabel gänzlich zerstört. Von der Eisenbahnunterführung abwärts nach Horchheim auf der rechten Seite alles zerstört, auf der linken Seite vier Häuser. In der Markstraße gab es auch die meisten Toten.
Der Bahnhof Niederlahnstein wurde gänzlich zerstört: Alle Gebäude, Hallen, Güterschuppen, Gleise, alle dort befindlichen Waggons, sowie das Eisenbahn-Betriebsamt in der Koblenzer Straße, das Eckhaus am Bahnhof (Weigand) total ausgebombt. Postgebäude beschädigt, das Haus Bretzmann total zerstört, andere Häuser in dieser Umgebung schwer beschädigt.
Ferner wurden gänzlich vernichtet: das Haus von Blümlein (Koblenzer Straße), ebenso der Raffenberger Hof. Das anliegende Wohnhaus stark beschädigt. Alles ein großer Trümmerhaufen. Das Amtsgericht sehr stark beschädigt. Die neue Barbarakirche zum großen Teil zerstört: Nur die Mauern und der Turm stehen. Eine sehr große Anzahl von Häusern wurden außerdem schwer beschädigt und mussten geräumt werden. Überall in Gärten und Feldern große Einschlagtrichter. Die Zahl der Toten namentlich auf dem Bahnhof ist groß. Getötet wurden, soweit ich feststellen konnte, folgende Personen: [An dieser Stelle werden über 30 Namen aufgeführt, die im Stadtarchiv Lahnstein einsehbar sind.]
Auf dem Bahnhof wurden ca. 120 Tote (Durchreisende, vorwiegend Soldaten) geborgen. Die Leichen wurden in der Schule Bergstraße aufgebahrt, eingesargt und auf dem Friedhof beerdigt.
30.12.1944: Toni Dores, Oberlokführer, wohnhaft Markstraße, wurde auf seiner Maschine in Braubach durch Tiefflieger getötet.
29.01.1945: Bomben [wurden] in den Vorgarten meines Hauses [Markstr. 15] geworfen, sowie auf das Grundstück des Krankenhauses. Das ganze Haus beschädigt, namentlich die hintere Seite (Schieferdach), Vorbau am Treppeneingang vollständig zerstört. In den Mansarden und Hängen sowie im Treppenhaus sind die Decken heruntergefallen. Außerdem in allen Zimmern starke Risse in den Wänden. Vor- und Hintergarten erneut stark verwüstet, Bäume zerstümmelt und unbrauchbar. Das sind die Früchte des Schweißes meiner Arbeit.
Das Wohnhaus von Frau Gerharz gänzlich ausgebrannt. Die Häuser von Peter Pink, Kurz und Zengler zum Teil vollständig zerstört. Scheune von Heinrich Dehes Witwe ausgebrannt. Sämtliche Vorräte an Heu und Stroh vernichtet, das Vieh konnte gerettet werden. Die Häuser von Witwe Anton Laux und Hamann Speicher ausgebrannt. Haus Bach total zerstört. Haus Mössler und ein Siedlungshaus stark beschädigt. (Alle Gebäude in der Mark)
Die Häuser von Rektor Fischer und Johann Wirges VIII. am Marktplatz gänzlich vernichtet. Kasernen, Barbarakirche und Amtsgericht erneut schwer beschädigt. Ebenso das Haus von Frau Fein und Herrn Wolf sowie von Frau Lauck. An Toten gab es sechs Soldaten in den Kasernen (Baracken).
15.03.1945: Von diesem Tage ab ist jeder Eisenbahn,- Post- Schiff- und Autoverkehr eingestellt. Mit diesem Tage musste ich meine Bürotätigkeit in St. Goarshausen einstellen. Schon in den letzten Tagen musste ich einzelne Strecken, so von Kamp, Osterspai und Braubach zu Fuß zurücklegen, so dass man froh war, überhaupt noch nach Hause zu kommen. Auch war es sehr kalt. Schnee und Eis.
Josepha Reichert, Gewerbeoberlehrerin, durch Bombensplitter getötet.
17.03.1945: Ab diesem Tage Artilleriebeschuss von der Westseite (Kapellen). Liesel Rosenthal tödlich verwundet. Heinrich Daniel, Bäckermeister, durch Granatsplitter im Flur seines Hauses getötet.
18.03.1945: Vom 18. bis 27.03.1945 im Keller [ein]geschlossen mit meinem Hund Mohrchen. Wir beide waren die einzigen Lebewesen im Hause. Meine Frau war im städtischen Luftschutzkeller am Marktplatz. Meine Schwiegertochter war mit den Kindern am 09.02.45 nach Weyer bei St. Goarshausen evakuiert und kehrte am 30.04.45 zurück. Heinrich ging am 16.03.45 auf Kommando bei der Eisenbahn, kehrte jedoch am 17.03.45 wieder zurück, da ein Durchkommen nach Wiesbaden nicht möglich war. Am 23.03.45 sollte er sich zu Fuß über Nastätten nach Wiesbaden durchschlagen, verblieb jedoch in Weyer und kehrte am 06.04.45 nach hier zurück. Für die Zeit vom 02.01. bis 26.03.45 war die ausgebrannte Familie Berghammer mit Frau und Tochter bei mir eingewiesen, verzog wegen Unsicherheit in den Keller des Hitlerjugend-Heimes am 26.03.45. Ab 04.04.45 waren Frau Fein und Tochter bei mir eingewiesen.
18.03.1945: Weitere Beschädigungen meines Hauses in der Nacht vom 17. auf 18.03.45. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle.
19.03.1945: Stetenfeld, Postschaffner, durch Granatsplitter bei den Kasernen getötet. Die Rheinbrücken bei Koblenz-Horchheim und Pfaffendorf wurden deutscherseits gesprengt, ebenso die beiden Lahnbrücken bei Niederlahnstein.
Anton Wirges und Johann Dernier durch Artilleriebeschuss getötet.
20.03.1945: Durch Lautsprecher von Schloss Stolzenfels (Kapellen) stellten die Amerikaner an Niederlahnstein ein Ultimatum von 30 Minuten. Wenn nicht jedes Haus eine weiße Fahne zeigte, würde Niederlahnstein zerschossen werden. Dieser Befehl wurde nicht beantwortet, so dass die Schießerei weiterging. Die Hohenrheiner Brücke wurde deutscherseits gesprengt.
21.03.1945: Neues Ultimatum bis 15 Uhr nachmittags: Evakuierung der Bevölkerung wurde ebenfalls nicht angenommen mit dem Hinweis, dass für die Bevölkerung sich keine Möglichkeit mehr zur Räumung biete, da absolut keine Beförderungsmöglichkeiten beständen und alle Brücken zerstört seien. Die Nacht auf den 22.03.45 verlief ruhig.
22.03.1945: über Tag starker feindlicher Artilleriebeschuss
23.03.1945: über Tag leichtes Feuer
24.03.1945: teilweise Feuerbeschuss
25.03.1945: starkes feindliches Feuer den ganzen Tag über
26.03.1945: den Tag über leichter Beschuss; gegen Abend starkes Feuer auf die Berggruppe hinter dem Schweizerhaus und dem Allerheiligenberg.
Kloster auf dem Allerheiligenberg sowie Gebäude in der Bahnhofstraße stark beschädigt. Der Stollen (ehemaliger Bierkeller oberhalb des Friedhofes, am Börnchen) diente als Luftschutzraum und lag ebenfalls unter feindlichem Feuer. Vor dem Stollen standen Leute, namentlich Jungens, die sich das Schießen ansehen wollten und dieserhalb den Stollen verlassen hatten. [Anmerkung: Hier irrt der Schreiber. Einschlag erfolgte gegen 11.00 Uhr, als es zuvor ruhig war und die Kinder auf der Straße spielten.] In diesem Augenblick schlugen mehrere Granaten ein, wobei es Tote und Verwundete gab.
Am gleichen Tage setzten die Amerikaner abends von Kapellen aus nach Oberlahnstein über und landeten bei dem Werk der Firma Zschimmer und Schwarz.
27.03.1945: Morgens leichtes Feuer, gegen 11 Uhr Feuereinstellung. Um 2 Uhr patrouillieren die Amerikaner durch Niederlahnstein. Um 4 Uhr rückten die Amerikaner vom Westerwald kommend über Bad Ems in Niederlahnstein ein. Bürgermeister Weinem wurde an die Amerikaner sofort interniert und blieb in Haft (2 ½ Jahre), die Parteiführer (Ortsgruppenführer Groning ist in Sachsen beim Volkssturm gefallen.) und sonstige Schreier waren plötzlich verschwunden.
Neuer Bürgermeister wurde Ludwig Satori (vom Hotel Weißes Ross).
Am 24.03.1945 waren die in Niederlahnstein liegenden deutschen Truppen abgezogen. Die militärischen Proviantmagazine konnten nicht mehr endgültig geräumt werden. Hier setzte eine wahre Völkerwanderung ein. Hunderte von Säcken mit Hafer, Gerste etc. lagen noch hier auf Stapel. Anfangs regelte die Stadtverwaltung die Ausgabe an die Bürger. Mit dem Einzuge der Amerikaner wurde geplündert, was noch zu erreichen war. Es war schrecklich, was da verloren ging oder vernichtet wurde. Die Hallen waren fast vollständig ausgeraubt.“
Soweit die Aufzeichnungen von Willy Weiler zu den Kriegsmonaten in sprachlich leicht überarbeiteter Form. Der zweite Teil folgt in der kommenden Woche. Die vollständigen Tagebuchaufzeichnungen können im Original im Stadtarchiv Lahnstein am Kaiserplatz 1 eingesehen werden.
Passend zum Thema hält Stadtarchivar Bernd Geil am Freitag, 13. November 2026 um 18.00 Uhr in der Hospitalkapelle St. Jakobus einen Vortrag über das Kriegsende und die Zeit der amerikanischen Besatzung in Nieder- und Oberlahnstein zwischen März und Juni 1945. Der Eintritt ist frei.
An den Sonntagen, 15. und 22. November bietet Stadtführer Michael Eisenbarth zudem Themenführungen zum Zweiten Weltkrieg an. Treffpunkt ist jeweils um 14.00 Uhr am Alten Rathaus in Oberlahnstein, Hochstraße 34.
Die Teilnahme kostet 8,00 Euro pro Person.
Für den Vortrag und die Themenführungen ist keine Anmeldung erforderlich.