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Blaues Ländchen aktuell - Heimat- u Bürgerzeitung VG Nastätten
Ausgabe 9/2026
Aus den Gemeinden
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POST 2.0 - Zukunft gestalten: Ortsentwicklung in Bogel

Professor Thomé, Studierende und Bürgermeister Holstein und Gemeinderat Bogel

Hochschule Koblenz präsentiert Planungskonzepte für den Bereich Hauptstraße/Rheinstraße

Bogel. Rund 70 Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung der Ortsgemeinde Bogel zu einem besonderen Informationsabend: Acht Studierende der Hochschule Koblenz stellten ihre Masterarbeiten im Modul „Strategien im ländlichen Raum“ vor, in denen sie den Bereich zwischen Hauptstraße und Rheinstraße, auf Höhe des Kindergartens zukunftsorientiert durchgeplant hatten. Bürgermeister Uwe Holstein begrüßte zahlreiche Gäste und dankte den Studierenden sowie Professor Peter Thomé, dem leitenden Dozenten der Hochschule Koblenz, für die intensive Zusammenarbeit und den frischen, unabhängigen Blick auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Gemeinde. Professor Thomé beschrieb bei seiner Begrüßung die Aufgabe und Herausforderung der Studentinnen und Studenten eine bestehende Struktur zu erfassen, umzuplanen und auch, ganz praktisch, die Bestandsstruktur korrekt auszumessen.

Umfassende Bestandsaufnahme als Grundlage

Die Kernaufgabe der Studierenden bestand darin, nicht nur einen einzelnen Entwurf vorzulegen, sondern zunächst den gesamten Ort strukturell zu untersuchen. Dazu wurden Gelände, Gebäudebestand, Leerstände, Bevölkerungsentwicklung, Infrastruktur und Pendlerströme systematisch analysiert. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Bogel verfügt über eine vergleichsweise jüngere Bevölkerungsstruktur als viele andere ländliche Gemeinden, wobei sich die mittleren Jahrgänge (20–49 Jahre) deutlich abzeichnen. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass die Altersgruppe der über 70-Jährigen künftig wachsen wird, mit den entsprechenden Anforderungen an Barrierefreiheit, Pflege und altersgerechte Wohnformen.

Die Analyse der Abhängigkeitsquotienten verdeutlicht, dass die erwerbsfähige Bevölkerung derzeit etwa 536 Personen umfasst, während 281 Personen nicht erwerbsfähig sind. Diese Relation zwischen Erwerbstätigen und zu versorgenden Altersgruppen wird sich in den kommenden Jahren verschieben. Eine Entwicklung, die bei der Planung künftiger Infrastruktur und Angebote mitgedacht werden muss.

SWOT-Analyse: Stärken und Herausforderungen

Im Rahmen der Arbeiten wurden auch detaillierte SWOT-Analyse durchgeführt, die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken der Ortsgemeinde Bogel herausarbeiteten.

Stärken

Die natürliche Lage mit ihren Erholungsräumen, wie beispielsweise der Loreley oder dem Mittelrheintal, stellt eine klare Stärke dar. Auch die touristische Attraktivität der Region bietet Potenziale. Die Vereinskultur und das Gemeinschaftsleben in Bogel sind ausgeprägt, ein identitätsstiftender Treffpunkt, der Generationen verbindet. Zudem besteht eine gute Verkehrsanbindung und eine vergleichsweise kurze Entfernung zu Nachbarorten, was die Mobilität und Erreichbarkeit von Dienstleistungen erleichtert. Die Bausubstanz ist teilweise historisch wertvoll, und der Erhalt dieser Gebäude spart nicht nur CO₂, sondern bewahrt auch die Identität des Ortes.

Schwächen

Gleichzeitig wurden strukturelle Schwächen identifiziert: Die alternde Bevölkerung stellt langfristig eine Herausforderung dar. Ein zentrales Defizit besteht im Bereich der Nahversorgung, es fehlen Einkaufsmöglichkeiten im Ort selbst. Auch die Anbindung des öffentlichen Nahverkehrs ist eingeschränkt, was die Mobilität insbesondere für Menschen ohne eigenes Fahrzeug erheblich erschwert. Jüngere Menschen sind häufig auf umliegende Orte angewiesen, um Freizeit-, Sport- oder Bildungsangebote wahrzunehmen. Zudem gibt es vereinzelt Leerstände und fehlende Barrierefreiheit, die eine weitere Entwicklung hemmen.

Chancen

Die präsentierten Konzepte zeigen jedoch eine Vielzahl an Chancen auf: Durch gezielte Nachverdichtung und Umnutzung bestehender Gebäude können neue Wohnformen geschaffen werden, insbesondere für Senioren mit unterschiedlichen Betreuungsstufen und für junge Familien. Die Stärkung des Ortskerns durch multifunktionale Nutzungen, etwa die Kombination von Wohnen, Pflege, Kinderbetreuung und Freizeitangeboten, würde die Attraktivität erheblich steigern. Auch die Schaffung von Treffpunkten und Begegnungsorten, etwa durch eine Kegelbahn, ein Dorfzentrum oder gemeinschaftliche Außenflächen, könnte die soziale Infrastruktur beleben. Der Erhalt und die Umnutzung historischer Gebäude bieten zudem die Chance, Identität zu bewahren und gleichzeitig moderne Anforderungen zu erfüllen.

Risiken

Zu den identifizierten Risiken zählt der demografische Wandel mit einer zunehmend alternden Bevölkerung, die den Bedarf an Pflege- und Unterstützungsangeboten weiter erhöhen wird. Fehlende Nahversorgung und mangelnde Mobilitätskonzepte können dazu führen, dass insbesondere ältere Menschen ihre Selbstständigkeit verlieren und jüngere Familien wegziehen. Ohne gezielte Entwicklung besteht die Gefahr, dass Leerstände zunehmen und der Ortskern an Attraktivität verliert. Auch der Rückgang jüngerer Altersgruppen könnte langfristig die Auslastung von Infrastrukturen wie Kindergarten und Schule gefährden.

Acht Entwürfe – vielfältige Lösungsansätze

Die vorgestellten Masterarbeiten zeigen unterschiedliche Ansätze, wie der Bereich zwischen Hauptstraße und Rheinstraße, auf Höhe des Kindergartens und der Gaststätte zur Post, entwickelt werden könnte. Allen gemein ist die Vorgabe für mindestens eine Planung, den Kindergarten im Ort zu erhalten, um die Attraktivität für Familien zu sichern und Leerständen entgegenzuwirken. Gleichzeitig sollen möglichst viele bestehende Gebäude erhalten und sinnvoll umgenutzt werden, um CO₂ einzusparen und den historischen Charakter zu bewahren.

Kindergarten und Gaststätte zur Post

Die Konzepte umfassen eine breite Palette an Nutzungen: Seniorengerechtes Wohnen mit unterschiedlichen Betreuungsstufen, von selbstständigem Wohnen bis hin zur Tagespflege und Pflegewohngemeinschaften wurde in Arbeiten als zentrales Element integriert. Damit wird auf den wachsenden Bedarf an altersgerechten Wohnformen reagiert, die es älteren Menschen ermöglichen, im vertrauten Umfeld zu bleiben. Die Kindertagesstätte erhält in den Entwürfen ebenfalls eine zentrale Rolle und wird mit großzügigen Außenflächen geplant, die den Kindern vielfältige Spiel- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Zudem wurden neue Wohnformen für junge Familien und Erwerbstätige vorgeschlagen, um die Altersstruktur zu verjüngen und die Gemeinde langfristig lebendig zu halten.

Ein besonders charmantes Detail: In einem der Entwürfe wurde sogar eine Kegelbahn eingeplant, als Begegnungsort und Freizeitangebot, das generationenübergreifend genutzt werden kann und das Vereinsleben stärkt. Weitere Ideen umfassen multifunktionale Gemeinschaftsräume mit barrierefreien Zugängen.

Die Gaststätte und bestehende Wohngebäude sollen nach Möglichkeit erhalten und durch Sanierung sowie Umnutzung in die Gesamtplanung integriert werden. Dieser Ansatz trägt nicht nur zur CO₂-Einsparung bei, sondern erhält auch die bauliche Identität des Ortes.

Bauen im Bestand – eine anspruchsvolle Aufgabe

Die Studierenden haben bei ihren Arbeiten die besondere Herausforderung berücksichtigt, im Bestand zu bauen. Anders als bei einem Neubau auf der grünen Wiese müssen hier bestehende Strukturen und (bau)technische Gegebenheiten einbezogen werden. Die vorgestellten Kostenschätzungen, die anhand der Geschossflächen nach BKI-Preisindex ermittelt wurden, bewegen sich in einem Rahmen von etwa 5 bis 9 Millionen Euro, abhängig vom Umfang der Sanierung und den gewählten Nutzungen. Diese Zahlen verdeutlichen die Dimension der Aufgabe, zeigen aber auch, dass eine schrittweise Umsetzung in Etappen durchaus realistisch sein kann.

Beeindruckende Präsentation und lebhafte Diskussion

Präsentation der Ergebnisse durch die Studierenden

Die Studierenden präsentierten ihre Arbeiten nicht nur anhand digitaler Darstellungen, sondern auch mit fachmännisch und liebevoll gefertigten, maßstabsgetreuen 3D-Modellen des geplanten Bereichs. Besonders beeindruckend war ein 3D-Modell des gesamten Dorfes im Maßstab 1:1000, auf dem alle Zuschauer ihre eigenen Häuser suchen und die räumlichen Zusammenhänge nachvollziehen konnten. Ergänzt wurden die Modelle durch detaillierte Pläne, Grundrisse, Schaubilder und Visualisierungen, die ein umfassendes Bild der Planungsideen vermittelten.

Bei der Ausstellung und Vorstellung der acht Masterarbeiten bot sich den Bürgerinnen und Bürgern Zeit für Fragen und Anmerkungen mit den Studierenden. Die Diskussionen und Erklärungen verliefen konstruktiv und zeigte das große Interesse der Bevölkerung an der Zukunft ihres Ortes. Besonders geschätzt wurde der unabhängige, fachmännische Blick der Studierenden, der neue Perspektiven eröffnet und sowohl für die Bürgerschaft als auch für den Gemeinderat wertvolle Impulse für kommende Entscheidungen liefert.

Unverbindliche Lösungen als Diskussionsgrundlage

Wichtig war allen Beteiligten zu betonen, dass die vorgestellten Entwürfe als unverbindliche Lösungsvorschläge zu verstehen sind. Sie sollen keine fertigen Baupläne sein, sondern vielmehr neue Möglichkeiten zur Diskussion stellen und den Raum für eine offene Planung öffnen. Die Gemeinde kann nun in Ruhe prüfen, (ob) welche Elemente realistisch umsetzbar sind, welche Prioritäten gesetzt werden sollen und wie eine schrittweise Entwicklung aussehen könnte. Die Projekte bieten eine fundierte Grundlage, um mögliche Förderanträge zu stellen und langfristige Entwicklungsstrategien zu erarbeiten.

Bogel Maßstab 1:1000 als 3D Modell

Ausblick: Broschüre geplant

Die umfangreichen Arbeiten der Studierenden sollen nicht in der Schublade verschwinden. Es ist vorgesehen, dass die Pläne, Analysen und Entwürfe im Laufe des Jahres 2026 als Broschüre, sowohl in gedruckter Form als auch in elektronischer Form, der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden können. Damit haben alle Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, die Konzepte in Ruhe nachzuvollziehen und zu diskutieren.

Fazit: Chancen für eine lebendige Zukunft

Die Präsentation der acht Masterarbeiten hat eindrucksvoll gezeigt, welche Potenziale in Bogel stecken. Die Kombination aus Bestandserhalt, neuen Nutzungen und durchdachter Infrastruktur kann dazu beitragen, den Ort für alle Generationen attraktiv zu gestalten, von jungen Familien über Erwerbstätige bis hin zu Seniorinnen und Senioren, die im vertrauten Umfeld alt werden möchten.

Ein Konzept der Umsetzung

Die Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen: Der demografische Wandel, fehlende Nahversorgung und Mobilitätsprobleme erfordern ein mittelfristiges Handeln. Doch die vorgestellten Konzepte zeigen, dass es machbare Lösungen gibt. Lösungen, die auf den Stärken des Ortes aufbauen, bestehende Gebäude wertschätzen und gleichzeitig moderne Anforderungen erfüllen.

Bogel hat nun die Grundlagen gelegt, um weiter zukunftsorientiert handeln zu können. Mit Augenmaß, Bürgerbeteiligung und langfristigem Denken kann die Ortsentwicklung gelingen. Die Masterarbeiten der Hochschule Koblenz liefern dafür eine hervorragende Grundlage, fachlich fundiert, kreativ und voller Gestaltungsmut.

Professor Thomé und sein Team haben bewiesen, dass akademische Arbeit und kommunale Praxis Hand in Hand gehen können. Bürgermeister Holstein dankte allen Beteiligten für ihr Engagement und überreichte allen Studierenden neben einer Aufwandsentschädigung auch eine Urkunde der Gemeinde für die zukunftsorientierten Konzepte mit der Überschrift „Gemeinschaft stärken – Heimat gestalten – Zukunft bewegen“.

Bogel bietet für die Zukunft viele Entwicklungsmöglichkeiten und das ist eine gute Nachricht.

Peter Maus (1. Beigeordneter Bogel)