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Andernach aktuell
Ausgabe 37/2020
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Wahre Begebenheiten bieten Stoff für neuesten Kriminalroman

Die Krimiautorin an ihrem Arbeitsplatz.

Stolz präsentiert Gabriele Keiser die Ausbeute ihrer akribischen Recherche: eine Originalausgabe der Zeitschrift "Neue Illustrierte" aus den 50er Jahren.

Wertvolle Zeitzeugen, die viel zu "erzählen" haben: Originaldokumente aus den 50er Jahren, die den Sexualstraftäter Bernhard Prigan thematisieren, der auch als Autobahnmörder bekannt war.

Andernacher Autorin Gabriele Keiser macht Frauenmörder der 50er-Jahre zur Hauptfigur

ANDERNACH. Wenn Faszination Verbrechen, wahre Begebenheiten und ein persönlicher Bezug zusammenkommen, „bastelt“ Krimiautorin Gabriele Keiser gerade an ihrem neuesten literarischen Werk. Grundlage ist die von ihr akribisch recherchierte Geschichte des Frauenmörders Bernhard Prigan, der in den 40er- und 50er-Jahren deutschlandweit sein Unwesen getrieben hat.

Was den Stoff so besonders macht: Die Andernacher Krimiautorin hat einen sehr persönlichen Bezug dazu. Um ein Haar hätte auch ihr eigenes Schicksal von der Willkür des Sexualstraftäters abhängen können. „Wäre meine Mutter ins Visier dieses Täters geraten, würde es mich nicht geben“, bemerkt sie fast beiläufig.

Und das war gar nicht so unwahrscheinlich. Passte ihre Mutter, damals 17 Jahre jung und unbedarft, doch haargenau ins Beuteschema des Mannes. Er lebte und arbeitete als Knecht ein halbes Jahr auf dem Nachbarhof ihres Elternhauses in der Westpfalz.

130 Verbrechen

130 nachgewiesene Sittlichkeitsverbrechen gehen auf sein Konto. Dass die jungen Frauen und Mädchen ihrer Heimat verschont geblieben sind, ist wahrscheinlich nur dem Umstand geschuldet, dass Prigan Gefahr lief, entdeckt zu werden. In seinem Unterschlupf verhielt er sich daher vermutlich extra ruhig und ließ sich nichts zu Schulden kommen.

Keisers ehemalige Nachbarin Elke, damals ein Kind, heute eine Frau in den Siebzigern, erinnert sich genau an den freundlichen, fleißigen Mann, mit dem sie eine Zeit lang unter einem Dach gelebt und an einem Tisch gegessen hatte. Besonders der Geruch seines Rasierwassers und die unreine Haut sind ihr im Gedächtnis geblieben.

Besonders grausig ist, dass Elkes Mutter beim Waschen schwarze Gummikugeln in den Hosentaschen Prigans fand. Damit trainierte der Frauenmörder die Hände und feilte an seiner Technik, die er sich bei den amerikanischen Catchern abgeguckt hatte. Man sollte bei seinen Opfern nicht gleich die Würgemale entdecken.

Figuren müssen originell sein

Die wahre Begebenheit „hat meine Phantasie angeregt“, sagt Keiser. Für ihr neues Buch ist die 67-Jährige ganz tief in die Materie eingetaucht, hat umfassend im Internet sowie im Landesarchiv Karlsruhe recherchiert und viele alte Zeitungsberichte gelesen. Aber Keiser wäre nicht die Romanautorin, wie man sie kennt und die für ihre Franca-Mazzari-Reihe in mittlerweile sieben Bänden bekannt ist, wenn sie die Tatsachen nicht in eine frei erfundene Geschichte einbetten würde.

Die Figur Linde, die an ihre eigene Mutter angelehnt ist, wird sich in den Serientäter verlieben. Wie die Geschichte ausgeht, verrät die Wahl-Andernacherin natürlich nicht. Aber sie verspricht, dass es spannend wird.

Interesse an psychologischen Hintergründen

Durchkonzipiert ist der Roman, schreiben muss sie ihn noch. Dabei legt sie großen Wert auf die Protagonisten. „An der Figur hängt alles, erst dann kommt der Fall“, betont sie. Sie will „in die Figuren reingehen“, ist besonders an den psychologischen Hintergründen interessiert.

Auch der Mörder wird in einem eigenen Erzählstrang die Gelegenheit haben, seine Sicht der Dinge darzustellen. Darf man als Leser Verständnis, gar Empathie für einen Serienverbrecher entwickeln? Auf diese Frage antwortet Keiser: „Ich serviere keine Wahrheit. Jeder darf selbst urteilen. Wenn man die Hintergründe kennt, beurteilt man manchmal ganz anders“.

Sie will verstehen, „warum die Menschen ticken, wie sie ticken“. Um ihre Tätercharaktere genau zu analysieren, bildet sie sich im Profiling, einem Zweig der Psychoanalyse, weiter. „Ein Mord passiert nie einfach so, es gibt immer Gründe“, weiß die preisgekrönte Schriftstellerin. Sie liest einschlägige Literatur, hat den „STERN CRIME“ abonniert und in der ZEIT-Rubrik „Recht & Unrecht“ eine große Inspirationsquelle gefunden. In ihrem bevorzugten Fernsehprogramm dürfen Formate nicht fehlen, in denen reale Verbrechen mit Hilfe von Forensik und Kriminaltechnik aufgeklärt werden.

Alles soll stimmen

Keiser ist es wichtig, alles so realistisch wie möglich darzustellen. Auch was Polizeiarbeit und Ermittlermethoden angehen, ist sie auf dem neuesten Stand. In Walter Günther, dem ehemaligen Polizeihauptkommissar und Leiter der Spurensicherung, hat sie einen kompetenten Berater gefunden. Er beantwortet gern ihre Fragen und freut sich, wenn er sein Wissen weitergeben kann.

Ihr Anliegen ist: „Die Leser sollen zusätzlich etwas lernen“. Im aktuellen Roman, angereichert mit pfälzischen Bräuchen und regionalen Redewendungen, möchte Keiser auch den zeitlichen Bezug der Nachkriegsjahre stimmig darstellen. Wie war das gesellschaftliche Klima, welche Arbeiten wurden auf einem Bauernhof verrichtet, wie weit war die Polizeiarbeit damals, als es zwar noch keine DNA-Analyse, wohl aber Blutgruppenbestimmungen und Fasergutachten gab?

Wer den Erscheinungstermin des neuesten Frauenmörder-Falls nicht abwarten kann, darf sich auf die Veröffentlichung von „Versehrte Seelen“ pünktlich zum Weihnachtsgeschäft freuen. Hier ermittelt die widerspenstige aber dennoch liebenswerte Kommissarin Helena in Bonn und bekommt es mit mehreren verletzten Seelen zu tun.

Auch mit ihrer eigenen. Die ursprünglich aus Berlin stammende Hauptdarstellerin mit Ecken und Kanten löst einen komplexen Fall, in dem ein älterer Mann als untypischer Amokläufer eine Schule stürmt und Kinder mit einer Waffe bedroht.

Claudia Klemt