Palmsonntag: Die Straßen sind gesäumt, die Menschen jubeln, sie winken mit Zweigen, rufen „Hosianna“. Da kommt einer auf einem Esel, unspektakulär und doch Hoffnungsträger. Viele glauben: Jetzt wird alles anders. Jetzt kommt der, der rettet, der aufräumt, der Frieden bringt.
Doch über dem Jubel liegt ein leiser Schatten, denn wir wissen, wie die Geschichte weitergeht: Aus dem „Hosianna“ wird schon wenige Tage später ein „Kreuzige ihn“. Aus Begeisterung wird Enttäuschung. Aus Nähe wird Distanz. Heute bejubelt, morgen fallengelassen.
An Palmsonntag erzählen wir eine Geschichte, schon fast 2000 Jahre alt, aber ein Teil davon geschieht jeden Tag: Menschen werden hochgehoben, gefeiert, bewundert - in der Politik, im Sport, in den sozialen Medien. Und genauso schnell werden sie kritisiert, fallen gelassen oder vergessen, wenn sie nicht mehr den Erwartungen entsprechen. Auch im Kleinen passiert das. Freundschaften verblassen im Alltag. Kollegen und Kolleginnen zählen nur so lange, wie sie „funktionieren“. Nachbarn übersieht man, weil sie nicht mehr mithalten können…
Palmsonntag erzählt viel. Unter anderem hält er uns einen Spiegel vor und fragt uns: Wie schnell wechseln wir die Seiten? Wie beständig ist unsere Wertschätzung für andere? Und: Worauf gründet sich unsere Begeisterung überhaupt?
Aber nicht nur von der Unzuverlässigkeit der Menge erzählt Palmsonntag. Er erzählt auch von einem, der sich davon nicht abbringen lässt. Der den Weg weitergeht - nicht, weil er bejubelt wird, sondern obwohl er fallen gelassen wird. Der bei den Menschen bleibt, wenn sie sich abwenden.
Palmsonntag erinnert mich, wie schnell sich Stimmungen ändern - und wie wichtig es ist, dem etwas entgegenzusetzen.
Für mich liegt in diesem Tag eine Einladung: Genauer hinzusehen, und nicht gleich jedem hinterherzulaufen, der mit irgendwelchen haltlosen Versprechungen daherkommt. Und auf der anderen Seite geduldiger zu sein, nicht vorschnell zu urteilen. Menschen nicht nur im Moment des Erfolgs zu sehen, sondern auch in ihrer Verletzlichkeit. Treue zu üben, wo es unbequem wird - und dann vielleicht zu merken, was wirklich trägt.
Palmsonntag: heute bejubelt, morgen fallengelassen - das muss nicht das letzte Wort sein.
Mit den besten Wünschen für die letzte Woche vor Ostern